Die Grundlagen der globalen Handelsordnung, auf denen wirtschaftlicher Wohlstand beruht, stehen unter Beschuss. In einer Zeit militärischer Konflikte, bedrohter Schifffahrtswege und einer Handelspolitik, die Zölle als Machtinstrument missbraucht, ist der Lübecker Reichsfreiheitsbrief vom Juni 1226 weit mehr als ein historisches Dokument von lokaler Bedeutung. Er ist eine ernste Mahnung an politische Entscheidungsträger in aller Welt: Wer die Regeln schwächt, auf denen der Welthandel beruht, untergräbt damit aktiv die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum, Preisstabilität, Beschäftigung – und letztlich für gesellschaftliche und ordnungspolitische Stabilität.
Vertreter der Mitgliedstaaten der Bretton-Woods-Institutionen kommen vom 13. bis 18. April 2026 zu den Frühjahrstagungen in Washington zusammen. Sie tun dies in einem Moment, in dem der Krieg im Nahen Osten, wie Internationaler Währungsfonds, Weltbankgruppe und Welternährungsprogramm am 8. April warnten, „Leben und Lebensgrundlagen in der Region und darüber hinaus erschüttert“. Die Kämpfe hätten bereits eine der gravierendsten Verwerfungen auf den globalen Energiemärkten in der modernen Geschichte ausgelöst. Die sprunghaften Anstiege bei Öl-, Gas- und Düngemittelpreisen würden zusammen mit Transportengpässen zwangsläufig zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und wachsender Ernährungsunsicherheit führen. Politische Antworten darauf müssen nun in einer Lage gefunden werden, in der die multilaterale Entwicklungsarchitektur selbst unter wachsendem politischen Druck steht, während die globale Koordinierung bei nachlassendem Wachstum, sich verschärfender geopolitischer Rivalität, steigender Staatsverschuldung, zunehmender Fragmentierung des Handels, wachsenden Wiederaufbauaufgaben und der übergreifenden Bedrohung durch den Klimawandel sichtbar erodiert. Manche Prioritäten, etwa die grüne Transformation, sind politisch ins Hintertreffen geraten; andere dagegen – vor allem Zölle und Handel – geraten immer tiefer in den Sog der Geopolitik.
Nirgends zeigt sich der multilaterale Drift deutlicher als im Handel und in der Krise globaler institutioneller Führung. Seit 2019 ist das Streitschlichtungssystem der Welthandelsorganisation faktisch gelähmt, nachdem die Vereinigten Staaten die Nachbesetzung der WTO-Berufungsinstanz blockiert haben. Die 14. Ministerkonferenz der WTO in Yaoundé endete am 29. März 2026 ohne Einigung auf ein abschließendes Ergebnispaket, darunter eine substanzielle institutionelle Reform und die Verlängerung des Moratoriums, das den digitalen Handel bislang von Zöllen freigehalten hat. Mehr noch: Die multilaterale Führung selbst gerät unter Druck. Neue Ad-hoc-Initiativen wie Präsident Trumps „Board of Peace“, präsentiert als Instrument für den Wiederaufbau Gazas und das Konfliktmanagement jenseits der Vereinten Nationen, drohen die gewachsenen Standards multilateraler Governance bei international koordinierten Wiederaufbauanstrengungen weiter auszuhöhlen. Zugleich droht die Suche nach einem neuen Generalsekretär der Vereinten Nationen, die vom Ausbleiben des Widerspruchs aller ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats abhängt, zu einem weiteren Test institutioneller Glaubwürdigkeit in einer Zeit zu werden, in der wirksame multilaterale Führung ohnehin Mangelware ist.
Der verlorene Blick für Prinzipien
Dies ist nicht nur eine weitere Phase geopolitisch getriebener Handelsspannungen, nicht einmal bloß deren Zuspitzung. Es ist etwas Grundsätzlicheres: die Abkehr von jenen Prinzipien und Institutionen, die der Weltwirtschaft einst wieder auf die Beine verhalfen. Seit der Währungs- und Finanzkonferenz der Vereinten Nationen in Bretton Woods, New Hampshire, im Juli 1944, zu der 44 Staaten zusammenkamen, ruhte die multilaterale Wirtschaftsordnung auf der Idee, dass internationale Zusammenarbeit – bei aller Unvollkommenheit – dazu beitragen könne, „ein hohes Beschäftigungs- und Realeinkommensniveau“ (IWF, 1944) zu sichern und den „Wiederaufbau und die Entwicklung … von durch Krieg zerstörten oder zerrütteten Volkswirtschaften“ (Weltbank, 1944) zu unterstützen. Doch das zentrale Versprechen der regelgebundenen Handelsordnung – dass Streitigkeiten innerhalb vereinbarter Institutionen, Verfahren und Verpflichtungen ausgetragen werden, die von allen maßgeblichen Akteuren anerkannt sind – erodiert sichtbar. Nadelöhre können einseitig bedroht, Zölle ohne wirksame Begrenzung reaktiviert und Handelspolitik in ein Vokabular von Zwang, strategischer Rivalität und politischer Einschüchterung überführt werden. Die Frage lautet nicht länger nur, ob der Handel offen bleiben wird, sondern ob er überhaupt noch regelgebunden bleibt.
Genau deshalb ist das 800-jährige Jubiläum der Lübecker Reichsunmittelbarkeit von Bedeutung. Der im Juni 1226 von Kaiser Friedrich II. gewährte Reichsfreiheitsbrief bestätigte Lübecks politische Autonomie, sicherte wichtige Handelsprivilegien und stärkte frühere Zollbefreiungen, die Kaiser Friedrich I. Barbarossa bereits 1188 verliehen hatte. Noch wichtiger aber war, dass er die rechtlichen und politischen Voraussetzungen dafür schuf, Handel gegen willkürliche Eingriffe rivalisierender Mächte zu schützen. Lübecks Aufstieg beruhte nicht darauf, dass Macht sich jeder Bindung entzog, sondern darauf, dass Macht durch anerkannte Rechte, Rechtsstatus und einen verlässlicheren Rahmen des Austauschs diszipliniert wurde. Der Reichsfreiheitsbrief bestimmte, dass alle getreuen Kaufleute, wenn sie ihrer Geschäfte wegen zu Lande oder zur See in die Stadt kämen, unbehelligt einreisen und gefahrlos wieder abreisen sollten, sofern sie nur die ihnen obliegende Abgabe entrichteten. Diese rechtliche Absicherung, verbunden mit Lübecks strategischer Lage am Knotenpunkt zentraler Handelswege, versetzte die Stadt in die Lage, Privilegien eigenständiger auszuhandeln, ihr Netz auszubauen und den Weg zu ihrer späteren Vorrangstellung in der Hanse zu bahnen.

Dieser institutionelle Zusammenhang ist entscheidend. Denn gedeihlicher Handel beruht nie allein auf Offenheit. Im Mittelalter nicht weniger als heute ist er auf rechtliche und kommerzielle Berechenbarkeit angewiesen. Kaufleute investieren, Schiffe laufen aus, Häfen wachsen und Netzwerke bilden und verfestigen sich dort, wo die Bedingungen des Austauschs verlässlich genug sind, um Vertrauen zu tragen. Gerade deshalb bleiben der Lübecker Reichsfreiheitsbrief und die mehr als vier Jahrhunderte hansischer Handelserfolge als Teil einer sehr viel längeren Geschichte relevant. Sie verweisen auf eine Lehre, die alt und zugleich von neuer Aktualität ist: Handel gedeiht dort, wo Autorität erkennbar, Rechte anerkannt und politische Eingriffe rechtlich begrenzt sind.
Aus heutiger Perspektive liegt darin die eigentliche Kontinuität. Lange bevor der Begriff des „regelbasierten Handels“ zur modernen diplomatischen Formel wurde, hatte Nordeuropa bereits eine zentrale Wahrheit wirtschaftlichen Lebens verinnerlicht: Maritimer Handel gedeiht nicht schon deshalb, weil Güter transportiert werden können, sondern weil Regeln diese Bewegung für alle Beteiligten lohnend machen. Schiffe brauchen mehr als Wasser; sie brauchen das Vertrauen, dass Verpflichtungen eingehalten, Zölle begrenzt, Rechte geschützt und Streitigkeiten ohne militärische Gewalt, willkürliche Beschlagnahmung oder politische Erpressung beigelegt werden. Das Lübecker Jubiläum ist daher nicht bloß lokale oder regionale Erinnerungskultur. In einer Zeit, in der zentrale maritime Engpässe wie die Straße von Hormus und Bab al-Mandab durch Konflikt und Zwang bedroht sind, lädt es dazu ein, über die Voraussetzungen von Wohlstand neu nachzudenken.
Das Spiel mit künftigem Wohlstand
Adam Smith hat einer Einsicht klassischen Ausdruck verliehen, die die Hanse längst praktisch erlernt hatte. Der Wohlstand der Nationen, vor 250 Jahren erschienen, gab einer Antwort Gestalt, die sich im Widerstand gegen feudale Beschränkung und merkantilistische Bevormundung herausgebildet hatte. Mit ungewöhnlicher Klarheit brachte Smith eine Lehre auf den Begriff, die in der Geschichte wirtschaftlicher Entwicklung längst sichtbar war: Wohlstand wächst tendenziell dort, wo Austausch ausgeweitet und Restriktionen zurückgenommen werden. Smiths Ziel war nicht ein Zustand wirtschaftlicher Regellosigkeit, sondern die Vorstellung einer Ordnung jenseits feudaler Privilegien und merkantilistischer Fesseln, getragen von der produktiven Kraft funktionierender Märkte. Zugleich dachte er keineswegs an eine Welt ohne Institutionen. Er dachte an eine Welt, in der Institutionen nicht länger die Früchte des Austauschs im Keime erstickten, sondern den Rahmen schufen, in dem sich diese entfalten konnten. Spätere Handelstheoretiker, von David Ricardo bis zu Eli Heckscher und Bertil Ohlin, haben diese Einsicht weiter ausformuliert und theoretisch präzisiert. Der Kern des Arguments blieb jedoch derselbe: Freierer Austausch ist, sofern er in eine stabile rechtliche und institutionelle Ordnung eingebettet ist, keine Bedrohung des Wohlstands, sondern eine seiner Voraussetzungen.
Gerade diese Unterscheidung wird in der heutigen Debatte noch immer in beide Richtungen verfehlt. Freihandel wird zu oft so gepriesen, als stellten sich seine Vorteile von selbst ein und verteilten sich gerecht, als könnten Märkte sich selbst regulieren. Seine Kritiker wiederum haben wirtschaftliche Liberalisierung häufig als ideologische Fassade zugunsten der Starken denunziert. Die tiefere historische Lehre ist anspruchsvoller. Märkte werden nicht wirklich freier, wenn Regeln zurücktreten; sie werden anfälliger für die Dominanz derjenigen, die ohnehin bereits am stärksten sind. Wohlstand hat sich dort am ehesten ausgedehnt, wo Austausch innerhalb von Rahmen aus Recht, Gegenseitigkeit und institutionellem Vertrauen geöffnet wurde. Lübecks Reichsfreiheitsbrief, die hansische Handelswelt und Smiths Kritik an merkantilistischen Beschränkungen verweisen in unterschiedlicher Weise auf dieselbe Einsicht.
Wenn dies der lange Bogen der kommerziellen Moderne war, dann kam der entscheidende Bruch vor genau einem Jahrzehnt. Das Brexit-Referendum im Juni 2016 und Trumps erster Wahlsieg im November desselben Jahres markierten einen tiefen Einschnitt, auch in der politischen Imagination des Handels. In Großbritannien wurde wirtschaftliche Verflechtung zur nationalen Verwundbarkeit umcodiert, gemeinsame Regeln zu demokratischem Verlust. In den USA kehrten Zölle – ungeachtet des warnenden Erbes der Smoot-Hawley Zollgesetzgebung von 1930 – nicht nur als Verhandlungsmittel zurück, sondern als Ausdruck souveränen Willens und Symbol präsidialer Macht. In beiden Fällen war die zugrunde liegende Botschaft bemerkenswert ähnlich: geteilter Wohlstand geriet unter Verdacht, Institutionen galten als Zumutung, Offenheit erschien weniger als Quelle nationaler Stärke denn als Zugeständnis an andere.
Ein Jahrzehnt später wirkt dieser Bruch weniger wie eine vorübergehende Stimmung als wie der Beginn einer neuen, wahrscheinlich weniger wohlhabenden und ungleicheren Ära. Brexit war nicht bloß eine britische Ausnahme; er war eine frühe demokratische Legitimation von Fragmentierung. Trumps erster Sieg war nicht einfach ein Wahlunfall; er signalisierte die Rückkehr einer amerikanischen Politik, die in Handelsbeziehungen Zwangsmittel einsetzt, multilaterale Disziplin verachtet und den Institutionen misstraut, die die Vereinigten Staaten einst selbst maßgeblich gefördert hatten. Neuere Debatten über wirtschaftlichen Nationalismus, Bündnisverpflichtungen, institutionellen Rückzug und die instrumentelle Nutzung von Zöllen verstärken diesen Eindruck nur. Zusammengenommen haben die Schocks von 2016 die regelgebundene Handelsordnung nicht im Alleingang zerstört. Sie haben ihre Delegitimierung im politischen Kern jedoch erheblich beschleunigt.
Herausforderungen von innen
Der neomerkantilistische „America First“-Ansatz in der Wirtschaftspolitik ist zu einem massiven Belastungsfaktor für die globale Handelsordnung, die multilaterale Architektur und die Wirksamkeit internationaler Finanzinstitutionen geworden. Indem die Vereinigten Staaten sich gegen die Rolle wenden, die sie einst als Architekt der liberalen internationalen Ordnung spielten – einer Ordnung, die selbst eine Antwort auf Faschismus, Krieg und wirtschaftlichen Zusammenbruch war –, sind sie zur ernstesten Bedrohung des regelgebundenen Handelssystems geworden. Verankert im wirtschaftlichen Nationalismus hat die gegenwärtige amerikanische Regierung die multilaterale Handelsordnung nicht nur nicht verteidigt. Sie hat aktiv zu ihrer Schwächung beigetragen: durch die Lähmung jener Mechanismen verbindlicher Streitschlichtung, von denen glaubwürdige Durchsetzung abhängt, durch die Normalisierung zollpolitischen Zwangs und dadurch, dass Handel zunehmend nicht mehr als Rahmen gegenseitig bindenden Rechts, sondern als Feld machtpolitischer Projektion behandelt wird. Der Schaden ist zum Teil institutionell. Schwerer wiegt, dass dadurch das Vertrauen in die Möglichkeit erodiert, dass Regeln die Starken ebenso binden können wie die Schwachen.
Zu diesem Zweck hat Washington auch in anderen Politikfeldern global koordinierte Anstrengungen geschwächt. Unter dem Dach des Pariser Klimaabkommens gerät die grüne Energiewende zunehmend unter Druck, weil fossile Dominanz erneut politisch forciert und amerikanische Geschäftsinteressen wieder ins Zentrum gerückt werden. In der Entwicklungspolitik fällt der Rückzug nicht weniger deutlich aus. Die Vereinigten Staaten haben ihr Engagement drastisch reduziert, USAID dem Außenministerium untergeordnet und die Behörde zugleich ihrer Ressourcen, ihres Personals und ihrer operativen Eigenständigkeit beraubt. Parallel dazu haben sie sich aus 66 internationalen Organisationen zurückgezogen, die für globale öffentliche Güter in den Bereichen Klima, Gesundheit, Bildung und Menschenrechte zentral sind. Auf der 14. Ministerkonferenz der WTO bezeichnete der amerikanische Handelsbeauftragte Jamieson Greer die Organisation offen als „nicht ernstzunehmendes Forum“ und betonte, Washington werde seinen eigenen handelspolitischen Kurs fortsetzen – regional, bilateral und, wenn nötig, unilateral. Diese Haltung hat den Eindruck eines Systems nur verstärkt, das sich nicht mit der Geschwindigkeit erneuern kann, die die geopolitische Realität verlangt.
Gleichzeitig ist der fortgesetzte Rückgriff auf das Multi-Party Interim Appeal Arbitration Arrangement ein Zeichen von Resilienz und Verfall zugleich: Resilienz, weil einige Mitglieder weiterhin an rechtlicher Überprüfung und verbindlichem Verfahren festhalten wollen; Verfall, weil sie dies über einen Übergangsmechanismus tun müssen, während das universelle System blockiert bleibt. Insgesamt ist dies noch nicht, jedenfalls noch nicht ausschließlich, eine Geschichte des Zusammenbruchs. Die Schwächung des Multilateralismus hat auch eine Gegenbewegung hervorgebracht, getragen von der Europäischen Union und gleichgesinnten Partnern, die Offenheit durch regionale und plurilaterale Abkommen erhalten und damit zugleich Amerikas Bluff entlarven wollen. Nach Angaben der Europäischen Kommission konnten die Verhandlungen mit Indien im Januar 2026 und mit Australien im März 2026 erfolgreich abgeschlossen werden; das Mercosur-Abkommen, politisch bereits im Dezember 2024 vereinbart, wurde im Januar 2026 von den EU-Staaten formell gebilligt. Auch Kanada hat die Diversifizierung seiner Handelsbeziehungen ins Zentrum seiner wirtschaftspolitischen Strategie gerückt. All dies ist kein vollwertiger Ersatz für eine funktionsfähige multilaterale Ordnung. Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind solche Abkommen aber weit mehr als technokratische Nebenarrangements. Sie sind der Versuch, das Prinzip regelgebundenen Handels am Leben zu halten, während seine universelle Form unter massivem Druck steht.
Von Lübeck aus betrachtet, sollte das nicht schwer zu verstehen sein. Regionale Handelsordnungen gingen universellen Rahmen häufig voraus. Die Hanse war nicht global, sondern ein auf Nordeuropa begrenzter Handelsraum. Ihre Leistung bestand nicht darin, jeden Konflikt gelöst zu haben, sondern darin, genügend Berechenbarkeit, Gegenseitigkeit und institutionelle Kontinuität geschaffen zu haben, damit sich Handel über Grenzen und Zeit hinweg vertiefen konnte. Wenn die universelle Ordnung heute ins Wanken gerät, dann könnte die Verteidigung offenen Handels erneut von Koalitionen abhängen, die in einer zersplitterten Welt regelgebundene Räume schaffen.
Damit fällt Europa eine besondere Verantwortung zu. Die EU wird oft für Überregulierung, prozeduralen Überhang und diplomatische Vorsicht, wenn nicht gar Mut- und Visionslosigkeit, kritisiert. Vieles daran ist nicht völlig falsch. Gerade im Handel aber ist Europas gegenwärtiger Instinkt historisch vernünftiger als der der neuen Wirtschaftsnationalisten. Nach seinen zum Teil katastrophalen Erfahrungen mit Nationalismus und autoritären Ideologien hat der alte Kontinent historische Lehren gezogen: Wohlstand lässt sich nicht durch politischen Druck, permanente Improvisation, bilaterale Einschüchterung oder zollpolitisches Theater verteidigen. Europa hat begriffen, dass Recht nicht der Feind des Handels ist, sondern eine seiner Ermöglichungsbedingungen. Und es hat begonnen, wenn auch unvollkommen, aus genau diesem Verständnis heraus zu handeln, indem es breitere Abkommen mit wichtigen Partnern verfolgt – zu einem Zeitpunkt, in dem die Vereinigten Staaten entschlossen scheinen, genau jene Ordnung auszuhöhlen, die sie einst selbst anführten.
Prioritäten für die Zukunft
In Zeiten von Krieg und geopolitischen Krisen verlangen der Fokus des IWF auf makrofiskalische Widerstandsfähigkeit und die umfassende Beschäftigungsagenda der Weltbank erheblichen politischen Mut. Beide Institutionen sehen sich bei den dieswöchigen Frühjahrstagungen in Washington hohen Erwartungen gegenüber, deren Erfüllung alles andere als leicht sein wird. Sie können die WTO nicht per Dekret reparieren, und sie können auch die strategischen Gegensätze nicht auflösen, die den Handel wieder stärker der Logik von Macht unterwerfen. Aber sie können klar aussprechen, was zu viele Regierungen als nachrangig behandeln oder nicht ausdrücklich zu sagen wagen. Sie können dazu beitragen, die Erosion der regelgebundenen Handelsordnung aus dem engen Zuständigkeitsbereich von Handelsministerien herauszulösen. IWF und Weltbank sind in einer einzigartigen Position, deutlich zu machen, dass Welthandel eine Frage von Entwicklung und Stabilität ist – mit Folgen, die von Energiepreisen und Inflation über Ernährungsunsicherheit und Armut bis hin zu breiteren Machtasymmetrien reichen. Für ärmere und verwundbarere Volkswirtschaften bedeutet die Schwächung verlässlicher Handelsregeln insbesondere mehr Unsicherheit, höhere Kosten, schwächere Investitionen, geringeren politischen Handlungsspielraum und größere Anfälligkeit für den Zwang der Starken.
Die Botschaft an jene, die sich in Washington versammeln, sollte deshalb einfach sein. Offenen Handel heute zu verteidigen verlangt mehr, als Multilateralismus rituell zu beschwören. Im Einklang mit ihren jeweiligen Statuten müssen beide Institutionen durchsetzbare Regeln als praktische Notwendigkeit nachhaltiger Entwicklung, makrofiskalischer Stabilität und glaubwürdiger Armutsbekämpfung begreifen. Das verlangt erneute Unterstützung für verbindliche Streitschlichtung, substantielle Unterstützung für Abkommen, die Handel ausweiten und stabilisieren, sowie die Bereitschaft anzuerkennen, dass regionale und plurilaterale Arrangements in einem Zeitalter der Obstruktion womöglich die letzte praktikable Verteidigungslinie einer offenen Weltwirtschaft darstellen. Achthundert Jahre nach Lübecks Reichsfreiheitsbrief bleibt die Lehre so klar wie unerquicklich. Handel wird nicht freier, wenn Regeln zurücktreten. Er wird stärker der Gewalt ausgesetzt. Und wenn Gewalt in den Handel zurückkehrt, zieht sich der Wohlstand zurück.
Jan-Peter Olters
