Quelle und Diskussion:
Olters, Jan-Peter (2026). „Une stratégie chinoise pour les puissances moyennes“, Conseil des relations internationales de Montréal (CORIM), 13. April 2026.
Caron, Jean-François, und Jocelyn Coulon (2026), Podcast „L’état du monde“, Staffel 2, Folge 27 (20. April 2026).

In den Worten des kanadischen Premierministers Mark Carney lässt sich die gegenwärtige tektonische Verschiebung der Geopolitik am ehesten als „Epochenbruch“ begreifen: als eine lange aufgestaute Spannung, die sich nun abrupt entlädt. Im ersten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit ist dieser Bruch manifest geworden. Er hat Grundannahmen erschüttert, auf denen der innere Zusammenhalt des Westens über Jahrzehnte beruhte: den Vorrang des Rechts vor der Macht, die Verlässlichkeit von Bündnissen und das gemeinsame Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaat. Für die Mittelmächte markiert dieser Moment die Rückkehr strategischer Unsicherheit.
Je weiter die Aussicht auf eine regelgebundene internationale Ordnung schwindet, desto deutlicher erkennen Kanada, die Mitgliedstaaten der Europäischen Union und ihre Partner in Europa und im Indopazifik, dass sich weder politisch-ökonomische Autonomie ohne Koordination noch Sicherheit ohne eigene Fähigkeiten bewahren lassen. Diese Einsicht drängt sich im Verhältnis zu den drei Großmächten China, Russland und den Vereinigten Staaten auf. Ihnen erscheint der nichtamerikanische Westen zunehmend als das zentrale Hindernis auf dem Weg zu einer Ordnung, in der Machtpolitik offen an die Stelle normativer Bindung tritt.
Sichtbar wurde diese Zäsur, als die Trump-Regierung begann, ihr neues Weltbild unmissverständlich zu formulieren – von den frühen Signalen in Davos bis zur nationalen Sicherheitsstrategie, in der Bündnisse nur noch unter dem Vorzeichen des unmittelbaren Vorteils stehen. Streitpunkte, die früher als technische Reibungen galten, berühren nun Grundsatzfragen: die Souveränität innerhalb von Allianzen, die Grenze zwischen Verhandlung und Nötigung sowie die Frage, ob territoriale Integrität weiterhin als unantastbarer Grundsatz gilt oder zum Gegenstand politischer Disposition wird. Ob Grönland und Kanada, Zölle und wirtschaftlicher Druck oder die Ukraine, Venezuela und Iran: Der Befund bleibt derselbe. In einer solchen Lage können sich Mittelmächte nicht darauf beschränken, auf veränderte Umstände zu reagieren. Sie müssen die entstehende Ordnung gemeinsam mitgestalten. Denn wer nicht am Tisch sitzt, steht, um Carney zu paraphrasieren, am Ende auf der Speisekarte.
Chinas Sonderstellung
China nimmt in dieser Konstellation eine besondere Stellung ein. Es ist gegenwärtig die Großmacht, die sich am nachdrücklichsten auf die Sprache internationaler Regeln und multilateraler Zusammenarbeit beruft – und diese zugleich strikt nach eigenen Interessen auslegt. Peking bietet bislang keinen in sich geschlossenen Gegenentwurf zur liberalen Ordnung früherer Jahrzehnte. Zugleich profitiert es von der Zersplitterung des nichtamerikanischen Westens, indem es seine Handlungsspielräume erweitert, seine Anziehungskraft erhöht und seine Verhandlungsposition verbessert. Die Besuche westlicher Regierungschefs bei Xi Jinping haben dies deutlich gemacht. Auch gegenüber China hängt politisches Gewicht davon ab, ob kollektiv gehandelt werden kann.
Wer politischen und wirtschaftlichen Spielraum wahren will – beim Zugang zum chinesischen Markt, in der industriellen Zusammenarbeit oder bei strategischer Diversifizierung –, kann mit Peking nur dann wirksam verhandeln, wenn er sich nicht in Partikularinteressen zerlegen lässt. Das gilt auch dann, wenn die Regeln des Austauschs weithin von chinesischen Prioritäten bestimmt bleiben.
Eine veränderte Bündnisgeometrie
Die Neupositionierung der Mittelmächte ist eine Folge der instabilen Dynamik zwischen Washington, Peking und Moskau. Für Europa insbesondere stellt Russlands Krieg gegen die Ukraine eine unmittelbare Bedrohung der europäischen Friedensordnung nach 1945 dar. Er hat den Bruch mit Moskau faktisch besiegelt und zugleich die Spannungen mit Washington verschärft. In dieser Lage bleibt das Verhältnis zu China weitgehend unbestimmt. Jede strategische Neuorientierung der Mittelmächte hängt heute vom wechselnden Zusammenspiel dieser drei Großmächte ab.
Die Logik Washingtons, die auf Zolldrohungen und politischen Druck setzt, kommt dabei einem alten Ziel Moskaus entgegen: der Schwächung des westlichen Zusammenhangs. Zugleich festigt die zunehmend asymmetrische Partnerschaft zwischen Russland und China parallele Foren, von BRICS+ bis zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, während Washington Peking zum zentralen strategischen Rivalen erklärt. Für die liberalen Demokratien, die in der Berechenbarkeit des Rechts weiterhin einen politischen wie wirtschaftlichen Vorteil sehen, verengt sich damit der Handlungsspielraum – ausgerechnet in dem Moment, in dem Washington diese Berechenbarkeit selbst als hinderlich behandelt.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob „der Westen“ noch Einheit demonstrieren kann. Maßgeblich ist vielmehr, ob der nichtamerikanische Westen gemeinsame Interessen trotz wachsender amerikanischer Gegnerschaft zu einer koordinierten Position gegenüber China bündeln kann. China bleibt zugleich unverzichtbarer Markt, systemischer Rivale und eine Macht, die internationale Regeln aktiv mitprägen will. Die Antwort darauf kann deshalb nur in einer dreifachen Strategie liegen: in wirtschaftlicher Interdependenz, in Technologie- und Sicherheitspolitik sowie in der Setzung von Regeln und Normen.. Der leitende Grundsatz sollte lauten: Vernetzung darf nur rechtsgebunden erfolgen. An Korridoren und Netzwerken sollte sich der nichtamerikanische Westen nur dann beteiligen, wenn er auf glaubwürdige Gegenseitigkeit, transparente Finanzierung und verlässliche Streitbeilegung zählen kann.
Peking, Reform und Regelsetzung
Xi Jinping hat im Januar 2026 erneut erklärt, internationales Recht könne nur dann wirksam sein, wenn alle Staaten es respektierten. In einer Weltordnung, die zunehmend vom Kräfteverhältnis bestimmt wird, ist dieses Bekenntnis zum Multilateralismus jedoch nicht nur normativ zu lesen. Es dient Peking auch als Sprache des Einflusses gegenüber den Mittelmächten. Für den nichtamerikanischen Westen kommt es deshalb darauf an, jene institutionellen Felder zu identifizieren, auf denen China Reformwillen bekundet – und auf denen gegenseitige Zugeständnisse noch denkbar sind.
Xis Forderung auf dem G20-Gipfel nach einer Neuverteilung der IWF-Quoten ging einher mit dem Appell, den Streitschlichtungsmechanismus der Welthandelsorganisation wieder funktionsfähig zu machen. Das deutet darauf hin, dass China seine Rolle eher reformerisch als offen revisionistisch anlegt – ohne deshalb darauf zu verzichten, den eigenen Einfluss auf die internationale Regelsetzung auszuweiten. Zugleich präsentiert Xi die Reform globaler Governance als Gegenentwurf zu westlicher Ermessenspolitik. Regeln müssten, so die chinesische Position, „gleich und einheitlich“ angewandt werden; die „Hausregeln“ einiger weniger Staaten dürften nicht allen anderen aufgezwungen werden. Darin zeigt sich auch ein strukturelles Problem: Chinas ökonomisches Gewicht ist in den Institutionen globaler Wirtschaftssteuerung weiterhin unterrepräsentiert. Bei einem Anteil von annähernd 17 Prozent an der Weltwirtschaft verfügt das Land im IWF nur über 6,4 Prozent der Quoten. Genau hier liegen Berührungspunkt und Konflikt. Peking verlangt mehr Stimme, mehr Zugang und mehr Einfluss; der nichtamerikanische Westen verlangt Offenheit, Verbindlichkeit und Durchsetzbarkeit.
Vor diesem Hintergrund folgen Chinas Streben nach größerem Gewicht in den bestehenden Institutionen und der Aufbau paralleler Plattformen derselben strategischen Logik: der Vergrößerung des Raums, in dem Peking die Bedingungen der Interdependenz formulieren, auslegen und anwenden kann. Die Belt-and-Road-Initiative ist dafür der sichtbarste Ausdruck. Sie ist nicht nur ein Entwicklungsprogramm, sondern der Versuch, die infrastrukturellen Grundlagen der Globalisierung selbst zu prägen. Xi beschreibt sie als Instrument zum Aufbau einer offenen, inklusiven und vernetzten Welt des gemeinsamen Fortschritts.
Die Neue Seidenstraße als Testfall
Gerade deshalb ist die Belt-and-Road-Initiative der Prüfstein für das Verhältnis von Verflechtung und Abhängigkeit. Peking präsentiert sie zunehmend als Projekt „hochwertiger Entwicklung“ – grün, digital, normengeleitet –, während es sich zugleich als maßgeblicher Taktgeber bei Projektauswahl und Finanzierung etabliert. Genau hier entscheidet sich, ob der nichtamerikanische Westen noch in der Lage ist, Verhandlungsmacht in politische Bedingungen zu übersetzen. Will China westliches Kapital, westliche Technologie und politische Legitimität gewinnen, dann muss der Preis des Zugangs in belastbarer Verbindlichkeit bestehen: in reziprokem Marktzugang, transparenten Ausschreibungen, nachvollziehbaren Finanzierungsbedingungen, gemeinsamen technischen Standards und Datenstandards sowie in Streitbeilegungsmechanismen, die tatsächlich entscheiden. Die chinesische Forderung nach Regeln, die „gleich und einheitlich“ gelten, lässt sich an einer einfachen Frage messen: Ist Peking bereit, der eigenen politischen Dispositionsfreiheit dieselben Grenzen zu setzen, die es vom Westen verlangt?
Scheitern wird jede Verständigung, die sich in einer undifferenzierten China-Politik erschöpft. Der nichtamerikanische Westen ist zu stark exponiert, China zu zentral, als dass die Alternative zwischen Einbindung und Konfrontation noch trüge. Erforderlich ist ein differenzierter, disziplinierter Ansatz – und eine interne Koordination, die robust genug ist, um geschlossen verhandeln zu können. Ohne gemeinsame Instrumente, um mit einer Stimme zu sprechen, wird der nichtamerikanische Westen auf die bloße Summe einzelner Märkte reduziert – und entsprechend von Fall zu Fall auseinandergenommen. Wenn rechtsgebundene Vernetzung nicht auch durchsetzbar ist, bleibt sie zudem nicht neutral. Dann entscheidet sie darüber, wer die Bedingungen der Öffnung setzt – und wer am Ende den Preis der Abhängigkeit trägt.
Jan-Peter Olters
