Die Eingliederung finanziell und personell geschwächter Entwicklungsagenturen in Außenministerien markiert eine historische Zäsur: die Abkehr von einer wertebasierten hin zu einer interessengeleiteten Entwicklungszusammenarbeit. Der auf Menschenrechten, Solidarität und Multilateralismus gegründete Nachkriegskonsens gerät damit ins Wanken. In Zeiten globaler Empathiemüdigkeit droht Entwicklungspolitik zu einem bloßen Instrument geopolitischer Einflussnahme zu verkommen.
Elon Musk brachte den Stimmungswandel auf den Punkt, als er Empathie zur „fundamentalen Schwäche“ der westlichen Zivilisation erklärte. Sein Plädoyer für ein abstraktes Mitgefühl gegenüber der „Zivilisation als Ganzes” verdeckt die damit einhergehende Erosion humanitärer Werte – gerade in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen des Faschismus verstummen. Selbst in gefestigten Demokratien hat sich eine Sprache etabliert, die bestimmte Bevölkerungsgruppen entmenschlicht und die Prinzipien des Rechtsstaats untergräbt. Dieser autoritäre Trend verstärkt demokratische Rückschritte, die sich in staatlicher Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten sowie in der politischen Gleichgültigkeit gegenüber der Instrumentalisierung von Hunger als Waffe widerspiegeln. Die kommenden Monate könnten entscheidend dafür sein, ob sich diese globale moralische Abstumpfung überhaupt noch aufhalten lässt.

Der fortschreitende Abbau moralischer Grundlagen wirkt sich unmittelbar auf die Zukunft der internationalen Entwicklungszusammenarbeit aus. Über Jahrzehnte hinweg orientierten sich bilaterale Entwicklungsagenturen und internationale Finanzinstitutionen an einem gemeinsamen Leitbild, Armut zu bekämpfen und gemeinsamen Wohlstand auf einem bewohnbaren Planeten zu ermöglichen – im Sinne des Mandats der Weltbank. Sie bilden das Herzstück des globalen Konsenses, der sich in den seit 2015 geltenden Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen widerspiegelt und den historischen Höhepunkt der multilateralen Solidarität nach dem Zweiten Weltkrieg markiert.
Doch kaum ein Jahrzehnt später werden diese Ideale als naiv, ineffizient oder überholt abgetan. Die Eingliederung einiger der effektivsten bilateralen Entwicklungsorganisationen in außenpolitische Apparate – oft unter Berufung auf den vermeintlichen Irrsinn, „gescheiterte Regierungen in fernen Ländern” finanziell zu unterstützen (US-Außenminister Marco Rubio) – steht für einen strategischen Rückzug, der potenziell verheerenden Folgen für die Ärmsten der Welt haben könnte. Die verbreitete Infragestellung der „Wirksamkeit“ internationaler Hilfe, gemessen an kurzfristigen, technokratischen Kriterien, dient dabei als Vorwand für ihren sukzessiven Abbau. Der Wandel von einem menschenzentrierten zu einem sicherheits- und interessenorientierten Entwicklungsmodell verschärft Fragilität, Gewalt und Instabilität – vor allem in Regionen, die ohnehin unter wirtschaftlichem, politischem oder klimatischem Druck stehen. Diese Form des institutionellen Rückzugs erzeugt Teufelskreise: zunehmende Instabilität, schwindende Staatlichkeit und wachsender Migrationsdruck. Dies führt im globalen Norden wiederum zu verstärkter Abschottung, fördert Empathiemüdigkeit und beeinflusst politische Mehrheiten.
Institutioneller Rückzug als strategischer Realismus
Diese Erosion moralischer Verpflichtungen zeigt sich besonders deutlich in institutionellen Neuausrichtungen der wichtigsten Geberstaaten. So fusionierte das Vereinigte Königreich im Jahr 2020 das Department for International Development (DfID) mit dem britischen Außen- und Entwicklungsministerium. Weit mehr als nur ein verwaltungstechnischer Eingriff signalisierte dieser Schritt eine Abkehr von einer bedarfsorientierten Entwicklungspolitik. Großbritanniens einst führende Rolle bei der Setzung internationaler Standards in Bereichen wie Good Governance oder Investitionsklima wurde durch eine „Global Britain“-Agenda ersetzt, die Entwicklungshilfe stärker an geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen ausrichtet.
Diesem Präzedenzfall folgt die zweite Trump-Administration, die derzeit eine grundlegende Neubewertung des US-amerikanischen Engagements im multilateralen System vorbereitet. Ziel ist es, all jene Institutionen, Abkommen und Konventionen zu identifizieren, die angeblich „den US-Interessen zuwiderlaufen“. Frühere Entscheidungen, wie der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen, massive Kürzungen bei der UN-Finanzierung oder die faktische Auflösung der Entwicklungsagentur USAID, deuten darauf hin, dass die on den USA maßgeblich mitgestaltete multilaterale Architektur weiter abgebaut wird. Die Auffassung, dass internationale Institutionen den nationalen Prioritäten nicht mehr dienlich seien, findet heute parteiübergreifend Zustimmung in den Vereinigten Staaten.
Doch diese Schritte sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Entwicklungspolitik wird zunehmend den innenpolitischen Zielen (etwa der Migrationsbegrenzung) untergeordnet – zulasten globaler öffentlicher Güter. In einem Umfeld schwachen Wachstums und hoher öffentlicher Schuldenlast untergräbt diese Politisierung die Grundlagen langfristiger Resilienz. Sie hemmt Fortschritte in zentralen Bereichen wie Gesundheit, Bildung, Klimaanpassung und Armutsbekämpfung. Die Weltbank warnte bereits vor einer „verlorenen Dekade“ für die multilaterale Entwicklungspolitik.
Multilateralismus am Scheideweg
Die damit einhergehende Legitimitätskrise des multilateralen Entwicklungsmodells hat zwei Dimensionen: Zum einen werfen Länder des Globalen Südens den westlichen Gebern Doppelmoral vor, zum anderen fällt es nicht-westlichen Akteuren schwer, tragfähige Alternativen zu entwickeln. Institutionen, die einst dem gemeinsamen Wohlstand verpflichtet waren, drohen zu Instrumenten geopolitischer Rivalität zu verkommen. Zwei relativ neue Akteure – die Europäische Union und die BRICS-Staaten – könnten das Vakuum füllen, das der Rückzug der USA hinterlässt. Doch bislang ist es beiden nicht gelungen, ein konsistentes Gegenmodell zu formulieren.
Die EU könnte das entstehende Vakuum nutzen, wenn es ihr gelänge, ein gemeinsames Narrativ zu entwickeln und ihre institutionellen Strukturen entsprechend zu reformieren. Ihr Soft-Power-Potenzial sowie die anhaltend hohe öffentliche Unterstützung für Entwicklungspolitik schaffen günstige Voraussetzungen. Mit mehr als 40 Prozent der globalen Mittel für Entwicklungspolitik im Jahr 2024 bleibt sie der größte Geber. Die erwarteten Kürzungen um rund ein Fünftel der weltweit zur Verfügung gestellten Mittel für Entwicklungspolitik über die Haushaltsjahre 2024 und 2025, die steigenden Verteidigungs- und Klimaanpassungskosten sowie der Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte bremsen jedoch diesen Anspruch. Programme wie „Global Gateway“, die auf grüne Infrastruktur, Bildung und Governance setzen, markieren dennoch erste Schritte hin zu einer kohärenteren Strategie.
Die BRICS-Staaten, unter chinesischer Führung, verfolgen eine Entwicklungsagenda, die Souveränität und Nichteinmischung betont. Ihre regionalen Entwicklungsbanken und der dem IWF nachempfundene Reservefonds unterstreichen dabei ihre geopolitischen Ambitionen. Solange der Schwerpunkt jedoch auf Machtdemonstration statt auf transformativer Entwicklung liegt, bleibt ihr Einfluss weitgehend symbolisch.
Ein Entwicklungsmodell jenseits von Empathie?
In einer zunehmend polarisierten Welt stellt sich nicht mehr die Frage, ob öffentliche Entwicklungshilfe nationale Interessen bedienen soll – dieser Streit ist längst entschieden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob es noch Raum für die Umsetzung der SDGs gibt, die echte Armutsbekämpfung, inklusives Wachstum und Klimaresilienz einfordern. Eine Neuausrichtung der Entwicklungspolitik als gemeinsame Investition in globale öffentliche Güter – statt als Mittel politischer Konditionalität – könnte einen Weg aus der Sackgasse weisen. Die Verteidigung globaler Gemeingüter wie Gesundheit, Klima und Frieden ist nicht nur mit aufgeklärtem Eigeninteresse vereinbar sondern in vielen Bereichen dessen Voraussetzung. Das setzt jedoch geteilte Verantwortung für soziale Stabilität, Bildung und länderübergreifende Klimapolitik voraus. Dafür wären gegenseitiges Vertrauen und der Wille zur Machtteilung nötig; beides ist derzeit eher Mangelware.
Die Entwicklungsgemeinschaft muss ihre moralische Stimme zurückgewinnen. Menschlichkeit, Würde und Rechte lassen sich nicht auf Kennzahlen reduzieren. Die Herausforderung ist nicht nur eine fiskalische, sie ist eine zivilisatorische. Wird Entwicklungspolitik nur noch als strategisches Machtinstrument verstanden, verliert sie ihre Legitimität. Die Zukunft von Entwicklung und Multilateralismus hängt davon ab, ob Gesellschaften bereit sind, sich der Normalisierung von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen entgegenzustellen.
In einer Zeit, in der Solidarität als Schwäche und Mitgefühl als Belastung gelten, ist es ein radikaler – und zutiefst politischer – Akt, darauf zu beharren, dass Entwicklung Ausdruck von Gerechtigkeit, Würde und Nachhaltigkeit bleiben muss. Die Ideale der Nachkriegszeit dürfen nicht verworfen werden; sie müssen erneuert und gegen Vertrauensverlust, instrumentalisierte Bedürftigkeit und die Nullsummenlogik geopolitischer Rivalität verteidigt werden. Die Alternative wäre ein moralischer Rückzug, der sich hinter einer Rhetorik des Pragmatismus verbirgt.
Jan-Peter Olters
