Aktuelles & Einsichten

OPWP № 2026/02

Publikationen

Tischplatzreservierung: Die EU-Kanada-Allianz, die kollektive Verteidigung und die Herausbildung einer Stimme des nichtamerikanischen Westens

PP-IR-FR. Im Juni 2022 beendeten Kanada und das Königreich Dänemark gemeinsam mit Grönland den ein halbes Jahrhundert währenden »Whisky-Krieg« um Tartupaluk (Hans-Insel) mit einem Grenzabkommen zwischen »Nachbarn und Verbündeten« – für Kanadas Außenministerin Mélanie Joly der Beweis, dass die Arktis ein Leuchtturm internationaler Zusammenarbeit sei, wo die Rechtsstaatlichkeit herrsche. Vier Jahre später steht eben diese Rechtsstaatlichkeit unter Druck, und Brüssel hat sich Ottawa zugewandt. In ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September 2026 kündigte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, an: »Wir werden von CETA zu einer Allianz für die Zukunft übergehen«, und erklärte, sie wolle darauf hinarbeiten, »dass Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU wird«. Tags darauf setzte Premierminister Mark Carney vor dem Europäischen Parlament das zugrunde liegende Dilemma – Art. 49 EUV öffnet die Mitgliedschaft nur »europäischen Staaten« – auf die Tagesordnung: Die Institutionen, die man geerbt habe, seien geografisch organisiert, die benötigten strategischen Fähigkeiten hingegen funktional.

Das ist der Kern des Problems, und Washington macht ihn dringlich. Seit der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA von 2025 und der Grönlandkrise ist die Schutzmacht des Nordatlantiks auch zu einer Risikoquelle geworden. Allein im September folgten die präsidiale Landkarte (7. September), die Zolldrohung (16. September) und das Verteidigungsabkommen zu Grönland (22. September) derselben Methode: mit jedem Partner einzeln verhandeln, nie mit allen zugleich. Genau vor diesem Risiko geopolitischer Fragmentierung hatte Carney die Mittelmächte im Januar in Davos gewarnt: Wer nicht mit am Tisch sitze, stehe auf der Speisekarte. Gegen diese Bedrohung verfügt die EU über ein Gut, das sonst niemand bietet: Art. 42 Abs. 7 EUV, die einzige multilaterale Beistandsklausel unter europäischen Demokratien, die rechtlich nicht von den USA abhängt. Doch sie ist nur mit der Mitgliedschaft zu haben, und diese verschließt Art. 49 EUV Kanada. Eine assoziierte Mitgliedschaft brächte Ottawa das wirtschaftliche Gut, das es sich wünscht, nicht aber das Sicherheitsgut, das es braucht.

In Erweiterung der Shelter-Theorie erklärt das Papier, warum keines der fünf nordatlantischen Länder und Gebiete (Kanada, Norwegen, Island, Grönland und die Färöer) eine volle EU-Mitgliedschaft für zugleich attraktiv und erreichbar hält. Das wirtschaftliche Angebot der EU ist entbündelt; ihre Sicherheitsgarantie gibt es nur mit dem gesamten Besitzstand der Union, einschließlich der Gemeinsamen Fischereipolitik. Island, welches das Paket erwerben könnte, stimmte am 29. August gegen die Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen. Kanada, sein Spiegelbild, kann es nicht erwerben, sucht aber die Sicherheit, die es garantieren würde.

Das Papier schlägt vor, diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, indem das Sicherheitsgut entbündelt wird: durch einen außerhalb des Unionsrechts geschlossenen Beistandsvertrag nach dem Vorbild von Art. 42 Abs. 7 EUV, jedoch mit stärkerer Verpflichtung, offen für die europäischen NATO-Mitglieder und für Kanada. Der EU-Kern bliebe unangetastet, umgeben von zwei konzentrischen Strukturen, einer für die Sicherheit und einer für die Integration: eine differenzierte Integration, die Regeln statt Ausnahmen folgt. Ohne, aber nicht gegen Washington gebaut, würde der Vertrag keinen Gegner benennen, mit den NATO-Verpflichtungen vereinbar bleiben und NORAD unberührt lassen. Verhandelten die fünf gemeinsam statt einzeln, würden sie der Marktmacht des Verkäufers die Gegenmacht der Käufer entgegensetzen. Hier hört eine geeinte Stimme des nichtamerikanischen Westens auf, ein Schlagwort zu sein, und wird zu einem Mechanismus.

Der EU-Kanada-Gipfel am 29./30. Oktober in Montréal, auf den Tag genau zehn Jahre nach der Unterzeichnung von CETA, kann erste Weichen stellen. Das Papier formuliert sechs Empfehlungen und legt dar, was Montréal auf den Weg bringen sollte:

  • eine Absichtserklärung mit Zeitplan zum Abschluss der CETA-Ratifizierung, die in zehn Mitgliedstaaten noch aussteht;
  • eine assoziierte Mitgliedschaft als allgemeine Kategorie statt als kanadische Ausnahme;
  • Unterstützung für Sondierungsarbeiten zum Vertrag;
  • eine Fischereisäule.

Als zweites Papier der Olters Policy and Working Paper Series (OPWP) und erstes auf Französisch erscheint es vor dem Gipfel mit Zusammenfassungen auf Französisch, Englisch und Deutsch.

→ Vollständiges Papier (PDF, auf Französisch): https://olters.eu/wp-content/uploads/2026/10/OPWP-02-2026_UE-Canada_jpo.pdf

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kontaktieren Sie uns