Aktuelles & Einsichten

Jahresrückblick: Haben geopolitische Neuordnungen 2025 zum „Jahr der Institutionen“ gemacht?

Kommentare

Ende 2025 standen acht Jahrzehnte transatlantischer Institutionengeschichte ebenso standhaft da wie der nur wenig ältere Ostflügel des Weißen Hauses; beide sahen sich präsidialen Umbauplänen gegenüber, die die Abrissbirne mit architektonischer Vision verwechselten und einen vergoldeten Ballsaal aus einer Vergangenheit versprachen, die es so nie gegeben hat. Die erste Nationale Sicherheitsstrategie der zweiten Trump-Administration forderte Beamte ausdrücklich dazu auf, Widerstand gegen den gegenwärtigen Kurs Europas zu kultivieren, während sie zugleich „patriotische europäische Parteien“ lobte und Europa als eine „Gruppe auf Linie gebrachter souveräner Nationen“ neu zu definieren suchte. Diese Wortwahl knüpfte unverkennbar an jenes souveränistische Vokabular an, das sich inzwischen am rechten Rand des Europäischen Parlaments verfestigt hat – insbesondere in der Fraktion Europa der Souveränen Nationen, zu der auch die Alternative für Deutschland zählt. Der dort gepflegte zivilisatorische Alarmismus findet sein Spiegelbild in der Warnung der Sicherheitsstrategie vor einer „zivilisatorischen Auslöschung“ Europas.

In dieser Logik wird Europa in Washington nicht länger als Partner begriffen, der in gemeinsamen Werten, Regeln und Institutionen verankert ist, sondern als konkurrierendes Ordnungsmodell, das politisch marginalisiert werden soll: ein offener, wirtschaftlich leistungsfähiger, politisch freiheitlicher und technologisch hochentwickelter Raum mit nahezu einer halben Milliarde Menschen, dessen Erfolg selbst zur strategischen Provokation umgedeutet wird – vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Abbaus institutioneller Gegengewichte in den Vereinigten Staaten. Das Ergebnis ist nicht nur eine Abkehr von der Nachkriegsordnung, die durch die Opfer der Greatest Generation an den Stränden der Normandie begründet wurde, sondern eine beunruhigende Annäherung zwischen den erklärten Zielen Washingtons und dem langfristigen Projekt Moskaus: der Befreiung nationaler Exekutivmacht von den Bindungen multilateraler Ordnung, die den Westen einst zu mehr machten als zur bloßen Summe seiner Teile.

Über die drei Themenfelder, die das Jahr 2025 prägten – Zölle und internationaler Handel, Washingtons Entgegenkommen gegenüber russischen Positionen in einer möglichen Nachkriegsordnung für die Ukraine sowie der erodierende Zusammenhang zwischen Klima-, Industrie- und Sicherheitspolitik –, verlagerte sich der Schwerpunkt internationaler Politik spürbar hin zu Akteuren, die multilaterale Regeln nicht länger als verbindlich, sondern als verhandelbar behandelten. Diese Agenda speiste sich ebenso aus handelspolitischer Abschottung wie aus strategischen Konzessionen gegenüber Moskau und entsprach damit den institutionellen Spannungen, die OLTERS GmbH in ihrer Prognose vom 28. Dezember 2024 („Geopolitische Verwerfungen machen 2025 zum Jahr der Institutionen“) antizipiert hatte. Geopolitische Rivalität und fiskalische Enge verbanden sich zu jener „toxischen Mischung aus Populismus und überstrapazierten Staatsfinanzen“, die in der Prognose beschrieben worden war, und beschleunigten sowohl den Rückzug aus regelbasierter Zusammenarbeit als auch aus den multilateralen Organisationen, die diese Ordnung bislang getragen hatten. Existenzielle Herausforderungen wie der Klimawandel wurden in der Praxis wiederholt Konflikten über – und offenen Angriffen auf – eine bereits geschwächte internationale Architektur untergeordnet; zugleich wurden handelspolitische Neujustierungen selbst zu Instrumenten geopolitischer Segmentierung. US-geprägte Zollregime etwa wurden zunehmend mit sicherheitspolitischen Zielsetzungen entlang globaler Lieferketten verzahnt.

Was folgt, ist ein Jahresrückblick: eine kritische Selbstüberprüfung entlang sechs Dimensionen jener Prognosen – wo sie sich bewahrheiteten, wo sie verfehlten und welche Dynamiken mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Jahr 2026 hineinwirken werden. Ein gesonderter Ausblick folgt vor dem Jahreswechsel.

Globale Institutionen 2025: In prekärer Schwebe

2025 in der Rückschau

Rückblickend erscheint 2025 als jener Moment, in dem der seit Langem beobachtbare Übergang von acht Jahrzehnten regelbasierter Ordnung hin zu einer Politik der Macht einen Punkt erreichte, jenseits dessen Umkehr nicht mehr als selbstverständlich gelten kann. Damit geriet der Multilateralismus zugleich in den Bereichen Handel, Sicherheit und globaler Governance in eine prekäre Schwebe. Der nationalistische Kurswechsel der Vereinigten Staaten in der Handelspolitik führte zu einer Serie von Zöllen, die disruptiv, unberechenbar und in vielen Fällen ausdrücklich strafend wirkten. In Gaza und in der Ukraine, aber auch in Konflikten außerhalb des globalen Scheinwerferlichts wie im Sudan, wurde das Völkerrecht selektiv bemüht und erwies sich als nur begrenzt wirksam – ein weiteres Indiz dafür, dass Normen zunehmend der Macht folgen, anstatt sie zu begrenzen.

Umstrittene Anschuldigungen dienten zur Rechtfertigung von Angriffen auf kleinere Schiffe in internationalen Gewässern ebenso wie zur Beschlagnahme von Öltankern vor der Küste Venezuelas und untergruben das Vertrauen in rechtliche Selbstbindung weiter. Der Boykott des G20-Gipfels in Johannesburg durch die Vereinigten Staaten – gefolgt von Präsident Trumps Entscheidung, Südafrika nicht zum Treffen 2026 in Miami einzuladen – wurde zu einem symbolträchtigen Ausdruck schwindenden Engagements für gemeinsame globale Steuerung. Auch die von Washington vermittelten Versuche, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden, unterstrichen diesen Wandel: Sie signalisierten die Bereitschaft, über territoriale Ergebnisse zu verhandeln, die zentrale Sicherheitsaxiome der europäischen Nachkriegsordnung infrage stellen. Ein hochverschuldetes Europa, konfrontiert mit erneutem russischem Druck und hybriden Bedrohungen und zugleich gezwungen, die Verlässlichkeit der Vereinigten Staaten neu zu bewerten, begann vorsichtig, aber sichtbar, den Weg verstärkter Aufrüstung einzuschlagen – trotz wachsender fiskalischer und gesellschaftlicher Kosten.

Die Kriege in der Ukraine und in Gaza polarisierten die politischen Debatten in Europa und Nordamerika und verstärkten, vor dem Hintergrund wachsender Verschuldung und nachlassender Regierungsfähigkeit, einen breiteren Trend zunehmender staatlicher Fragilität – auch in wohlhabenden Demokratien. Die Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China um technologische und strategische Vorherrschaft weitete handelspolitische Spannungen zu Exportkontrollen und verschärfter Konkurrenz um kritische Ressourcen aus. Zugleich nahm der militärische Druck im Indopazifik zu, parallel zu einem offeneren Ringen um Normen und institutionellen Einfluss. Ökonomisch blieb der Weltwirtschaft ein Einbruch erspart, nicht jedoch eine Phase zähen Wachstums: Die globale Expansion verharrte bei rund drei Prozent, die Disinflation verlief ungleichmäßig, und fiskalische Engpässe hielten an, während Industriepolitik und Deglobalisierung die Neuordnung von Lieferketten beschleunigten. Der Energie-Technologie-Komplex bildete eine weitere Bruchlinie des Jahres: Rekordinvestitionen in saubere Energien standen steigenden Emissionen und einem verschärften Wettlauf um kritische Mineralien gegenüber. Der KI-Boom nährte Hoffnungen auf Produktivitätsgewinne, erhöhte jedoch zugleich den Energiebedarf und verschärfte den geoökonomischen Wettbewerb um Chips, Daten und Standards.

Prognose 1. Geopolitische Neuordnungen als Treiber institutioneller Fragmentierung

Die USA wirkten 2025 weniger als Stabilitätsanker multilateraler Foren denn als aktiver Stressfaktor. Mit der Amtseinführung Donald Trumps als 47. Präsident am 20. Januar 2025 war die Erwartung, dass sich der Trend weg von einer liberalen, regelbasierten Ordnung hin zu machtpolitischer Durchsetzung beschleunigen würde, kaum gewagt. Überraschend war jedoch die Geschwindigkeit und institutionelle Vorbereitung, mit der die Administration bestehende Normen und Organisationen schwächte – vielfach in einer Weise, die faktisch mit Russlands revisionistischer Agenda konvergierte und, wenngleich weniger offen, Chinas Streben nach politisch-technologischer Dominanz begünstigte.

Gestützt auf den ultrakonservativen Fahrplan „Project 2025“ setzte das Weiße Haus den nationalistischen „America First“-Ansatz zügig in konkretes Regierungshandeln um. Zölle wurden zum zentralen Instrument wirtschaftlicher Außenpolitik, flankiert von einem selektiven Rückzug aus tragenden internationalen Ordnungen. Dazu zählten sowohl ein erneuter Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen als auch der abermalige Rückzug aus der Weltgesundheitsorganisation. Die Zerschlagung von USAID und die Überführung verbliebener Funktionen in das Außenministerium höhlten die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit substanziell aus und entzogen ihr den institutionellen Rückhalt.

Parallel dazu kündigte Washington die OECD-Vereinbarung über eine globale Mindestbesteuerung von 15 Prozent mit der Begründung auf, US-Unternehmen gezielt vor multilateralen Verpflichtungen schützen zu wollen. Diese Kombination aus handelspolitischem Zwang und institutioneller Selbstentbindung trug dazu bei, multilaterale Foren zu paralysieren und die Risse unter ihren verbliebenen Verteidigern zu vertiefen – insbesondere innerhalb einer fiskalisch angespannten und politisch fragmentierten EU sowie einer G20 mit zunehmend eingeschränkter Handlungsfähigkeit. Die Folge war eine weitere Erosion der Bereitschaft zu multilateralen Kompromissen und eine Zuspitzung des Streits um das Prinzip territorialer Integrität. Sichtbar wurde dies vor allem in frühen US-russischen Vorschlägen zur Beilegung des Ukrainekriegs, die Grenzen über die Köpfe der unmittelbar Betroffenen hinweg zur Verhandlungsmasse erklärten.

China setzte dem einen anderen Ansatz entgegen. Multilaterale Institutionen galten dabei weniger als Einschränkungen, sondern als formbare Instrumente politischer Gestaltung. 2025 setzte Peking gezielt auf BRICS und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit als parallele Pfeiler einer multipolaren Ordnung, deren Ausweitung darauf abzielte, westliche Regelsetzung zu verdünnen. Auf dem BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro nahm der Verbund Indonesien auf, schuf eine neue Kategorie von „Partnerländern“ und warb für eine stärkere Koordinierung des Globalen Südens in Fragen der Klimafinanzierung, der KI-Governance und der Reform globaler wirtschaftlicher Steuerungsstrukturen. Die Finanzminister der BRICS-Staaten drängten auf eine Reform der IWF-Quoten und -Führungsstrukturen und entwickelten neue Instrumente der Neuen Entwicklungsbank, des blockeigenen Kreditinstitut, zur Senkung der Finanzierungskosten ihrer Mitglieder – Schritte, die als Fragen der Fairness gerahmt wurden, faktisch jedoch Chinas Ziel unterstützten, die Architektur von Bretton Woods schrittweise umzubauen.

Auch die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit gewann deutlich an institutioneller Tiefe. Auf dem Gipfel in Tianjin verabschiedete sie eine Entwicklungsstrategie bis 2035 und vereinbarte Abkommen zur digitalen Wirtschaft, zu künstlicher Intelligenz, Energie, Zahlungssystemen sowie zur Vorbereitung einer eigenen Entwicklungsbank. Ziel war es, die eurasische Integration zu vertiefen und zugleich die Abhängigkeit von Sanktionen und US-Dollar-Finanzierung zu verringern. Auf der 80. Generalversammlung der Vereinten Nationen propagierte China unterdessen einen Diskurs des „wahren Multilateralismus“, forderte ein „gerechtes und ausgewogenes“ globales Ordnungssystem sowie eine stärkere Stimme der Entwicklungsländer und verlangte zugleich Reformen der internationalen Regelsetzung und der Finanzarchitektur. Als Reaktion auf US-Zolldrohungen verschärfte Peking Exportkontrollen für Seltene Erden, sondierte eine „grüne Mineralienallianz“ mit Förderländern des Globalen Südens und nutzte Lizenzauflagen, um US-Handels- und Technologiebeschränkungen entgegenzuwirken.

Zusammengenommen legten Washingtons institutioneller Rückbau und Pekings institutionelle Umwidmung denselben grundlegenden Befund offen: Die beiden stärksten Mächte der Welt waren nicht länger bereit, ein gemeinsames Regelwerk zu tragen, sondern konkurrierten offen um dessen Neuschreibung. Damit fiel die Last, ein verbleibendes multilaterales Gravitationszentrum zu verteidigen, zunehmend Europa zu – ausgerechnet dort, wo die zweite Prognose die größte Verwundbarkeit gesehen hatte.

Prognose 2. Politische Lähmung und der Einfluss der radikalen Rechten unterminieren Europas Rolle als notwendiges Gegengewicht

Europa begann zwar, das häufig beschworene Ziel strategischer Autonomie in konkrete Politik zu übersetzen, doch 2025 zeigte, wie brüchig dieses Unterfangen geblieben ist. Angesichts der ökonomisch erratischen „Liberation-Day“-Zölle der Trump-Administration verzichtete die Europäische Union darauf, ihr erhebliches handelspolitisches Gewicht zu nutzen, um eine regelbasierte Koalition über die Vereinigten Staaten hinaus zu mobilisieren. Stattdessen folgte sie weitgehend der Logik Washingtons und akzeptierte ein deutlich asymmetrisches Arrangement.

Ein ähnliches Muster zeigte sich in der Ukraine-Diplomatie. Europa reagierte auf US-gestützte Friedensinitiativen, indem es deren problematischste Elemente abmilderte; einen eigenen, kohärenten Rahmen legte es jedoch nicht vor. Wo etwa blieb ein europäischer Vorschlag für einen Waffenstillstand, der die territoriale Integrität – ein Kernprinzip der europäischen Sicherheitsordnung – sichert und zugleich die militärischen Realitäten mit einer tragfähigen politischen Perspektive für eine russisch dominierte Ost- und eine europäisch angebundene Westukraine verbindet? Schadensbegrenzung ersetzt keine Führung und droht vielmehr, die bereits sichtbaren Zentrifugalkräfte innerhalb der Union weiter zu verstärken.

Auch die beschleunigte Aufrüstung legte die Kluft zwischen Anspruch und Umsetzung offen. Zwischen erneuerter russischer Aggression und einer zunehmend unzuverlässigen US-Sicherheitsgarantie – früh signalisiert durch Washingtons Zurückstufung des NATO-Engagements – erhöhte Europa zwar seine Verteidigungsausgaben, überführte diese jedoch nicht in eine gemeinsame industrie- und beschaffungspolitische Strategie. Die Abhängigkeit von US-Rüstungsgütern blieb die Regel und verfestigte strukturelle Pfadabhängigkeiten. Die ad-hoc-Koordination der E3-Staaten Frankreich, Deutschland und Großbritannien brachte punktuelle taktische Geschlossenheit, machte jedoch zugleich das grundlegende Defizit sichtbar: Europa reagierte, setzte aber keine Prioritäten und definierte nicht die politischen Leitplanken.

Politische Blockaden in Frankreich, postelektorale Verunsicherung in Deutschland, ein fiskalisch enger Handlungsspielraum sowie der wachsende Vetoeinfluss illiberaler Kräfte – besonders augenfällig im Falle Viktor Orbáns Ungarn – nahmen Brüssel jene Kohäsion und Legitimität, die erforderlich gewesen wären, um als Gegengewicht in einer zunehmend blockgetriebenen Ordnung zu wirken. Sollte 2026 keine substanzielle Kurskorrektur bringen, droht die EU Washingtons Hebelwirkung weiter zu erhöhen und die Fliehkräfte innerhalb des 27-Staaten-Verbunds zusätzlich zu vertiefen.

Auffällig war dabei der Kontrast zu zeitgleich diagnostizierten Entwicklungen in Kanada („an Glanz verloren“) und Japan („von Korruptionsskandalen heimgesucht“). In beiden Fällen zeigte sich 2025, dass demokratische Systeme unter Druck durchaus in der Lage sind, stabilisierende Führung hervorzubringen. In Amerikas nördlichem Nachbarland verloren die Liberalen die Wahl nicht, sondern wählten Mark Carney – getragen von einer ausgeprägten rally-around-the-flag-Reaktion auf Trumps wiederholte „51.-Bundesstaat“-Rhetorik – zum Premierminister, versehen mit einem klaren Mandat, US-Provokationen in Fragen der Souveränität und des Handels entgegenzutreten. In Japan belastete die LDP-Spendenaffäre weiterhin das öffentliche Vertrauen und die innerparteiliche Stabilität, doch die politische Reaktion mündete in eine Kabinettsumbildung, die Sanae Takaichi neue Dynamik und wachsende Zustimmung für das Regierungsprogramm verschaffte.

Der Befund für den Westen insgesamt fiel dennoch ernüchternd aus. So sehr Kanada und Japan demokratische Resilienz demonstrierten, so wenig vermochte dies die strukturelle Schwerkraft des Jahres zu verändern, die maßgeblich durch das Verhalten der drei ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats bestimmt wurde. Damit rückte die dritte Prognose ins Zentrum: ob die USA, Russland und China – bewusst und durch ihr faktisches Handeln – gemeinsam zur Aushöhlung der Kernnormen der Nachkriegsordnung beitragen würden.

Prognose 3. Die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats tragen gemeinsam zur Erosion zentraler Normen bei

Im Jahr 2025 konvergierten die drei ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen – die USA, Russland und China – teils offen, teils implizit in einer Weise, die zentrale, verfassungsähnliche Normen der internationalen Ordnung untergrub. Russland setzte seinen Krieg der territorialen Revision in der Ukraine fort und nutzte sein Vetorecht nicht nur defensiv, sondern gezielt, um Resolutionstexte von jeder klaren Bezugnahme auf Aggression oder die Unverletzlichkeit von Grenzen zu befreien. Der Sicherheitsrat wurde damit nicht länger als Instrument kollektiver Normdurchsetzung genutzt, sondern zunehmend als Arena sprachlicher Verwässerung.

Die USA wiederum vollzogen einen deutlichen Übergang von normgebundener Führung hin zu transaktionaler Äquidistanz. Washington widersetzte sich Formulierungen, die die territoriale Integrität der Ukraine in den Mittelpunkt gestellt hätten, und unterstützte frühzeitig eine Resolution, deren ausgleichende Sprache weithin als Normalisierung territorialer Verhandlungslösungen gelesen wurde – nicht als eindeutige Verurteilung von Grenzrevision. China schließlich billigte Russlands Kriegsziele zwar nicht ausdrücklich, stellte den Konflikt jedoch zunehmend in eine souveränitätsagnostische „Frieden-zuerst“-Rhetorik und vertiefte parallel seine strategische Abstimmung mit Moskau auf institutioneller Ebene. Ausdruck dessen war unter anderem eine gemeinsame chinesisch-russische Erklärung bei den Vereinten Nationen zur „Wahrung des Völkerrechts“, die faktisch Sanktionen, Rechenschaftsmechanismen und eine angeblich „politisierte“ internationale Strafjustiz angriff.

Der kumulative Effekt war keine formelle Achse, wohl aber eine funktionale: ein Sicherheitsrat, in dem die drei mächtigsten Mitglieder territoriale Integrität nicht länger als rote Linie begriffen, sondern als verhandelbare Größe in machtpolitischen Arrangements.

Ein ähnliches Muster zeigte sich im Gaza-Krieg. Russland und China versuchten, die humanitäre Katastrophe politisch gegen die Glaubwürdigkeit des Westens zu wenden, während die USA wiederholt ihr Vetorecht einsetzten, um Israel zu schützen und den Sicherheitsrat an verbindlichen restriktiven Maßnahmen zu hindern – selbst als sich die Warnungen vor militärisch herbeigeführten Hungersnöten verdichteten. Washington verfolgte schließlich einen eigenen, US-geführten Stabilisierungsansatz, der Entscheidungsgewalt in eine von den Vereinten Nationen getrennte Struktur verlagerte und damit den Eindruck verfestigte, dass multilaterale Regeln zunehmend den Präferenzen einzelner Großmächte folgen.

Peking nutzte die daraus resultierende Lähmung, um sich als Hüter eines „wahren Multilateralismus“ in Stellung zu bringen, während es zugleich alternative institutionelle Plattformen ausbaute. In beiden Konflikttheatern wirkte das Verhalten der P3-Staaten als weiterer Erosionsfaktor für die Autorität des Sicherheitsrats. Das Gremium fungierte nicht länger als Garant universeller Regeln, sondern als Verhandlungsforum darüber, welche Regeln für wen gelten sollten.

Diese Erosion großmachtlicher Verantwortung bildet den düsteren Hintergrund für die im Jahr 2026 anstehende Auswahl des nächsten Generalsekretärs der Vereinten Nationen. Das Verfahren wurde formell durch ein gemeinsames Schreiben von Sicherheitsrat und Generalversammlung eröffnet; öffentliche Anhörungen und zivilgesellschaftliche Beteiligung sind erneut vorgesehen. Doch die Entscheidung dürfte weniger von prozeduraler Offenheit als von geopolitischer Vetopolitik bestimmt werden. Der Druck regionaler Rotation – zahlreiche Staaten reklamieren einen Anspruch Osteuropas –, der konzertierte Vorstoß zur Ernennung der ersten Frau an der Spitze der Vereinten Nationen sowie ein frühes Bewerberfeld mit prominenten Kandidatinnen und Kandidaten aus Lateinamerika und anderen Regionen wirken dabei in unterschiedliche Richtungen. Am Ende muss jedoch jede Kandidatur die intransparenten „Straw Polls“ der P5 überstehen und das Risiko eines einzelnen Vetos einkalkulieren – in einem Sicherheitsrat, dessen ständige Mitglieder zunehmend bereit sind, die Kernnormen der Organisation nationalen Interessen zu subordinieren. Die Gefahr besteht darin, dass eine Auswahl, die als Referendum über multilaterale Erneuerung gedacht ist, zu einem weiteren Schauplatz blockpolitischer Tauschgeschäfte wird und entweder in einem kleinsten gemeinsamen Nenner oder in einer lähmenden Blockade endet – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die UNO normativ gefestigte Führung besonders dringend benötigt.

Diese Blockade an der Spitze des UN-Systems blieb jedoch kein isoliertes Phänomen. Sie traf auf eine zweite, leisere, aber nicht minder strukturelle Kraft, auf die bereits im Vorjahr hingewiesen worden war: die zunehmende fiskalische Enge demokratischer Staaten. Während geopolitisches Feilschen multilaterale Normen aushöhlte, erodierten Schulden, Inflationsmüdigkeit und schrumpfender fiskalischer Spielraum zugleich jene innenpolitische Legitimität, auf der jede tragfähige internationale Ordnung beruht. Damit rückt die vierte Prognose in den Fokus: die Erwartung, dass fiskalischer Druck 2025 zu einem entscheidenden Faktor demokratischer Glaubwürdigkeit werden würde.

Prognose 4. Fiskalischer Druck und Verschuldung als Faktor demokratischer Legitimität

Auch diese Prognose erwies sich 2025 als eher bestätigend denn beruhigend. Der jüngste World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds zeichnete das Bild einer Weltwirtschaft, die widerstandsfähiger ausfiel als befürchtet, zugleich jedoch auf einem schwachen strukturellen Wachstumspfad verharrte. Das globale Wachstum bewegte sich bei rund 3,2 Prozent, während entwickelte Volkswirtschaften nahe bei anderthalb Prozent stagnierten – zu wenig, um Schuldenquoten allein durch Expansion zu stabilisieren. Die Disinflation setzte sich fort, verlief jedoch ungleichmäßig und war zunehmend mit zollbedingten Aufwärtsrisiken behaftet; in mehreren großen Volkswirtschaften blieben die Realzinsen daher länger hoch.

Vor diesem Hintergrund lag die zentrale Botschaft des IWF weniger im monetären als im fiskalischen Bereich. Die Regierungen gingen mit nur begrenzten Fortschritten beim Wiederaufbau fiskalischer Puffer in das Jahr 2025 hinein, während dauerhafte Ausgabedrücke aus Verteidigung, wirtschaftlicher Sicherheit, demographischem Wandel und Klimaanpassung den finanzpolitischen Spielraum weiter verengten. Der Fiscal Monitor warnte davor, dass die globale Staatsverschuldung erneut ansteige und bis zum Ende des Jahrzehnts an die Marke von 100 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts heranreichen könnte. Debt-at-Risk-Szenarien deuteten zudem darauf hin, dass bei enttäuschendem Wachstum oder erneuten Schocks noch deutlich steilere Verschuldungspfade drohten.

Diese Kombination aus hoher Ausgangsverschuldung, schwachem Trendwachstum und wachsenden Haushaltsansprüchen verstärkte in vielen Demokratien den Eindruck, Regierungen versprächen mehr, als sie realistisch einlösen können. Fiskalische Engpässe wurden 2025 zu Legitimationsengpässen: Haushaltskrisen und Verteilungskonflikte in großen europäischen Staaten, das Spannungsverhältnis zwischen Aufrüstung und sozialstaatlichen Leistungen sowie die Ausweitung industriepolitischer Subventionen schärften das Misstrauen gegenüber etablierten Parteien. Damit bestätigte sich der weitergehende Befund der Prognose: Fiskalische Erschöpfung ist nicht länger ein bloßer Hintergrundfaktor, sondern ein politischer Beschleuniger, der Kompromissfähigkeit im Inneren ebenso untergräbt wie Solidaritätsbereitschaft nach außen.

Prognose 5. Die politökonomischen Folgen hoher US-Zölle

Auch diese Prognose fand 2025 nur eine teilweise, in ihrer Richtung jedoch beunruhigende Bestätigung. Die erneute Hinwendung der USA zu Zöllen als Instrument fiskalischer und industriepolitischer Steuerung – innenpolitisch als Verteidigung industrieller Souveränität und der Sicherheit von Lieferketten gerahmt – wirkte international wie eine Steuer auf Wachstum und als Katalysator weiterer Fragmentierung. Zölle dienten damit weniger als temporäres handelspolitisches Druckmittel denn als strukturelles Element einer umfassenderen wirtschaftspolitischen Neuordnung.

Höhere Zölle, weniger Container: Souveränität durch Subtraktion

In den USA trugen protektionistische Handelspolitik und restriktivere Migrationsregelungen dazu bei, den Preisdruck auf Güter und Dienstleistungen erneut zu erhöhen. Die Folge waren eine Abkühlung der wirtschaftlichen Dynamik und eine spürbare Abschwächung der Arbeitsmärkte. Vor dem Hintergrund des doppelten Mandats der US-Zentralbank und eines bislang beispiellosen politischen Drucks seitens der Exekutive endete das Jahr mit Inflationserwartungen, die dauerhaft oberhalb des Zielwerts lagen, sowie mit wachsender Sorge um eine Erosion der Zentralbankunabhängigkeit – in jenem Land, das die Weltreservewährung emittiert.

Zwar setzte sich der Rückgang der Verbraucherpreisinflation in den meisten entwickelten Volkswirtschaften fort, doch zollbedingte Kostenimpulse machten sich erneut bei handelbaren Gütern, in der Logistik und in energieintensiven Industrien bemerkbar. Dies erschwerte den disinflationären Pfad und bestätigte IWF-Warnungen vor inflationsseitigen Aufwärtsrisiken, die unmittelbar aus handelspolitischen Maßnahmen resultieren. Makroökonomisch äußerte sich dies weniger in einem neuen Inflationsschock als in einer schleichenden Bewegung hin zu einem niedrigeren Wachstumspfad, auf dem Preisstabilität mit schwächeren Investitionen, geringeren Handelsvolumina und anhaltender Unsicherheit über den Zugang zum US-Markt erkauft werden musste.

Für Schwellen- und Entwicklungsländer fielen die Auswirkungen deutlich schärfer aus. US-Zollmaßnahmen, kombiniert mit subventionsintensiver Industriepolitik in den Vereinigten Staaten und in Europa, lenkten Investitionsströme um, drückten Exportmargen und verfestigten eine Hierarchie des Marktzugangs, in der geopolitische Ausrichtung zunehmend wichtiger wurde als wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Staaten ohne strategisches Gewicht oder politische Hebel sahen sich steigenden Finanzierungskosten, volatilen Kapitalströmen und einem schrumpfenden politischen Handlungsspielraum ausgesetzt. In diesem Sinne bremsten Zölle nicht nur das Wachstum, sondern verfestigten eine zweigeteilte Weltwirtschaft und untergruben damit das Versprechen, dass Integration in ein regelbasiertes Handelssystem verlässliche Entwicklungserträge generiert. Das Ergebnis war keine akute Krise, wohl aber eine schrittweise Erosion des Vertrauens in die Offenheit und Neutralität des globalen Handelssystems.

Prognose 6. Energiewende – struktureller Fortschritt unter institutionellem Druck

Die letzte Prognose, wonach die Energiewende selbst unter geopolitisch widrigen Umständen eine gewisse Eigendynamik entwickeln würde, bestätigte sich im Grundsatz – wenn auch in einem deutlich ungeordneteren institutionellen Umfeld als erwartet. Die globalen Investitionen in erneuerbare Energien erreichten 2025 neue Höchststände; der Ausbau von Solar-, Wind- und Speichertechnologien beschleunigte sich, und Skaleneffekte entlang der Lernkurven senkten die Kosten zentraler Technologien weiter. In diesem begrenzten Sinne erwies sich die Energiewende als robuster, als viele befürchtet hatten: Die Dekarbonisierung kam voran, nicht weil multilaterale Institutionen oder politische Steuerung durch Klimaforen besonders wirksam gewesen wären, sondern weil technologische Reife, Kapitalverfügbarkeit und industriepolitische Anreize zusammenwirkten.

Dieser Fortschritt hatte jedoch seinen Preis. Anstatt die multilaterale Klimagovernance zu stärken, vollzog sich der Boom der Erneuerbaren in zunehmend nationalisierten und sicherheitspolitisch aufgeladenen Rahmensetzungen. Der Wettbewerb um kritische Mineralien verschärfte sich, Exportkontrollen nahmen zu, und Klimapolitik wurde immer enger mit handelspolitischer Abwehr und geopolitischer Positionierung verflochten. Die Energiepreise lagen zwar strukturell unter den Niveaus der akuten Krisenjahre, blieben jedoch an den Rändern volatil – weniger infolge physischer Knappheit als aufgrund institutioneller Fragmentierung, etwa durch Engpässe bei Genehmigungen, im Netzausbau und in der grenzüberschreitenden Koordinierung. Kurzum: Die Energiewende kam voran, jedoch nicht als kollektives Projekt. Sie entwickelte sich trotz geschwächter Institutionen, nicht aufgrund erneuerter multilateraler Steuerung.

2025 als Scharnierjahr

In der Zusammenschau der sechs Prognosen ergibt sich ein ernüchternder Befund. Die zurückliegenden zwölf Monate wurden tatsächlich zu einem Jahr der Institutionen – jedoch nicht zu einem Jahr ihrer Erneuerung. Es war vielmehr das Jahr, in dem Institutionen am deutlichsten als zentrales Schlachtfeld geopolitischer Auseinandersetzungen hervortraten und in vielen Fällen selbst zu deren Opfern wurden. Multilaterale Regeln wurden dabei nicht schlicht ignoriert; sie wurden selektiv bemüht, strategisch umgedeutet oder systematisch umgangen. Institutionen blieben relevant, jedoch zunehmend als Hindernisse, die es zu verwalten galt, oder als Arenen, die es zu besetzen galt – nicht mehr als gemeinsam akzeptierte Ordnungsrahmen mit bindender Kraft.

Wenn 2025 den multilateralen Institutionen ihre letzten Illusionen nahm, könnte 2026 darüber entscheiden, ob ihnen überhaupt noch bindende Kraft verbleibt. Das kommende Jahr wird damit zum Testfall dafür, ob die hier dokumentierte Erosion in ein neues Gleichgewicht übergeht, in dem Macht nicht mehr durch Regeln gezügelt wird, sondern lediglich durch Gegenmacht begrenzt bleibt. In diesem Sinne reichen die US-Kongresswahlen im November 2026 weit über Washington hinaus: Sie werden die Anreize einer Administration prägen, deren Umgang mit Handel, Allianzen und multilateraler Ordnung die globale Ausgangslage bereits nachhaltig verschoben hat.

Die Einsätze reichen dabei tiefer als bloße politische Abstimmung. Vor acht Jahrzehnten war der D-Day nicht nur ein militärischer Sieg über den Faschismus, sondern Ausdruck einer kollektiven Einsicht – geschmiedet im gemeinsamen Opfer –, dass ungezügelte Machtpolitik institutionell gebunden werden muss, soll sich die Katastrophe nicht wiederholen. Diese Institutionen heute auszuhöhlen, zu marginalisieren oder als verzichtbar zu behandeln, wäre daher nicht lediglich eine strategische Neubewertung, sondern die bewusste Preisgabe jener Lehre, für die die Greatest Generation gemeinsam mit ihren Verbündeten den höchsten Preis gezahlt hat. Die Nachkriegsordnung mag auch nächstes Jahr noch nicht vollständig zusammenbrechen; doch ohne eine entschlossene Kurskorrektur könnten Historiker diesen Zeitpunkt als den Moment identifizieren, in dem ihr schleichender Abschied aufhörte, unbeabsichtigt zu sein – und damit vorsätzlich wurde.

Jan-Peter Olters

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kontaktieren Sie uns