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Frieden ist kein Erbe: Der 8. Mai und die Krise der internationalen Ordnung

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Heute vor 81 Jahren, um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Mehr als zehn Millionen Angehörige der alliierten Streitkräfte — vor allem der Roten Armee — waren gefallen, bevor die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht erzwungen werden konnte. Der militärische Akt war bereits am 7. Mai 1945 in Reims vollzogen worden; auf sowjetisches Drängen wurde er in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin-Karlshorst wiederholt. Schon dieses historische Detail deutete an, dass der militärische Sieg den Krieg zwar beendete, aber keine tragfähige globale Friedensordnung begründen konnte. Was folgte, war eine ideologisch geteilte Nachkriegsordnung, die sich nach dem Kalten Krieg nur vorübergehend zu einer liberal geprägten Weltordnung zu konsolidieren schien und heute durch geopolitische Neuordnungen in ihrem Kern herausgefordert wird.

Der 8. Mai bedeutet deshalb weit mehr als die militärische Niederlage Deutschlands. Er markierte den Zusammenbruch eines verbrecherischen Regimes, das Europa mit Krieg überzogen, die Shoah geplant, organisiert und vollzogen, Millionen Menschen verfolgt, versklavt und ermordet, einen rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg geführt und Recht, Menschenwürde und politische Vernunft systematisch zerstört hatte. In dieser Niederlage endete die mörderischste Zuspitzung einer Vorgeschichte aus völkischem Nationalismus, Faschismus und Nationalsozialismus — aus politischen Bewegungen und Ideologien, die Demokratie verachteten, Gewalt verherrlichten, Menschen nach Herkunft und „Rasse“ hierarchisierten und internationale Ordnung durch imperiale Machtansprüche ersetzten. Was 1939 in den Zweiten Weltkrieg mündete, war kein historischer Unfall, sondern die Konsequenz politischer Enthemmung: Recht wurde durch Macht, Demokratie durch Führerkult und internationale Ordnung durch imperiale Expansion ersetzt. Am Ende kostete der Zweite Weltkrieg geschätzt mehr als 60 Millionen Menschen das Leben.

Für die Verfolgten, Versklavten und Entrechteten im zusammenbrechenden Deutschen Reich und in den zuvor von Deutschland besetzten und terrorisierten Gebieten besiegelte dieser Tag das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Für das vor der Teilung stehende Deutschland wurde er zur unausweichlichen Konfrontation mit Schuld, Verantwortung und der Frage, ob nach dem moralischen, politischen und materiellen Zusammenbruch eine demokratische Neugründung möglich sein würde. Bundespräsident Richard von Weizsäcker fasste diese Spannung in seiner Rede vom 8. Mai 1985 in eine bis heute maßgebliche Formel: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Er meinte damit keine Befreiung von deutscher Verantwortung, sondern die Befreiung „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“. Zugleich benannte Weizsäcker die historische Verantwortung mit großer Klarheit: „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Denn die nationalsozialistische Herrschaft war nicht über Deutschland hereingebrochen. Möglich wurde sie durch die Krise der Weimarer Republik, die Erosion ihrer demokratischen Mitte, Brünings deflationäre Krisenpolitik von 1930 bis 1932 und seinen auf Notverordnungen gestützten Regierungsstil, den Aufstieg völkischer und antidemokratischer Bewegungen — und schließlich durch die Machtübertragung an Hitler durch nationalkonservative Eliten um Hindenburg und von Papen. Der 8. Mai war deshalb kein einfacher Triumph. Heimkehr, Flucht, Gewalterfahrung, Heimatlosigkeit, Befreiung, Gefangenschaft, Verlust, Trauer, Erleichterung und Neubeginn lagen dicht nebeneinander.

Gerade darin liegt seine bleibende politische Bedeutung. Der 8. Mai erlaubt keine bequeme Erinnerung. Er verweist auf deutsche Schuld, auf die Befreiung von einem Regime, das nur von außen militärisch gebrochen werden konnte, und auf die Frage, welche Ordnung aus einer solchen Katastrophe entstehen musste. Denn nach 1945 ging es nicht allein um Wiederaufbau. Es ging um die Bändigung jener Kräfte, die Europa zweimal in den Abgrund geführt hatten: völkischer Nationalismus, autoritäre Ideologie, ökonomische Destabilisierung, imperiale Revision und eine brutale Machtpolitik, die Völkerrecht, staatliche Souveränität und die Sicherheit kleinerer Staaten missachtete.

Diese Frage stellt sich heute mit neuer Dringlichkeit. Russland bekämpft die europäische Friedensordnung offen mit imperialer Gewalt. Zugleich gewinnen auch innerhalb westlicher Demokratien jene nationalistischen und illiberalen Kräfte an Macht, die multilaterale Institutionen, völkerrechtliche Bindungen und regelbasierte Kooperation nicht als Voraussetzung gemeinsamer Sicherheit, sondern als Einschränkung nationaler Handlungsfreiheit begreifen. Besonders folgenreich ist dieser Wandel in den USA unter Präsident Donald Trump. Die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) von 2025 macht diesen Politikwechsel programmatisch sichtbar. Mit Blick auf Europa wendet sie sich gegen den gegenwärtigen Kurs europäischer Integration und entwirft als Gegenbild eine „Gruppe gleichgerichteter souveräner Staaten“ — im Original: „a group of aligned sovereign nations“. Zugleich kündigt sie an, „Widerstand gegen den derzeitigen Kurs Europas“ innerhalb europäischer Staaten zu fördern, und fordert eine Wiederherstellung strategischer Stabilität mit Russland, dem Aggressor im Ukrainekrieg. Diese strategischen Ziele zeigen, dass „aligned“ hier nicht bloß Gleichrichtung unter souveränen Partnern meint, sondern eine politische Ausrichtung Europas an amerikanischen Prioritäten nahelegt; sie markieren eine deutliche Abkehr vom bisherigen Selbstverständnis Washingtons als Garant einer regelbasierten europäischen Sicherheitsordnung hin zu einer Machtpolitik, die Regeln nur noch selektiv anerkennt oder gänzlich umgeht.

Politisch läuft dies auf ein Europabild hinaus, in dem die Europäische Union weniger als integrierte, supranational handlungsfähige Ordnung erscheint denn als fragmentierter Verbund nationalstaatlich ausgerichteter Staaten, die amerikanischen Prioritäten folgen. Dieses Verständnis feiert Souveränität als Befreiung von Brüssel, stellt jedoch die Weichen für ein Europa, das gegenüber Washington verwundbarer wird. Je fragmentierter Europa auftritt, desto leichter können einzelne Regierungen durch Sicherheitsgarantien, Truppenpräsenz, Zölle oder Marktzugang diszipliniert werden — nach der alten Logik des Teilens und Beherrschens. So würde aus Souveränitätsrhetorik die Logik politischer Gefolgschaft, im Extremfall eines neuen Vasallentums. Damit schließt die NSS bewusst an die Vorstellungen jener rechtsnationalen bis rechtsextremen Parteienfamilien im Europäischen Parlament an, die sie als „patriotische“ Kräfte positiv rahmt und deren wachsenden Einfluss sie als „Anlass zu großem Optimismus“ wertet. Gemeint sind die Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“, der auch die AfD-Abgeordneten angehören, die „Europäischen Konservativen und Reformer“ um PiS und Fratelli d’Italia sowie die „Patrioten für Europa“ um Rassemblement national und Fidesz. Zusammen stellen diese Fraktionen etwa ein Viertel der Abgeordneten im Europäischen Parlament. In einzelnen Abstimmungen zu Migration sowie zu Umwelt- und Unternehmensregeln haben sie bereits mit der gemäßigt-konservativen Europäischen Volkspartei alternative Mehrheiten gebildet. Damit wird jene politische Brandmauer durchlässig, die verhindern sollte, dass rechtsnationale bis rechtsextreme Kräfte wieder maßgeblich an Europas politischem Kurs mitwirken.

Gerade deshalb führt der 8. Mai über die Erinnerung hinaus zur Ordnungsfrage. Die internationale und europäische Nachkriegsordnung — bereits mit Bretton Woods 1944, dann mit den Vereinten Nationen 1945 und der Montanunion 1951 — entstand aus der Erfahrung, dass Frieden nicht aus bloßer Erschöpfung nach dem Krieg hervorgeht. Er muss institutionell gebaut, rechtlich gesichert, wirtschaftlich unterlegt und politisch verteidigt werden.

Muster von Ordnungsbrüchen

Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch. Doch sie kennt wiederkehrende Muster. Die großen Kriege Europas — der Dreißigjährige Krieg, die Napoleonischen Kriege, der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg — waren jeweils Kulminationspunkte tiefer Ordnungskrisen: konfessionelle Spaltung, revolutionäre Umbrüche, dynastische und imperiale Rivalität, radikalisierter Nationalismus, ideologische Enthemmung und Machtpolitik ohne ausreichende rechtliche Begrenzung. Auf ihre Verwüstungen folgten Versuche, die zerstörerische Logik ungehemmter Macht durch neue Ordnungen einzuhegen: der Westfälische Friede, der Wiener Kongress und das Europäische Konzert, der Versailler Vertrag und der Völkerbund, schließlich das multilaterale System, das nach 1945 um die Vereinten Nationen, Bretton Woods und die europäische Integration entstand.

In seinem Entwurf Zum ewigen Frieden nahm Immanuel Kant bereits 1795 diese historische Pendelbewegung zwischen Ordnungsbildung und Ordnungszerfall auf. Er schrieb unter dem Eindruck der Französischen Revolution, der europäischen Koalitionskriege und einer Staatenordnung, in der Krieg, dynastische Machtpolitik und die territoriale Verfügung über Staaten zur politischen Normalität gehörten. Sein über mehr als ein Jahrzehnt entwickelter Gegenentwurf richtete sich gegen die realpolitische Selbstverständlichkeit, dass Sicherheit letztlich aus politischer Macht, taktischen Bündnissen und militärischer Überlegenheit erwachse. Kant formulierte demgegenüber einen radikalen Ordnungsanspruch: Frieden entsteht nicht aus Erschöpfung, sondern aus der rechtlichen Überwindung des zwischenstaatlichen Naturzustands — aus der vernunftgeleiteten Einsicht, „aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus zu gehen und in einen Völkerbund zu treten“ (Kant, 1784). Staaten müssen ihre Macht rechtlich binden, statt Sicherheit allein aus eigener Stärke, Bündnissen und militärischer Überlegenheit abzuleiten.

Bevor Kant die positiven Grundlagen einer dauerhaften Friedensordnung formuliert, benennt er in seinen Präliminarartikeln jene Praktiken, die Frieden strukturell untergraben: verdeckte Vorbehalte für künftige Kriege, die Verfügung über Staaten wie über Besitz, dauerhafte Militarisierung, schuldenfinanzierte Machtpolitik, gewaltsame Einmischung und Kriegspraktiken, die späteres Vertrauen zerstören. Diese Warnungen sind keine antiquarische Fußnote. Sie zeigen, dass Frieden für Kant nicht mit der Unterzeichnung eines Vertrags beginnt, sondern mit der politischen Selbstbegrenzung von Staaten.

Kants (1795) Friedensidee beruht darauf aufbauend auf drei Voraussetzungen: (i) republikanischen Verfassungen, die sich in moderner Lesart von absolutistischer Herrschaft abgrenzen und demokratische Rechtsstaatlichkeit meinen; (ii) einem Völkerbund freier Staaten, der den zwischenstaatlichen Naturzustand rechtlich einhegt; und (iii) einer Form grenzüberschreitender Wirtschaftsverflechtung, die in moderner liberaler Lesart regelgebundenen Freihandel, niedrige Handelsbarrieren und multilaterales Handelsrecht zu Bedingungen eines Positivsummenspiels macht und Krieg politisch wie ökonomisch unvernünftiger werden lässt. In der modernen liberalen Theorie der Internationalen Beziehungen wurde Kant später zum Ausgangspunkt eines Friedensdreiecks aus Demokratie, Institutionenbindung und ökonomischer Interdependenz. Bei Kant selbst steht an dritter Stelle jedoch nicht Freihandel, sondern Weltbürgerrecht: die rechtliche Begrenzung staatlicher Willkür auch gegenüber Fremden.

Bis heute bilden diese drei Elemente den Kern einer liberalen Friedensordnung. Sie richtet sich gegen die machtpolitische Logik von Null- und Negativsummenspielen und hält an der Möglichkeit fest, dass Kooperation, Institutionen, Recht und ökonomische Interdependenz Positivsummenspiele hervorbringen können. Genau diese Dreifachstruktur nahm nach 1945 — unvollkommen, machtpolitisch begrenzt, aber historisch wirksam — in den Vereinten Nationen, Bretton Woods und der europäischen Integration institutionelle Gestalt an.

Dass diese Ordnung heute unter Druck steht, macht den 8. Mai nicht zu einem bloßen Erinnerungsdatum, sondern zu einer politischen Warnung. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der US-israelische Krieg gegen Iran, die Rückkehr der Großmachtrivalität, globale Aufrüstung, Energieerpressung, Deglobalisierung, Protektionismus und der illiberale Angriff auf demokratische Normen und multilaterale Institutionen werfen die Frage auf, ob wir gerade die Grundlagen von Westeuropas Nachkriegsfrieden und -wohlstand riskieren. Die Gegenwart ist keine Wiederholung der Vergangenheit. Aber sie zeigt erneut, wie verletzlich eine Ordnung wird, wenn Nationalismus, autoritäre Machtpolitik, wirtschaftliche Unsicherheit und die Missachtung des Rechts einander verstärken — jene Konstellation also, die Europa wiederholt in Konflikt, Krieg und Katastrophe geführt hat.

Frieden ist ein Rechtszustand

Gerade deshalb ist Kant heute aktueller, als es zunächst scheint. Sein Friedensbegriff bezeichnet nicht bloß die Abwesenheit offener Kampfhandlungen. Frieden ist für Kant ein Rechtszustand, der errichtet und bewahrt werden muss. Er verlangt, dass Macht nicht das letzte Wort behält, dass Grenzen nicht zur Verfügungsmasse werden, dass Verträge Vertrauen stiften und dass Sicherheit nicht allein aus Drohung, Aufrüstung und Bündnisarithmetik abgeleitet wird. Kants Präliminarartikel lesen sich deshalb wie ein Gegenkatalog zur gegenwärtigen Ordnungszerstörung: gegen verdeckte Vorbehalte für künftige Kriege, gegen die Verfügung über Staaten wie über Besitz, gegen auf Dauer gestellte Militarisierung, gegen schuldenfinanzierte Machtpolitik, gegen gewaltsame Einmischung in die Verfassung anderer Staaten und gegen Kriegspraktiken, die späteres Vertrauen unmöglich machen.

Genau an diesen Punkten wird die heutige Krise sichtbar. Russland verletzt mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine das Grundprinzip territorialer Integrität und versucht, Grenzen wieder mit Gewalt zu verschieben. Nukleare Drohungen, Angriffe auf zivile Infrastruktur, Deportationen, Desinformation und die systematische Zerstörung von Vertrauen beschädigen die Voraussetzungen jeder künftigen europäischen Friedensordnung. Eine Friedensregelung, die Aggression belohnt oder territoriale Revision nachträglich normalisiert, wäre deshalb kein kantischer Rechtszustand, sondern ein Waffenstillstand unter dem Vorbehalt des nächsten Krieges.

Doch der Maßstab gilt breiter. In Gaza untergraben die gezielten Angriffe der Hamas auf Zivilisten und die Geiselnahmen ebenso wie Israels Kriegsführung — mit militärischer Vergeltungslogik, Vertreibung, weitgehender Zerstörung ziviler Infrastruktur und der Aushungerung der Zivilbevölkerung durch blockierten oder eingeschränkten Zugang zu humanitärer Hilfe und lebensnotwendigen Gütern — das Vertrauen in die Verbindlichkeit des humanitären Völkerrechts. Im Krieg gegen Iran stellt sich die Frage, ob Prävention und Abschreckung noch rechtlich eingehegt bleiben oder in eine Logik regionaler Eskalation, strategischer Dominanz und militarisierter Handels- und Energierouten umschlagen. In allen drei Fällen zeigt sich: Wo Gewalt nicht mehr durch Recht, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen begrenzt wird, wird nicht nur ein einzelner Konflikt verschärft. Es wird die Möglichkeit eines verlässlichen Friedenszustands beschädigt.

Die Krise betrifft damit alle drei Seiten des kantischen Friedensdreiecks: die internationale Rechts- und Institutionenordnung, die demokratische Verfasstheit im Inneren und die ökonomische Interdependenz. Zunächst verliert die internationale Rechts- und Institutionenordnung an Bindekraft. Der Sicherheitsrat ist durch Vetopolitik blockiert; die Welthandelsordnung wird durch Zölle, Sanktionen, Subventionen und geoökonomische Blockbildung unter Druck gesetzt; internationale Gerichtsbarkeit und Menschenrechtsnormen werden selektiv anerkannt; und multilaterale Institutionen geraten zwischen autoritärem Revisionismus, westlichen Doppelstandards und wachsender Skepsis im globalen Süden. Das Problem ist nicht, dass Machtpolitik zurückkehrt. Sie war nie verschwunden. Das Problem ist, dass immer mehr Staaten Regeln nur noch akzeptieren, solange sie den eigenen strategischen Interessen dienen.

Wo äußere Regelbindung erodiert, wird innere Machtbindung entscheidend. Genau deshalb ist die demokratische Seite des Friedensdreiecks keine bloße Innenpolitik. Kant setzte auf republikanische — also nicht monarchisch-absolutistische — Verfassungen, weil Regierungen, die gegenüber ihren Bürgern rechenschaftspflichtig sind, Krieg nicht so leicht als dynastisches oder imperiales Instrument führen können. In moderner Lesart heißt das: Demokratische Rechtsstaaten, Gewaltenteilung, freie Öffentlichkeit und institutionelles Vertrauen sind keine innenpolitischen Nebensachen, sondern Bedingungen internationaler Friedensfähigkeit.

Gerade in Europa wird diese Voraussetzung brüchiger. Wenn rechtsnationale bis rechtsextreme Kräfte nicht mehr nur Opposition gegen europäische Integration organisieren, sondern in einzelnen Abstimmungen mit der gemäßigt-konservativen Mitte Mehrheiten bilden — etwa bei der Rückführungsverordnung oder bei der Abschwächung von Nachhaltigkeits- und Sorgfaltspflichten für Unternehmen —, verschiebt sich der demokratische Resonanzraum europäischer Politik. Internationale Bindungen erscheinen dann leichter als Verrat an nationaler Souveränität, Minderheitenschutz als Schwäche, unabhängige Medien als Gegner, und Kompromiss als Kapitulation. Wo illiberale Kräfte Parlamente schwächen, Medien delegitimieren, Minderheitenrechte angreifen und internationale Bindungen als Fessel nationaler Macht darstellen, wird auch Außenpolitik anfälliger für Freund-Feind-Denken, autoritäre Bewunderung und strategische Unberechenbarkeit.

Europäisches Parlament: Nationalistische Zugewinne und eine geschwächte Brandmauer

Schließlich steht auch die ökonomische Interdependenz — und damit die verbleibende Dimension des kantischen Friedensdreiecks — unter Druck. Der liberale Gedanke war nie, dass Handel allein Frieden garantiert. Er war, dass regelgebundene Verflechtung Interessen so verschränkt, dass Kooperation rationaler wird als Krieg. Die Energiekrise hat jedoch gezeigt, wie gefährlich Interdependenz wird, wenn sie asymmetrisch, intransparent und politisch erpressbar ist. Europas Abhängigkeit von russischer Energie war keine Friedensdividende, sondern eine strategische Verwundbarkeit. Heute wiederholt sich dieselbe Logik in anderen Sektoren: bei amerikanischen Zolldrohungen gegen europäische Autos ebenso wie bei chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden, die für digitale, grüne und verteidigungsindustrielle Wertschöpfung unverzichtbar sind. Was als gegenseitige Verflechtung Wohlstand schaffen sollte, wird unter Bedingungen geopolitischer Rivalität zur Waffe.

Damit verschiebt sich die internationale Politik wieder in Richtung jener Null- und Negativsummenspiele, vor denen der liberale Internationalismus warnte. Sicherheit wird als relativer Gewinn gegen andere verstanden; Handel als Waffe, Energie als Druckmittel, Technologie als Blockgrenze, Migration als innenpolitisches Mobilisierungsinstrument und Entwicklungspolitik als geopolitisches Tauschgeschäft. Wie weit diese Logik bereits in wirtschaftspolitische Strategiedebatten vorgedrungen ist, zeigt Stephen Mirans Leitfaden zur „Restrukturierung des globalen Handelssystems“ von 2024: Zölle, Währungspolitik, Reservewährungsstatus und Sicherheitsgarantien erscheinen dort nicht mehr primär als Bestandteile einer regelgebundenen Positivsummenordnung, sondern als Hebel, um Lastenverteilung, industrielle Reallokation und strategische Gefolgschaft neu auszuhandeln. In einer solchen Welt wachsen Misstrauen, Aufrüstung und Abschottung gegenseitig. Genau darin liegt die Gefahr: Nicht ein einzelner Konflikt zerstört die Friedensordnung, sondern die gleichzeitige Erosion ihrer Voraussetzungen.

Der Realismus erinnert zu Recht daran, dass Institutionen ohne Machtbasis leer bleiben. Der Völkerbund scheiterte nicht an einem Mangel moralischer Rhetorik, sondern an fehlender Mitgliedschaft, fehlender Macht, fehlender Sanktionsbereitschaft und nationalem Eigeninteresse. Aber der Liberalismus erinnert ebenso zu Recht daran, dass Macht ohne rechtliche Begrenzung keine stabile Ordnung schafft. Abschreckung kann Aggression verhindern; sie ersetzt aber keinen Rechtszustand. Handel kann Wohlstand schaffen; er ersetzt aber keine Regeln. Souveränität kann Freiheit schützen; sie wird gefährlich, wenn sie als Freibrief gegen jede Bindung verstanden wird.

Indikatoren des Ordnungsbruchs

Die Diagnose bleibt nicht abstrakt. Mehrere Indikatoren zeigen, dass die Erosion der Friedensordnung sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und institutionell zugleich verläuft. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist dabei der deutlichste europäische Bruch. Er richtet sich nicht nur gegen die Souveränität eines Staates, sondern gegen das Grundprinzip, dass Grenzen in Europa nicht mit Gewalt verschoben werden dürfen. Dass Finnland 2023 und Schweden 2024 der NATO beitraten, ist deshalb mehr als eine bündnispolitische Fußnote. Es markiert die Rückkehr existenzieller Sicherheitsangst in Europa und das Ende einer langen Phase, in der viele glaubten, militärische Abschreckung könne gegenüber wirtschaftlicher Verflechtung dauerhaft in den Hintergrund treten. Noch ist nicht abzusehen, welche Konsequenzen der US-israelische Krieg gegen Iran haben wird.

Auch global zeigen die Indikatoren eine gefährliche Richtung. Das Uppsala Conflict Data Program (UCDP) registrierte für 2024 weltweit 61 aktive Konflikte mit mindestens einem Staat als Konfliktpartei — den höchsten Wert seit Beginn der Datenerhebung 1946. Das Stockholmer Institut für Internationale Friedensforschung (SIPRI) meldete in seiner 2026 veröffentlichten Erhebung, dass die globalen Militärausgaben 2025 bei 2,9 Billionen US-Dollar lagen, ausgedrückt in konstanten US-Dollar von 2024. Real entsprach dies einem Anstieg von 2,9 Prozent gegenüber 2024; besonders deutlich fiel der Zuwachs in West- und Zentraleuropa aus, das nach dem Ende des Kalten Krieges lange auf eine dauerhafte Friedensdividende gesetzt hatte: Dort stiegen die Ausgaben im gleichen Zeitraum um 15,8 Prozent. Freedom House verzeichnete 2025 das zwanzigste Jahr in Folge einen globalen Rückgang politischer Rechte und bürgerlicher Freiheiten — mit deutlichen Verschlechterungen auch in den USA. Sicherheit, Demokratie und internationale Regelbindung erodieren also nicht getrennt voneinander. Sie geraten gleichzeitig unter Druck.

Die Energiekrisen der vergangenen Jahre — ausgelöst durch den Ukrainekrieg und verschärft durch den Krieg gegen Iran — haben zusätzlich gezeigt, dass Interdependenz nur unter bestimmten Bedingungen friedensfördernd wirkt. Wirtschaftliche Verflechtung kann stabilisieren, wenn sie wechselseitig, diversifiziert, transparent und regelgebunden ist. Sie wird gefährlich, wenn sie asymmetrisch und politisch erpressbar wird. Im Rückblick war Europas Abhängigkeit von russischer Energie deshalb nicht nur ein ökonomischer Fehler, sondern eine strategische Fehleinschätzung: Die Annahme, günstiges russisches Gas könne zugleich Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und eine planbare Energiewende stützen, erwies sich als politisch verwundbar. Die EU-Kommission gibt an, dass der Anteil russischen Gases an den EU-Gasimporten seit Kriegsbeginn von 45 Prozent auf 12 Prozent im Jahr 2025 gefallen ist; russische Kohleimporte sind sanktioniert, Ölimporte stark reduziert. Die Lehre lautet nicht Autarkie, sondern resiliente Offenheit: Klimaschutz, Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Handlungsfähigkeit müssen künftig als Teile derselben Friedenspolitik verstanden werden.

Auch wirtschaftlich wird die Nachkriegslogik herausgefordert. Bretton Woods beruhte auf der Erfahrung, dass Finanzkrisen, Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und Protektionismus Demokratien destabilisieren und autoritäre Bewegungen stärken können. Diese Erfahrung ist nicht historisch erledigt. Der IWF warnt in seinem Weltwirtschaftsausblick vom April 2026 vor verlangsamtem globalem Wachstum, erneuten Inflationsrisiken, geopolitischer Fragmentierung, Handelsspannungen, hohen Schuldenständen und schwierigen Zielkonflikten steigender Verteidigungsausgaben. Damit kehrt ein Problem der Zwischenkriegszeit in neuer Form zurück: Wenn wirtschaftliche Unsicherheit als Kontrollverlust erlebt wird, gewinnen nationalistische und protektionistische Antworten an Attraktivität.

Bretton Woods war deshalb mehr als Währungsarchitektur. Es war der Versuch, makroökonomische Instabilität als Friedensrisiko ernst zu nehmen: Währungskrisen, Abwertungswettläufe, Massenarbeitslosigkeit und Protektionismus sollten nicht noch einmal jene politischen Radikalisierungen nähren, die die Zwischenkriegszeit zerstört hatten. Ungeachtet der erheblichen Divergenzen zwischen Harry Dexter White, dem prägenden Architekten der amerikanischen Position, und John Maynard Keynes, dem führenden Kopf der britischen Delegation — wie Benn Steil (2013) in The Battle of Bretton Woods rekonstruiert —, institutionalisierte das Bretton-Woods-Abkommen mit festen Wechselkursen, Kapitalverkehrskontrollen und dem goldgebundenen US-Dollar als Leitwährung bis Anfang der 1970er Jahre eine Form internationaler Koordinierung, in der Währungsordnung, Wiederaufbau und wirtschaftliche Stabilität über multilaterale Institutionen, insbesondere den IWF und die Weltbank, zu tragenden Elementen der Friedensarchitektur wurden.

Legt die Abkehr von der Ordnung nach 1945 also die Wurzeln neuer, globalerer Konflikte? Sie erhöht dieses Risiko erheblich. Gefährlich ist nicht nur die Zahl einzelner Kriege, sondern ihre zunehmende systemische Verknüpfung. Regionale Konflikte werden durch Großmachtrivalität, Energieflüsse, Sanktionen, Waffenlieferungen, Cyberoperationen, Desinformation, Finanzmärkte und Lieferketten miteinander verbunden. Wo das Gewaltverbot erodiert, werden Grenzen wieder verhandelbar. Wo Handelsregeln zerfallen, wird Abhängigkeit zur Waffe. Wo Demokratien im Inneren Vertrauen verlieren, sinkt ihre Fähigkeit, langfristige internationale Verpflichtungen zu tragen. Wo internationale Institutionen blockiert, delegitimiert oder gezielt ausgehöhlt werden, wächst der Anreiz zu unilateraler Machtpolitik und exklusiven Blöcken.

Diese Erosion ist inzwischen nicht mehr nur ein Nebeneffekt geopolitischer Rivalität, sondern selbst Teil politischer Strategie. Die NSS stellt den Nationalstaat ausdrücklich als „fundamental political unit“ ins Zentrum und wendet sich gegen „sovereignty-sapping incursions“ transnationaler Organisationen, die amerikanische Interessen behinderten. Im Februar 2025 ordnete das Weiße Haus den Rückzug aus bestimmten UN-Organisationen, die Beendigung der Finanzierung von UNRWA und UNHRC sowie eine Überprüfung der amerikanischen Unterstützung für internationale Organisationen, Konventionen und Verträge an; dieselbe Logik war bereits im Januar 2025 sichtbar geworden, als Präsident Donald Trump das erneute Ausscheiden der USA aus dem Pariser Klimaabkommen anordnete; im Januar 2026 folgten weitere Austritte aus internationalen Organisationen, die als den Interessen der USA widersprechend eingestuft wurden. Auch in der internationalen Steuerpolitik zeigte sich diese Abkehr: Das US-Finanzministerium erklärte, die OECD/G20-Regeln zur globalen Mindestbesteuerung hätten für die USA „no force or effect“, und feierte später eine Ausnahme für US-Konzerne von Pillar Two als Schutz amerikanischer Steuersouveränität. Damit wird Multilateralismus nicht reformiert, sondern konditioniert: Institutionen gelten nur noch, solange sie nationale Prioritäten verstärken; sobald sie Bindung erzeugen, werden sie bekämpft.

Prioritäten für eine erneuerte Friedensordnung

Nach 1945 bestand die eigentliche historische Leistung nicht darin, Machtpolitik abzuschaffen. Sie bestand vielmehr darin, Macht durch Institutionen, Regeln, wirtschaftliche Stabilisierung und europäische Integration so zu binden, dass Krieg zwischen zentralen Akteuren unwahrscheinlicher, wirtschaftliche Kooperation verlässlicher und kleinere Staaten weniger schutzlos wurden. Diese Ordnung war unvollkommen, machtpolitisch begrenzt und oft widersprüchlich. Dennoch schuf sie ein Gerüst, das Gewalt eindämmte, offene Weltwirtschaft stabilisierte und Europa aus der Logik permanenter Rivalität herausführte. Ihr liberaler Erfolg lag nicht nur in der Vermeidung von Krieg, sondern in der produktiven Freisetzung von Kooperation: Handel, Wettbewerb, Forschung, Mobilität und institutionelles Vertrauen wurden zu Quellen von Innovation, Produktivität, Wohlstand und demokratischer Stabilität. Global schien diese Dynamik zeitweise sogar die Beseitigung extremer Armut erreichbar zu machen — von den Millenniumsentwicklungszielen bis zur Agenda 2030. Erst die Polykrise aus Pandemie, Krieg, Schulden, Klimaschocks und geopolitischer Fragmentierung hat diesen Fortschritt gebremst und teilweise zurückgeworfen.

Für Europa — und für jene Demokratien, die an der liberalen Ordnung festhalten wollen — folgt daraus eine unbequeme, aber notwendige Schlussfolgerung: Diese Ordnung lässt sich nicht durch Rhetorik bewahren. Sie muss verteidigungsfähig, wirtschaftlich tragfähig und politisch legitim sein. Eine Friedensordnung braucht Rechtsbindung, aber auch Macht; offene Märkte, aber resiliente Lieferketten; multilaterale Regeln, aber auch die Fähigkeit, sie zu schützen. Einer Union aus 27 Mitgliedstaaten, deren Außen- und Sicherheitspolitik in zentralen Fragen noch immer durch Einstimmigkeit blockierbar bleibt, fehlt es zu oft an der Fähigkeit, Macht rechtzeitig, gemeinsam und glaubwürdig einzusetzen.

Die europäische Aufgabe besteht deshalb darin, Kants Lehre nicht zu romantisieren, sondern unter den Bedingungen einer härteren Weltordnung zu erneuern: durch Verteidigungsfähigkeit, auf die Europa nach 1990 glaubte verzichten zu können; durch fiskalische Tragfähigkeit, die angesichts hoher Staatsschulden schwieriger wird; und durch demokratische Kontrolle, die unter dem Druck illiberaler Kräfte neu verteidigt werden muss. Souveränität darf dabei keinen Rückzug ins Nationale bedeuten, sondern muss europäische Handlungsfähigkeit ermöglichen. Abschreckung ist unter heutigen Bedingungen kein Verrat an Kant, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Recht überhaupt Gewicht hat. In diese Richtung weist auch das europäische Weißbuch „European Defence — Readiness 2030“, das Verteidigungsfähigkeit, industrielle Kapazitäten und Investitionen in europäische Sicherheitsstrukturen ins Zentrum rückt. Kant ist in diesem Sinne kein Gegenbild zum Realismus, sondern dessen notwendige Zivilisierung: Er erinnert daran, dass Sicherheit erst dann dauerhaft wird, wenn Macht sich nicht selbst genügt.

Doch Verteidigung allein reicht nicht. Europa muss zugleich verhindern, dass der nichtamerikanische Westen in konkurrierende Einzelstrategien zerfallen und gegeneinander ausgespielt werden. Resilienz entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch koordinierte, rechtsgebundene Vernetzung: gemeinsame Standards, Reziprozität, transparente Finanzierung, belastbare Streitbeilegung, industrielle Partnerschaften und die Fähigkeit, gegenüber Großmächten gemeinsam zu verhandeln. Die Lehre aus der Geschichte lautet deshalb nicht Rückzug, sondern handlungsfähige Kooperation. Europa darf nicht warten, bis eine neue Katastrophe jene Einsicht erzwingt, die nach 1945 zur Grundlage der Friedensordnung wurde. Eine erneuerte Ordnung muss vorher entstehen — aus fünf Prioritäten:

  • Die Ukraine dauerhaft unterstützen und das Gewaltverbot verteidigen: Eine Niederlage dieses Prinzips würde weit über die Ukraine hinauswirken.
  • Strategische Abhängigkeiten reduzieren, ohne in Abschottung zu verfallen: Energie, Rohstoffe, digitale Infrastruktur, kritische Technologien und Lieferketten gehören heute zur Sicherheitsarchitektur.
  • Wirtschaftliche Erneuerung vorantreiben: Produktivität, Bildung, Forschung, Infrastruktur, Energieinvestitionen und Kapitalmarktintegration sind Voraussetzungen europäischer Handlungsfähigkeit.
  • Die liberale Ordnung im Inneren stärken: Rechtsstaatlichkeit, soziale Mobilität, bezahlbares Wohnen, regionale Entwicklung und Vertrauen in Institutionen sind Voraussetzungen außenpolitischer Belastbarkeit.
  • Multilateralismus reformieren, nicht nur beschwören: Eine Ordnung, die im globalen Süden als westlicher Besitzstand erscheint, wird nicht genügend Legitimität besitzen. Reformen der Vereinten Nationen, von Weltbank und IWF, der internationalen Schuldenarchitektur, der Klimafinanzierung und der Entwicklungszusammenarbeit sind deshalb Teil europäischer Sicherheitspolitik.

Der 8. Mai 1945 erinnert daran, wohin völkischer Nationalismus, Faschismus, Rassenideologie und imperiale Machtpolitik führen können. Er erinnert aber auch daran, dass aus Katastrophen Ordnungen entstehen können, wenn politische Vernunft, institutionelle Kreativität und moralische Klarheit zusammenkommen. Die Ordnung nach 1945 war nicht perfekt. Aber sie beruhte auf einer Einsicht, die heute wieder dringlich ist: Frieden verlangt mehr als Waffenstillstand; Wohlstand mehr als Märkte; Freiheit mehr als nationale Selbstbehauptung.

Kants Idee des ewigen Friedens bleibt dabei kein fertiger Bauplan, sondern ein Maßstab politischer Orientierung in unsicheren Zeiten. Sie fragt, ob Staaten — und vor allem Großmächte — im Zustand bloßer Gewaltmöglichkeit verharren oder ob und unter welchen Umständen sie bereit sind, Macht Schritt für Schritt rechtlich zu binden. Genau diese Frage steht im Zentrum der gegenwärtigen Krise. Wenn Europa glaubt, Frieden könne ohne Verteidigungsfähigkeit, Wohlstand ohne regelbasierte Offenheit und Freiheit ohne demokratische Substanz bestehen, riskiert es das Fundament seiner Nachkriegsordnung. Wenn es aber realistische Mittel mit liberalen Zwecken verbindet, kann aus der gegenwärtigen Krise eine Erneuerung entstehen.

Frieden ist kein Erbe, das sich von selbst erhält. Er ist eine Ordnung, die immer wieder gegen ihre historischen Gegenkräfte verteidigt werden muss: gegen Nationalismus ohne Selbstbegrenzung, gegen Realismus ohne Recht, gegen Märkte ohne Resilienz und gegen Multilateralismus ohne Machtbasis. Der 8. Mai verpflichtet nicht zur Selbstzufriedenheit. Er erinnert daran, dass eine Welt ohne verlässliche Friedensordnung keine Abstraktion ist — und dass sie zurückkehrt, wenn wirtschaftliche Unsicherheit, autoritäre Machtpolitik, demokratische Erosion und die Missachtung des Rechts einander verstärken.

Jan-Peter Olters

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