Wenn 2025, wie wir in unserem Jahresrückblick argumentiert haben, das „Scharnierjahr“ war, könnte 2026 erstmals nicht mehr im stabilen Gefüge von acht Jahrzehnten regelbasierter internationaler Ordnung verankert sein — einer Ordnung, die Sicherheit, Handel und Klimagovernance zusammenhielt. Was lange nach schleichender Erosion aussah, droht nun zur strukturellen Entkopplung zu werden: zu einem Zustand, in dem Zugehörigkeit zwar formal fortbesteht, die gemeinsame Ausrichtung jedoch verloren geht. Dieser Bruch ist nicht mehr nur zu erahnen; er wird offen ausgesprochen, etwa in der Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten (National Security Strategy, NSS) vom November 2025, die „strategische Stabilität mit Russland“, dem Aggressor im Krieg gegen die Ukraine, wiederherstellen will und transnationale Institutionen als Vektoren „souveränitätszehrender Eingriffe“ rahmt. Territorialrevisionistische Signale und Bündnis-Stresstests gegenüber NATO-Partnern — einschließlich erneuter Formulierungen, die Grönlands Status und sein Recht auf Selbstbestimmung im Staatsverband des Königreichs Dänemark zur Disposition stellen — sind daher keine Einzelereignisse. Sie markieren eine strategische Haltung, die die Grundprinzipien europäischer Sicherheit nicht mehr als verbindlich, sondern als verhandelbar betrachtet.

China wiederum wartet nicht auf den Zusammenbruch der alten Ordnung; es formt aktiv die Konturen ihrer Nachfolge. Mit dem Aufbau paralleler regionaler Institutionen und vom US-Dollar unabhängiger Zahlungssysteme, dem strategischen Einsatz von Finanzmacht und der Militarisierung technologischer Ökosysteme — Halbleiter, künstliche Intelligenz, Datengovernance und kritische Infrastrukturen — treibt Peking ein Modell voran, in dem Macht aus der Verbindung neu definierter Regeln und asymmetrischer Abhängigkeiten erwächst. Gerade auf diesem technologischen Terrain wird die post-idealistische Wende am deutlichsten. Die Kontrolle über Standards, Plattformen, Lieferketten und Rechenkapazitäten ist ebenso entscheidend geworden wie einst Territorium oder Bündnisse. In einem solchen System erzeugt institutionelle Erosion kein Chaos, sondern Hierarchisierung.
Vor diesem Hintergrund kommt Europa eine Ankerrolle zu. Das inzwischen explizite Ziel, den Kontinent als „Gruppe auf Linie gebrachter souveräner Nationen“ (NSS) neu zu definieren — getragen von Parteien der extremen Rechten, die sich als „patriotische Europäer“ inszenieren —, zielt auf eine bewusste Schwächung, wenn nicht Demontage, der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Handlungsfähigkeit der Europäischen Union als Hüterin des Multilateralismus. Zugleich hat diese Strategie eine ausgeprägte Soft-Power-Dimension: Sie richtet sich gegen die EU als normativ bindendes Gegenmodell offener, demokratischer, sozialmarktwirtschaftlicher Gesellschaften — und gegen ihr latentes Potenzial, im Wettlauf um technologische Führungspositionen zu konkurrieren. In dieser Logik des Teilens und Herrschens können amerikanische und russische post-idealistische Rhetorik, deren wachsender politischer und finanzieller Einfluss auf die illiberale Rechte in Europa sowie politische Entscheidungen, die überkommene Sicherheitsgarantien untergraben, einander wechselseitig verstärken. Dadurch entstehen in Europa Spielräume, die China als systemischer Wettbewerber der USA auch dort zu nutzen vermag, wo Interessen nicht vollständig deckungsgleich sind. Zugleich bleibt die EU — zusammen mit Japan, Südkorea, Kanada und anderen nicht-amerikanischen westlichen Demokratien — der zentrale Akteur, für den das Überleben regelbasierter Kooperation existenziell ist und nicht bloß instrumentell. Ob Europa sich unter dem Druck stagnierenden Wachstums, einer größeren Distanz zur Technologiegrenze in Schlüsseltechnologien, zunehmender politischer Polarisierung und hoher öffentlicher Verschuldung zu einem geopolitischen Gegengewicht konsolidiertoder unter innerem und äußerem Druck fragmentiert, wird daher entscheidend dafür sein, ob 2026 die Konsolidierung einer post-idealistischen Ordnung markiert — oder deren letzte wirksame Gegenwehr.
In diesem Sinne wird 2026 zeigen, ob zwischen Staaten, Institutionen und Allianzen noch genügend Kohäsion besteht, um Macht spürbar zu begrenzen — oder ob das internationale System in ein neues Gleichgewicht realistischer Politik einpendelt, dessen einzige Schranke Gegenmacht ist.
Prognose 1. Krisen-Governance wird zum Standardmodus
In zentralen Dimensionen globaler Governance ist zu erwarten, dass 2026 die Schwelle von Erosion zu Irreversibilität überschritten wird. Die nächsten zwölf Monate werden entscheiden, ob der institutionelle Verschleiß, der 2025 national wie multilateral zu beobachten war, sich dauerhaft verfestigt. Was bislang als situatives Abrutschen galt, droht in einen Zustand zu kippen, in dem Umkehr strukturell schwierig wird. Am sichtbarsten ist dies im schrittweisen Abtragen der rechtlichen Schicht internationaler Ordnung: selektive Befolgung gerichtlicher Entscheidungen, Instrumentalisierung — oder stille Umgehung — von Sanktionsregimen sowie eine ausgreifende Praxis des Jurisdiction Shopping. Normalisieren sich solche Präzedenzfälle, begrenzt das Recht Macht nicht länger; es dekoriert sie. Regeln bestehen formal fort, doch ihre Bindungskraft erodiert und wird durch diskretionäre Auslegung ersetzt, die sich an den Interessen der Exekutive orientiert.
Parallel dazu wird Notstands- und Krisenpolitik weiter normalisiert. Krisen-Governance — zunächst gerechtfertigt durch Finanzkrisen, dann durch Pandemie und Krieg — hat sich von der Ausnahme zum Standard verschoben. Parlamente werden weiter marginalisiert, die Budgethoheit ausgehöhlt, und exekutiver Ermessensspielraum als Voraussetzung von „Stabilität“ gerahmt. Große Omnibus-Gesetzespakete — vermarktet als Effizienzsteigerung oder sicherheitspolitische Notwendigkeit — bündeln Autorität in einer Weise, die an frühere historische Momente demokratischer Selbstentmachtung erinnert, wenn auch unter zeitgenössischer rechtlicher und technokratischer Deckung. Minderheitsregierungen, ungelöste Haushaltsverfahren und wiederkehrende Ausnahmezustände verstärken diese Dynamik — und lassen Notstandsinstrumente an die Stelle politischen Konsenses treten.
Sicherheitspolitik spielt in dieser Transformation eine zentrale Legitimitationsrolle. Kriegsvorsorge, Aufrüstung und Narrative hybrider Bedrohung wirken als politische Schutzschilde: Sie schirmen exekutives Handeln vor Kontrolle ab und verengen zugleich den Raum für Widerspruch. Gleichzeitig erweitern technologische Fortschritte — Überwachung, Datenintegration, künstliche Intelligenz und Plattformkontrolle — die Fähigkeit, durch Kontrolle statt durch Zustimmung zu regieren. Das Resultat ist nicht zwingend offener Autoritarismus, sondern eine stillere Mutation hin zu einem System, in dem demokratische Formen intakt bleiben, während substanzielle Begrenzungen exekutiver Macht einer dauerhaften Krisenbewirtschaftung weichen.
Diese Entwicklung steht an erster Stelle, weil sie den Ton für alles Folgende setzt — und an Benjamin Franklins oft zitierte Warnung erinnert: Wer wesentliche Freiheit gegen kurzfristige Sicherheit eintauscht, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. Fragmentierung, geopolitische Neujustierung, fiskalische Erschöpfung und soziale Polarisierung sind keine voneinander unabhängigen Schocks, sondern Symptome eines tieferen Wandels darin, wie Macht ausgeübt und gerechtfertigt wird, wenn Krise zur Regierungslogik wird und nicht zur Ausnahme.
Prognose 2. Wahlen werden zum Test staatlicher Kapazität und demokratischer Glaubwürdigkeit
Wahlen in den entwickelten Demokratien markieren eine Verschiebung der Funktion demokratischer Auseinandersetzung: weg von der Entscheidung über politische Präferenzen, hin zu einem Test, ob demokratische Parteien die Glaubwürdigkeit und Problemlösungsfähigkeit besitzen, um unter enger werdenden fiskalischen, klimatischen und sicherheitspolitischen Zwängen überhaupt regieren zu können. Nicht überall ist mit radikalen Ergebnissen zu rechnen. Doch zunehmend wird an der Urne entschieden, ob Staaten und supranationale Institutionen — einschließlich der Europäischen Union — noch über administrative Kohärenz, fiskalischen Spielraum und rechtliche Autorität verfügen, um handlungsfähig zu bleiben. In diesem Sinne messen Wahlen nicht nur Parteipräferenzen, sondern die Resilienz — oder Fragilität — demokratischer Systeme, die zugleich unter Budgetzwang, Sicherheitsdruck und sozialer Polarisierung stehen.
Die US-Zwischenwahlen sind der folgenreichste dieser Tests. Ihre Bedeutung reicht weit über Mehrheitsfragen im Kongress oder politische Richtungsentscheidungen hinaus. Auf dem Spiel steht die Funktionsfähigkeit des institutionellen Systems selbst: die Glaubwürdigkeit der Wahlverwaltung, die Kontinuität des Regierungshandelns auf Bundesebene, die Unabhängigkeit von Regulierungsbehörden und Gerichten. Ein weiterer Stresspunkt ist, ob die Geldpolitik — unter wachsendem politischen Druck auf die Federal Reserve — gegen parteipolitische Vereinnahmung abgeschirmt bleibt. Das hätte direkte Folgen für die Stabilität des globalen Finanzsystems, das am US-Dollar verankert ist. Ein umstrittener oder delegitimierter Wahlausgang würde nicht nur die Polarisierung vertiefen; er würde die Fähigkeit des Staates schwächen, im Innern wie nach außen kohärent zu handeln, und die Drift von rechtsgebundener Regierungsführung hin zu diskretionärem, exekutivem Krisenmanagement beschleunigen.
In Europa werden die beiden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu einem echten Stresstest. Sollten sich die derzeitigen Umfragewerte der AfD in Mandate und illiberale Mehrheitskonstellationen übersetzen, die ihr direkten oder indirekten Regierungseinfluss eröffnen, würde sie in der Bundesrepublik erstmals Zugriff auf politische Schaltstellen gewinnen — und damit auf Macht- und Vetopotenziale. Das zentrale Risiko liegt darin, dass nationalistische Akteure so faktische Blockademacht über zentrale Politikfelder gewinnen: Haushalte, innere Sicherheit, Bildungspolitik und die europapolitische Positionierung. Denn über den Bundesrat können einzelne Länder Bundespolitik bremsen oder blockieren — und damit die administrative Handlungsfähigkeit auch auf Bundesebene beeinträchtigen. Solche Ergebnisse würden Deutschlands Fähigkeit testen, politische Kohärenz gerade in dem Moment zu sichern, in dem fiskalische Disziplin bei erhöhten Verteidigungsausgaben und der Notwendigkeit engerer europäischer Koordination zur Existenzfrage staatlicher Handlungsfähigkeit wird.
Frankreich ist ein eigenständiger, aber ebenso kritischer Fall. Die Tragfähigkeit einer Minderheitsregierung, anhaltender Haushaltsstillstand und die zunehmende Normalisierung von Regieren per Dekret erhöhen die Wahrscheinlichkeit erneuter vorgezogener Neuwahlen. Diese wiederum bergen ein nicht geringes Risiko eines Durchbruchs des Rassemblement national — parlamentarisch oder im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahl. Die Frage ist hier nicht Wahlvolatilität an sich, sondern ob der französische Staat fiskalische Konsolidierung, soziale Stabilität und europäische Verpflichtungen weiterhin miteinander vereinbaren kann, ohne einen tieferen Legitimationsbruch auszulösen.
Auf europäischer Ebene entfaltet sich ein verwandter Stresstest durch die schrittweise Erosion der informellen Brandmauer, die lange den Einfluss der extremen Rechten im Parlament begrenzte. Jüngere Abstimmungsmuster im Europäischen Parlament — am sichtbarsten die Annäherung von Teilen der Mitte-Rechts-Fraktionen an die extreme Rechte bei den EU-Regeln zur Sorgfaltspflicht in Lieferketten, neben wachsender Zusammenarbeit bei Migration, Klima und regulatorischen Dossiers — signalisieren eine Verschiebung von prinzipieller Ausgrenzung hin zu opportunistischen Arrangements. Das ist weniger Ausdruck ideologischer Konvergenz als Ergebnis der harten Logik von Wahlarithmetik und legislativer Paralyse unter Bedingungen der Knappheit.

Politisch erleichtert diese Strategie die schrittweise Normalisierung von Mehrheiten, die illiberale Akteure einschließen – und entzieht sich zugleich teilweise dem öffentlichen Blick, auch weil das Europäische Parlament im Windschatten nationaler Öffentlichkeiten operiert. Was als pragmatische Problemlösung auf EU-Ebene etikettiert wird, dient so als Proberaum für Kooperationen, die auf nationaler Ebene politisch deutlich kostspieliger wären. Der Effekt ist ein graduelles Absenken der Hemmschwellen hin zu routinemäßiger Zusammenarbeit — auf EU- wie nationaler Ebene — und damit eine Annäherung an jenes Ziel, das Teile des US-amerikanischen Establishments ausdrücklich formulieren, Europa als „Gruppe auf Linie gebrachter souveräner Nationen“ neu zu rahmen.
Die politisch-institutionellen Konsequenzen sind erheblich. Mit dem Ausfransen der Brandmauer gewinnt die extreme Rechte agendasetzenden Einfluss, Ausschusshebel und faktische Vetomacht, ohne die Lasten formaler Regierungsverantwortung zu tragen. Einfluss wird ohne Verantwortungsübernahme gewonnen, Macht ohne Rechenschaft ausgeübt. Das Ergebnis ist keine demokratische Einbindung durch Wettbewerb, sondern eine asymmetrische Inkorporation: Obstruktion wird belohnt, kollektive Verantwortung verdünnt. Für die EU und ihre Mitgliedstaaten markiert dies den Übergang von normbasierter Grenzziehung zu funktionaler Anpassung an illiberale Politik. Das Risiko ist nicht nur prozeduraler Drift, sondern eine tiefere Erosion demokratischer Glaubwürdigkeit: Systeme, die anti-pluralistische Akteure internalisieren, riskieren, auch deren Logik des Regierens zu übernehmen. In diesem Sinne kann das Europäische Parlament zunehmend als Labor dienen, um vergleichbare Mehrheiten auf nationaler Ebene politisch akzeptabel zu machen — Tabus abzutragen, transaktionale Allianzen zu normalisieren und die Ausbreitung illiberaler Regierungspraktiken in der EU zu beschleunigen.
Wie weit diese Dynamiken tatsächlich tragen, wird am deutlichsten auf nationaler Ebene sichtbar. Ungarns Parlamentswahlen im Frühjahr 2026 werden entweder die Konsolidierung nationalistischer, autoritärer und euroskeptischer Regierungsformen in Europa festigen — oder sie potenziell bremsen, gerade wegen der herausgehobenen Stellung Ungarns innerhalb der rechtspopulistischen Internationale. Zusammengenommen — und in Prognose 3 weitergeführt — droht Europas fragmentierter Wahlkalender zum Multiplikator bestehender Belastungen zu werden: Wahlen schneiden sich zunehmend mit fiskalischer Erschöpfung, Verteidigungsverpflichtungen und Migrationsdruck; Instabilität wird eher verstärkt als gelöst. Kumulativ könnte das die Fähigkeit zu kollektivem europäischem Handeln genau dann schwächen, wenn äußerer Druck geschlossene Antworten erzwingt.
Die Perspektive für 2026 lautet: Wahlen werden zur Legitimationsentscheidung unter Knappheit. Wo frühere Zyklen vor allem um Verteilung und Ideologie kreisten, entscheidet sich künftig zunehmend an der Urne, ob demokratische Systeme die Autorität — und die Kapazität — behalten, überhaupt schwierige Entscheidungen zu treffen. Wahlausgänge formen dann nicht nur Politikpfade; sie markieren, ob demokratische Governance unter Knappheit funktionsfähig bleibt — oder ob Legitimität selbst zum nächsten Opfer der post-idealistischen Ordnung wird.
Prognose 3. Die politische Ökonomie der Knappheit: Fiskalstress, Verteilung und Regierbarkeit
Fiskalstress dürfte sich zunehmend in Krisen der Regierbarkeit übersetzen: Wo der finanzielle Spielraum schrumpft, wachsen politische Blockaden, Verteilungskonflikte — und der Rückgriff auf Notstandsmaßnahmen in Haushaltspolitik und Exekutive in den entwickelten Demokratien. Steigende öffentliche Verschuldung, restriktivere Finanzierungsbedingungen und konkurrierende Ausgabenprioritäten werden politische Ambition nicht länger nur begrenzen; sie werden staatliche Handlungsfähigkeit — und damit demokratische Legitimität — direkt auf die Probe stellen. Wo Regierungen einer wachsenden Kluft zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und budgetären Realitäten gegenüberstehen, droht Fiskalstress sich zu Legitimationskrisen, sozialer Unruhe und verschärfter politischer Polarisierung zu verhärten.
In diesem Kontext fungiert öffentliche Verschuldung ebenso als Budgetrestriktion wie als politischer Beschleuniger. Zunehmende Unsicherheit am Arbeitsmarkt und wachsende Verteilungsungleichgewichte machen diese Lage politisch hochentzündlich. In vielen deindustrialisierten Volkswirtschaften ist Beschäftigungssicherheit geschwunden — selbst dort, wo die Gesamtbeschäftigung robust erscheint. Arbeit ist prekärer geworden, Verhandlungsmacht hat abgenommen, und die Erträge von Innovation — also die Frage, ob Produktivitätsgewinne sich in höheren Löhnen niederschlagen — sind ungleicher verteilt worden: ein klarer Bruch mit dem sozialen Vertrag, auf dem sozialmarktwirtschaftliche Systeme mit dem Versprechen „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard, 1957) beruhten. Wenn mittlere Einkommen stagnieren, während Vermögenswerte und Spitzenvermögen weiter wachsen, wird fiskalische Zurückhaltung weniger als Vorsicht denn als politisches Im-Stich-Lassen wahrgenommen — sie befeuert anti-systemische Politik und vertieft die Legitimationslücke.
Hohe Schuldenstände, steigende Zinslasten und schrumpfende fiskalische Puffer verstärken das Gefühl demokratischer Ohnmacht — besonders dort, wo sie mit sichtbaren und konkurrierenden Ansprüchen auf höhere Verteidigungsausgaben, Klimainvestitionen und soziale Absicherung zusammenfallen. Haushaltskrisen und Verteilungskonflikte um Sozialstaatsrückbau, Zielkonflikte zwischen Verteidigung und Sozialausgaben sowie die Ausweitung industriepolitischer Subventionen rücken damit aus dem Bereich technokratischer Anpassung ins Zentrum politischer Auseinandersetzung. In mehreren entwickelten Volkswirtschaften wird Fiskalpolitik nicht länger primär als stabilisierendes Instrument fungieren; vielmehr wird sie zum Brennpunkt politischer Spaltung — und schwächt die Fähigkeit demokratischer Parteien, pragmatische Kompromisse über klar benannte Herausforderungen zu schließen. Die kumulative Wirkung ist ein weiterer Vertrauensverlust in das Gemeinwesen selbst, in der fiskalische Knappheit zunehmend nicht als gemeinsame Grenze erlebt wird, die kollektiv zu managen ist, sondern als Evidenz systemischer Unfähigkeit.
Die USA illustrieren eine eigenständige, aber systemisch folgenreiche Variante dieser Dynamik. Statt fiskalische Verpflichtungen an inländische Grenzen anzupassen, zielt entstehendes wirtschaftspolitisches Denken zunehmend darauf, fiskalischen Druck über Handel, Währung und institutionelle Hebel zu externalisieren. Vorschläge, die mit Stephen Mirans (2024) Blaupause zum Umbau des globalen Handelssystems verbunden sind — einschließlich aggressiver Zölle, selektiver Kapitalverkehrskontrollen und impliziten Drucks auf dollarbasierte Finanzarrangements –, rahmen fiskalische Nachhaltigkeit als Funktion geopolitischer Dominanz statt inländischer Anpassung. In der Praxis birgt dieser Ansatz das Risiko, Fiskalstress in ein Instrument internationaler Zwangsausübung zu verwandeln, Anpassungskosten auf Verbündete und Handelspartner abzuwälzen und zugleich die globale Währungs- und Handelsarchitektur weiter zu politisieren. Für 2026 ist die prüfbare Frage, ob diese Ideen in dauerhafte Politikresultate übersetzt werden: ein ausdrücklich als Machtmittel eingesetztes Handelsregime, höhere Toleranz gegenüber finanzieller Fragmentierung und die Bereitschaft, multilaterale Institutionen innenpolitischer fiskalischer Zweckmäßigkeit unterzuordnen.
Frankreich hingegen macht die Regierbarkeitsrisiken von Knappheit in ihrer akutesten innenpolitischen Form sichtbar. Ein Staat ohne stabile Parlamentsmehrheit, mit wiederkehrendem Haushaltsstillstand und wachsender Abstützung auf Exekutivdekrete, markiert die Grenzen demokratischer Handlungsfähigkeit unter Fiskaldruck. Der französische Fall ist emblematisch nicht, weil er einzigartig wäre, sondern weil er Pressionen vorwegnimmt, die auch anderswo auftreten dürften: Wenn fiskalische Konsolidierung auf sozialen Widerstand und institutionelle Starrheit trifft, erodiert demokratische Legitimität selbst in lang etablierten Systemen.
Ein kritisches und oft unterschätztes Risiko für 2026 liegt dabei weniger in staatlicher Zahlungsunfähigkeit als in der Fragilität von Liquidität und Finanzinfrastruktur. Stress dürfte seltener durch offene Zahlungsausfälle entstehen als durch Störungen in Refinanzierungsmärkten, Sicherheitenketten, Staatsanleihespreads und im nichtbanklichen Finanzsektor. Solche Spannungen eskalieren häufig rasch — und erzwingen diskretionäre Interventionen von Zentralbanken und Finanzministerien, die Mandate dehnen oder umgehen. Wenn Liquiditätskrisen Handeln ohne klare rechtliche oder demokratische Autorisierung verlangen, droht sich Notstands-Governance zu verfestigen und die in Prognose 1 beschriebenen Dynamiken weiter zu verstärken.
Die politischen Folgen sind unmittelbar. Liquiditätsstress schlägt rasch in fiskalische Lähmung, umstrittene Rettungsmaßnahmen und verschärfte Verteilungskonflikte um — und nährt das Misstrauen gegenüber Institutionen, die als Schutz des Systems statt der Bürger wahrgenommen werden. So speist fiskalische Knappheit direkt Wahlvolatilität, exekutive Übergriffigkeit und die Normalisierung von Krisenpolitik; sie erzeugt eine selbstverstärkende Schleife zwischen ökonomischer Restriktion und demokratischer Erosion. Der zentrale Test für 2026 ist daher, ob demokratische Systeme unter Bedingungen struktureller Knappheit wieder glaubwürdige Fiskalsteuerung herstellen können, ohne in den permanenten Ausnahmezustand zu flüchten. Ein Scheitern würde nicht nur politische Optionen beschneiden; es würde den sozialen Vertrag untergraben, der demokratische Autorität überhaupt trägt. In diesem Sinne ist die politische Ökonomie der Knappheit kein isoliertes Kapitel neben Wahlen oder Geopolitik: Sie ist das Bindegewebe, das demokratische Legitimität, institutionelle Resilienz und den breiteren Übergang zur post-idealistischen Ordnung miteinander verknüpft.
Prognose 4. Geopolitische Realitäten werden die Erosion westlicher Kohäsion antreiben
Westliche Kohäsion wird sich eher durch selektive Ausrichtung und transaktionale Sicherheit als durch formale Bündnisbrüche auflösen, während rechtliche und institutionelle Friktionen innerhalb des Bündnissystems zunehmend politisiert werden. Der „Westen“ wird 2026 als formales Konstrukt wahrscheinlich nicht kollabieren; seine innere Kohärenz dürfte jedoch so weit erodieren, dass gemeinsame Strategie, gegenseitige Selbstbindung und institutionelles Vertrauen nicht mehr vorausgesetzt werden können. Ausrichtung wird selektiv, kontingent und zunehmend reversibel. Selbst wenn Verträge in Kraft bleiben, wird ihre operative Bedeutung fallweise neu verhandelt — je nach Politikfeld, Partner und wahrgenommenem Nutzen. Das Ergebnis ist — im Sinne russischer und chinesischer strategischer Ziele — eine Schwächung kollektiver Abschreckung, regelbasierter Koordination und normativer Autorität.
Prognose 4 beschreibt den Übergang von Bündniserosion als Hintergrundbedingung zu Bündnisfragilität als aktiver strategischer Variable. 2026 wird Bindung nicht mehr vorausgesetzt; sie wird umkämpft, konditional und transaktional. Die entscheidende Frage zum Jahresende lautet, ob westliche Institutionen genügend Kohäsion bewahren, um Dissens ohne systemischen Bruch zu managen — oder ob die Bündniskohärenz selbst zu einem weiteren Opfer der post-idealistischen Ordnung wird.
Prognose 5. Neue multipolare Plattformen und US-Dollar-unabhängige Zahlungssysteme
Alternative Finanzplattformen und Zahlungsarrangements werden politisch an Bedeutung gewinnen — als Instrumente geopolitischer Ausrichtung und als Hebel — und damit die Dominanz des US-Dollars weiter unter Druck setzen. Ein echtes Bruchrisiko ergäbe sich, wenn eine direkte politische Konfrontation über die US-Geldpolitik die Unabhängigkeit der Federal Reserve spürbar beschädigte: Dann könnte „Optionalität“ in eine abrupt beschleunigte monetäre Fragmentierung umschlagen — verstärkt durch die BRICS-Pläne. Bleibt ein solcher institutioneller Angriff auf die faktische Zentralbankunabhängigkeit in den USA aus, dürfte die Vorbereitung einer BRICS-„Unit“ — eines Währungskorbs aus Gold und den Währungen der fünf ursprünglichen BRICS-Mitglieder — vorerst vor allem Signalpolitik bleiben; sie könnte jedoch in eine ernsthaftere Herausforderung der Vorstellung kippen, eine dollarzentrierte Währungsordnung habe keine ernsthafte Alternative. Wahrscheinlicher ist, dass weitere BRICS-Maßnahmen darauf zielen, die Exklusivität des Dollars anzufechten, den Eindruck seiner Unausweichlichkeit zu unterminieren und den strategischen Spielraum von Ländern zu erweitern, die sich westlicher Konditionalität entziehen möchten. In diesem Sinne wirkt die BRICS-Unit als Keil: Sie schwächt das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit der Dollar-Dominanz, ohne bereits einen funktionsfähigen Ersatz anbieten zu können.
In diesen Bemühungen spielt die New Development Bank (NDB) eine komplementäre Rolle. Als „neutrale“ Finanzierungsalternative präsentiert, gewinnt sie gerade dann an Attraktivität, wenn westliche Konditionalität sich verschärft — rund um Schuldentragfähigkeit, Governance, Klima und zunehmend auch Sicherheitskriterien. Für Kreditnehmer liegt der Reiz weniger in den Zinssätzen als in Optionalität: in der Fähigkeit, Ausrichtungsflexibilität zu signalisieren und Bedingungen zwischen konkurrierenden Blöcken zu verhandeln. Die NDB fungiert damit als Infrastruktur strategischer Ausrichtung: Sie ersetzt die Bretton-Woods-Institutionen nicht, verdünnt aber deren Hebel, indem sie glaubwürdige externe Optionen eröffnet.
Diese von China vorangetriebenen Reformen verschaffen dem Globalen Süden — insbesondere regionalen Mittelmächten — zusätzliche Verhandlungsmacht und dürften 2026 verstärktes Kopplungs- und Paketverhandeln begünstigen. Klimafinanzierung, Schuldenrestrukturierung, Marktzugang und geopolitische Positionierung werden immer häufiger im Verbund statt als getrennte Dossiers verhandelt. Multipolare Plattformen liefern dafür das institutionelle Gerüst und ermöglichen es Staaten, zwischen westlichen und nicht-westlichen Angeboten zu balancieren und zu handeln — eine politische Kunst, die derzeit besonders von der Türkei, Kasachstan, Usbekistan oder zentralen Mitgliedstaaten des Golfkooperationsrats verfeinert wird. Ein kritischer Zusatz 2026 dürfte die Nahrungsmittel- und Düngemittelpolitik sein. Exportkontrollen, Subventionsregime und strategische Reserven werden zunehmend als Verhandlungsinstrumente eingesetzt, vor allem in Regionen, die anfällig für Preisvolatilität und Angebotsstörungen sind. Die Kontrolle über landwirtschaftliche Inputs wird so zur Verlängerung geopolitischer Hebel — und verstärkt die in Prognose 3 analysierte Logik der Knappheit.
Diese Vorhersage beschreibt eine Welt, in der Fragmentierung nicht durch einen abrupten monetären Bruch voranschreitet, sondern durch die Akkumulation von Alternativen. Die Dollar-Dominanz kann 2026 formal fortbestehen; ihre disziplinierende Kraft jedoch nimmt ab, während politisch-institutionelle Unsicherheit in den USA und Europa wächst. Optionalität steigt, Koordination erodiert. Zusammen mit Prognose 3 und 4 bereitet diese Dynamik den Boden für eine weitere Verschiebung im Jahr 2026: den Übergang von finanzieller Hebelwirkung hin zur direkten Instrumentalisierung physischer und technologischer Interdependenz — dem Gegenstand von Prognose 6.
Prognose 6. Strategische Infrastruktur wird zum Schlüssel der Instrumentalisierung von Interdependenz
Strategische Infrastruktur wird nicht länger primär den wirtschaftlichen Austausch ermöglichen, sondern zunehmend als Instrument politischer Hebelwirkung dienen. Globale Interdependenz wird weiter segmentiert, sicherheitslogisch überformt und gezielt manipuliert. Handelsrouten, Energietransite, digitale Netze und Migrationsbewegungen gelten immer weniger als gemeinsame Systeme, die zu stabilisieren sind, sondern als Druckmittel, die auszuspielen sind. Das markiert eine qualitative Eskalation: von der in Prognose 5 beschriebenen finanziellen Optionalität hin zur direkten Zwangsausübung über physische und technologische Verflechtung.
Die Handelspolitik setzt ihre Transformation vom ökonomischen Instrument zur Sicherheitsarchitektur fort. Zölle, Exportkontrollen und Friendshoring-Initiativen dienen zunehmend dazu, Lieferketten in politische Einflussräume zu ordnen, statt Effizienz zu maximieren. Die Umlenkung von Handelsströmen — durch regulatorischen Ausschluss, Zollfriktionen oder selektive Durchsetzung — wird ausdrücklich mit nationaler Sicherheit begründet. Über die Erwartung höherer durchschnittlicher Zollniveaus im Jahr 2026 hinaus ist es vor allem die Routinisierung von Handelsdiskriminierung als Sicherheitspraktik — bei der ökonomische Kosten als akzeptabler Kollateralschaden gelten –, die als prägende Entwicklung zu erwarten ist. Sie verwandelt Handel vom Wachstumsmotor in ein Instrument der Grenzziehung.
Energieunsicherheit im Jahr 2026 wird eher aus Störungen des Infrastrukturökosystems rund um den Transit entstehen als aus physischer Sabotage. Der Rückzug von Schiffsversicherungen, Einschränkungen beim Hafenzugang, Compliance-Unsicherheit und regulatorische Risiken wirken zunehmend wie de-facto-Blockaden — ohne formale Erklärung. Maritime Engpässe, Pipeline-Netze und Stromverbünde werden so zu Zonen abstreitbarer Eskalation. Der entscheidende Wandel liegt in der Verschiebung von Angebotsunterbrechung zu Risikoverstärkung: Energie fließt weiter, aber zu politisch manipulierten Kosten, bei höherer Volatilität und größerer Unsicherheit.

Kritische Infrastruktur — Unterseekabel, Satelliten, Häfen und Logistikknoten — wird zunehmend zugleich zur Hebelschicht und zum Ziel hybrider Kriegführung. Sie ist nicht nur unverzichtbares Asset, sondern auch strukturelle Verwundbarkeit. Druck dürfte 2026 eher durch regulatorische Eingriffe, Lizenzverzögerungen, Versicherungsausschlüsse, Cyberstörungen oder Vertragskonflikte entstehen als durch offene Angriffe. Zuschreibungen bleiben unklar; Eskalation bleibt abstreitbar. Kumulativ entsteht ein System, in dem Konnektivität erhalten bleibt, Verlässlichkeit jedoch sinkt — und damit der strategische Wert von Redundanz und politischer Ausrichtung gegenüber Effizienz wächst.
Künstliche Intelligenz, deren Dominanz die USA als geopolitisches Monopol zu sichern suchen, wirkt als Kraftmultiplikator dieser Dynamiken. Ökonomisch beschleunigt KI die Polarisierung der Arbeitsmärkte: konzentrierte Produktivitätsgewinne auf der einen, breite Verdrängung von Arbeitsplätzen auf der anderen Seite. Der Verteilungseffekt ist dabei nicht zufällig. Er bündelt Einkommen und Vermögen bei Unternehmen und einer Tech-Oligarchie, die Daten, Rechenleistung und Marktmacht monetarisieren kann, während er die Unsicherheit in routinemäßigen und mittleren Qualifikationssegmenten ausweitet. Politisch fällt dies in eine Phase, in der fiskalische Restriktionen — wie in Prognose 3 beschrieben — die Fähigkeit der Regierungen begrenzen, Verlierer zu kompensieren. So wächst die Lücke zwischen der Geschwindigkeit technologischer Transformation und der gesellschaftlichen Aufnahmefähigkeit. Zugleich erweitert KI das Instrumentarium des Regierens durch Kontrolle: Überwachung, Predictive Policing, zielgenaue Konditionalität im Sozialstaat und narrative Verstärkung. 2026 wird die Wechselwirkung aus KI-bedingter Dislokation und engem fiskalischem Spielraum soziale Konflikte verschärfen — und zugleich die politischen Kosten von Repression senken.
Migration wird zunehmend nicht mehr als humanitäres oder demografisches Phänomen behandelt, sondern als Instrument politischer Propaganda und Polarisierung. Selektive Grenzdurchsetzung, Visaregime und Asylverfahren dienen dabei immer häufiger als Verhandlungsmasse in bilateralen wie multilateralen Gesprächen. „Instrumentalisierte Migration“ — ob durch Erleichterung, Behinderung oder Drohung — ermöglicht es Staaten, Druck auszuüben, ohne formale Sanktionen zu verhängen. Innenpolitisch bleibt Migration ein Master-Narrativ, das Versicherheitlichung, fiskalische Ausnahmepraktiken und Legitimationsansprüche gleichsam „freischaltet“. Ein zentraler Indikator zum Jahresende 2026 wird sein, wie häufig Migrationsbewegungen ausdrücklich an Zugeständnisse bei Handel, Hilfe oder sicherheitspolitischer Kooperation geknüpft werden.
Warum 2026 „Jahr Eins“ werden könnte
Wenn makrofiskalische, geldpolitische und institutionelle Hebel 2026 weniger durchschlagskräftig wirken oder stärker umkämpft sind — als Spiegel der Fragilitäten in den ökonomischen Fundamenten aller Großmächte —, wird sich der Druck weiter in Richtung Infrastruktur, Technologie und Migration verlagern. Zwang wird leiser, abstreitbarer und kontinuierlicher. Konfliktschwellen verschwimmen, Eskalationen erfolgen inkrementell. Indem Zwang über Infrastruktur, Technologie und Mobilität normalisiert wird, statt in offene Konfrontation zu münden, droht 2026 ein System zu verankern, in dem Macht nicht durch geteilte Regeln begrenzt wird, sondern allein durch Gegenmacht und Resilienz. Das ist die definierende Bedingung der post-idealistischen Ordnung.
Die Hauptgefahr für 2026 ist nicht ein einzelner Bruch, sondern die Konsolidierung eines Musters: Institutionen und Allianzen bestehen fort, während die Verpflichtungen, die ihnen Bindungskraft verleihen, konditional werden. Setzt sich dieses Muster durch, verschiebt sich das System von bindenden Regeln, die begrenzen, zu konditionalen Regeln, die Machtausübung legitimieren; von automatischer Solidarität zu verhandelter Unterstützung; und von Interdependenz als Stabilisator zu Interdependenz als Druckmittel.
Die sechs Dynamiken oben zeigen, wie ein solches Gleichgewicht selbstverstärkend werden kann. Krisen-Governance normalisiert exekutiven Ermessensspielraum und schwächt legislative Begrenzung. Wahlen werden zu Entscheidungen über administrative Glaubwürdigkeit unter Knappheit, nicht zu Mandaten programmatischer Politik. Fiskalstress verhärtet Verteilungskonflikte und begünstigt prozedurale Umgehung; Liquiditätsschocks können diskretionäre Interventionen erzwingen, die Legitimität erodieren. Westliche Kohäsion zerreibt sich an selektiver Ausrichtung, während Konditionalität sowie rechtliche und institutionelle Friktionen in offene politische Konfrontation übergehen. Monetäre „Optionalität“ wächst durch Alternativen, die Hebelwirkung verdünnen, ohne das Dollarsystem zu ersetzen. Zwang schließlich verlagert sich in die Nähte der Konnektivität — Versicherung, Lizenzierung, Compliance-Risiken, Plattformen, Logistik, Daten –, wo Druck dauerhaft, abstreitbar und schwer abzuschrecken ist.
Nüchtern formuliert könnte 2026 das Jahr sein, in dem die post-idealistische Ordnung nicht mehr wie Drift wirkt, sondern als System zu funktionieren beginnt: eine Ordnung verwalteter Asymmetrien, in der Selbstbindung vor allem durch Gegenmacht und Resilienz erzwungen wird — nicht durch geteilte Prinzipien. Der entscheidende Test bis Ende 2026 wird nicht rhetorische Ausrichtung oder das formale Überleben von Verträgen sein, sondern ob Regelbruch weiterhin vorhersehbare und durchsetzbare Kosten nach sich zieht. Diese Kosten können unterschiedliche Formen annehmen — rechtliche Ungültigerklärung, Marktreaktionen, finanzieller Ausschluss, politische Isolation oder glaubwürdige sicherheitspolitische Konsequenzen –, doch sie müssen hinreichend automatisch wirken, um Verhalten zu begrenzen, statt es nachträglich lediglich zu legitimieren.
Wenn Verletzungen territorialer Integrität, Vertragsverpflichtungen, gerichtlicher Entscheidungen, fiskalischer Regeln oder Bündniszusagen ohne materielle Folgen absorbiert werden — durch Ausnahmen, diskretionäre Verzichtsentscheidungen, selektive Durchsetzung oder verhandelte Sonderregelungen –, dann markiert 2026 den Punkt, an dem Konditionalität die Verpflichtung als Grundgrammatik des Regierens ersetzt. Gelingt es hingegen einer kritischen Masse von Staaten und Institutionen, nicht verhandelbare Kosten für prozedurale Umgehung und Regelbruch wiederherzustellen — über Sicherheit, Handel, Finanzen und Recht hinweg –, könnte 2026 am Ende nicht als „Jahr Eins“ in Erinnerung bleiben, sondern als der Moment, in dem die post-idealistische Ordnung getestet und knapp eingedämmt wurde. Das hinge nicht von Bekenntnissen ab, sondern von der Fähigkeit und Bereitschaft von Staaten und Institutionen, Durchsetzung gegenüber Entgegenkommen zu priorisieren — und zunehmend knappe fiskalische, administrative und politische Ressourcen in die Verteidigung klar definierter Regeln zu investieren, statt in deren diskretionäre Bewirtschaftung.
Jan-Peter Olters
