Quelle: Olters, Jan-Peter (2025). „Les institutions de Bretton Woods à l’épreuve des tensions géopolitiques,“ Conseil des relations internationales de Montréal (CORIM),14. Oktober 2025.

Bei den vom 13. bis 18. Oktober stattfindenden Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank werden geopolitische Spannungen voraussichtlich eine zentrale Rolle spielen. Bereits die UN-Generaldebatte im September machte diese Konfliktlinien sichtbar. Während sich die Vereinigten Staaten zunehmend vom Multilateralismus abwenden, die Legitimität von Institutionen infrage stellen und gemeinsame Antworten auf den Klimawandel ablehnen, präsentiert sich China als proaktiver Befürworter des Multilateralismus. Das Land zeigt sein Engagement für nachhaltige Entwicklung, Süd-Süd-Zusammenarbeit und eine neue Global-Governance-Initiative. Das Ergebnis ist eine zunehmend zersplitterte Welt, in der konkurrierende Entwicklungsfinanzierungsvisionen aufeinandertreffen.
Diese Unterschiede haben die im Jahr 1944 gegründeten Wirtschaftsinstitutionen von Bretton Woods in den Mittelpunkt einer von Umbrüchen geprägten Weltordnung gerückt. Die wachsenden geopolitischen Spannungen und der fehlende Konsens über globale öffentliche Güter haben dazu geführt, dass die Budgets für bilaterale Hilfe gekürzt wurden und der Fokus verstärkt auf Aspekte der nationalen Sicherheit gelegt werden. Deshalb ist das globale Engagement für die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), die bisher einen wichtigen Teil der internationalen Entwicklungsarchitektur bildeten, sowie die dafür vorgesehenen Mittel zurückgegangen.
Im Rahmen von Trumps „America First“-Agenda überdenkt Washington derzeit seinen Rückzug von der entwicklungspolitischen Bühne und versucht, seine nationalen Prioritäten mit den Risiken einer aufkommenden Entwicklungsrivalität in Einklang zu bringen. Der Bericht des National Advisory Council für 2025 sowie die Dokumente zur Handels- und Investitionspolitik identifizieren drei zentrale Ziele für multilaterale Entwicklungsbanken (MDBs): die Wahrung makroökonomischer Disziplin, die Steigerung von Transparenz (einschließlich der Überwachung der öffentlichen Verschuldung auf Kreditebene) sowie die Bevorzugung privater (Ko-)Finanzierungen gegenüber einer Ausweitung öffentlicher Mittel. Aus amerikanischer Sicht sollten MDBs Instrumente priorisieren, die privates Kapital mobilisieren und zugleich konzessionelle Darlehen begrenzen. Diese Maßnahmen sollten gezielt auf einkommensschwache oder fragile Länder ausgerichtet sein. Das Ergebnis wären selektivere, hebelwirkungsgesteuerte Verpflichtungen und ein Schwerpunktwechsel weg von globalen öffentlichen Gütern.
Mögliche Bruchstellen
Es haben sich drei wichtige Themenbereiche als mögliche Stolpersteine für die Jahrestagungen herausgestellt, die langfristig zu Schwierigkeiten führen könnten.
Geopolitischer Wettbewerb
Der Rückzug der USA und die Offenheit Chinas verstärken sich gegenseitig. Durch schnelle und flexible Finanzierungen wird China zum bevorzugten Kreditgeber für Länder im Globalen Süden. Dieser Ansatz stärkt die Position Chinas als Entwicklungspartner. Er bietet eine attraktive Alternative für all jene, die von der vermeintlichen Langsamkeit der MDBs und der begrenzten Verfügbarkeit vergünstigter Finanzierungen frustriert sind.
Europa und Kanada versuchen, die Kluft zu überbrücken. Ihre Strategie besteht darin, Koalitionen zu stärken, um Einfluss auf die Mandate der MDBs zu behalten, ohne dabei direkt mit Washington aneinanderzugeraten. Durch die Bündelung ihrer Stimmrechte und die Förderung der Kofinanzierung zeigen sie, wie sich makroökonomische Stabilität und soziale Investitionen gegenseitig stärken können.
Die sich verändernde Dynamik innerhalb der Exekutivdirektorien wird diese konkurrierenden Strategien widerspiegeln. So könnten sie sich beispielsweise gegen Vorschläge der USA zur Umverteilung von Konzessionsmitteln und zur Verschärfung der Konditionalität wehren. Washington wird unterdessen seine Prioritäten mit dem Argument der Stärkung der Rechenschaftspflicht präsentieren, um der weit verbreiteten Wahrnehmung entgegenzuwirken, dass nur eng gefasste nationale Ziele verfolgt werden.
Der globale Süden macht sich bemerkbar. So hat Kenia beispielsweise bei der Generaldebatte der Vereinten Nationen beispielsweise betont, dass Entwicklungsfinanzierung auf Partnerschaften statt auf Bevormundung basieren sollte. Die Schwellenländer fordern Zugang zu Finanzmitteln und eine echte Vertretung in den Gremien, die das globale Finanzsystem regeln. Sie wollen nicht nur Ressourcen erhalten, sondern auch bei der Festlegung von Regeln und Institutionen mitreden und selbst politische Akteure werden, statt nur zuzuschauen.
Was ist zu erwarten?
Die Jahrestagung wird ein entscheidender Moment sein, in dem die Themen Entwicklungsfinanzierung, Regierungsführung und Geopolitik aufeinandertreffen. Entweder wird sie einen neuen Plan für eine sich verändernde Weltordnung aufstellen oder die Spaltung des Multilateralismus in rivalisierende Blöcke zementieren. Konkurrierende Agenden haben eine zentrifugale Wirkung: Die USA legen Wert auf makroökonomische Disziplin, die Förderung des Privatsektors und Transparenz. China, Europa und andere Akteure konzentrieren sich hingegen auf Infrastruktur, soziale Rechte und inklusive Entwicklung. Das Ergebnis wird nicht nur die Funktionsweise multilateraler Entwicklungsbanken bestimmen, sondern auch die zukünftige „Geoentwicklungspolitik“ beeinflussen.
Ein zentrales Thema der technischen Gespräche ist die Frage, ob die multilaterale Finanzierung auch in Zukunft internationale Solidarität gewährleisten kann. Wenn die Unterstützung für öffentliche Hilfe als Ausdruck zunehmender Empathiemüdigkeit weiter abnimmt, könnten die multilateralen Entwicklungsbanken als technische Kreditgeber weitermachen. Sie würden jedoch ihre Legitimität verlieren, die dem Multilateralismus eine Dimension verleiht, die über reine Transaktionen hinausgeht. Die Jahrestagungen bieten die Chance, einen grundlegenden Konsens zu finden, der diese Legitimität stabilisiert und eine geopolitische Ausnutzung verhindert.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Weltbank und IWF ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Die aktuelle Polykrise birgt für viele Länder ein hohes Risiko von Schuldenproblemen und finanzieller Instabilität. Um diesem Problem zu begegnen, müssen multilaterale Institutionen kooperieren und gemeinsam umfassende, nachhaltige Lösungen finden. Damit die MDBs auch zukünftig relevant bleiben, müssen sie sich auf ihre Grundprinzipien konzentrieren: ausgeglichener Handel, hohe Beschäftigung und gerechte Entwicklung. Sie müssen aber auch die Voraussetzungen erkennen, die nötig sind, um diese Ziele zu erreichen.
Die Jahrestagung wird zeigen, ob die Institutionen dieser Herausforderung gewachsen sind oder der Fragmentierung und strategischen Rivalität zum Opfer fallen. Das Ergebnis wird sich auf das gesamte multilaterale System auswirken und alles beeinflussen – von Handels- und Klimadebatten bis hin zur Wahl des nächsten UN-Generalsekretärs. Für den derzeitigen Amtsinhaber, António Guterres, war die Entscheidung klar: Den Institutionen bleibt entweder der Erfolg, das „Zeitalter rücksichtsloser Umbrüche und unerbittlichen menschlichen Leids” zu überwinden, oder sie müssen die Folgen einer zunehmenden Spaltung tragen.
