{"id":1542,"date":"2025-12-17T15:13:30","date_gmt":"2025-12-17T14:13:30","guid":{"rendered":"https:\/\/olters.eu\/?p=1542"},"modified":"2025-12-19T11:29:02","modified_gmt":"2025-12-19T10:29:02","slug":"jahresrueckblick-haben-geopolitische-neuordnungen-2025-zum-jahr-der-institutionen-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/olters.eu\/de\/jahresrueckblick-haben-geopolitische-neuordnungen-2025-zum-jahr-der-institutionen-gemacht\/","title":{"rendered":"Jahresr\u00fcckblick: Haben geopolitische Neuordnungen 2025 zum \u201eJahr der Institutionen\u201c gemacht?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ende 2025 standen acht Jahrzehnte transatlantischer Institutionengeschichte ebenso standhaft da wie der nur wenig \u00e4ltere Ostfl\u00fcgel des Wei\u00dfen Hauses; beide sahen sich pr\u00e4sidialen Umbaupl\u00e4nen gegen\u00fcber, die die Abrissbirne mit architektonischer Vision verwechselten und einen vergoldeten Ballsaal aus einer Vergangenheit versprachen, die es so nie gegeben hat. Die erste <\/em><a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-National-Security-Strategy.pdf\"><em>Nationale Sicherheitsstrategie<\/em><\/a> <em>der zweiten Trump-Administration forderte Beamte ausdr\u00fccklich dazu auf, Widerstand gegen den gegenw\u00e4rtigen Kurs Europas zu kultivieren, w\u00e4hrend sie zugleich \u201epatriotische europ\u00e4ische Parteien\u201c lobte und Europa als eine \u201eGruppe auf Linie gebrachter souver\u00e4ner Nationen\u201c neu zu definieren suchte. Diese Wortwahl kn\u00fcpfte unverkennbar an jenes souver\u00e4nistische Vokabular an, das sich inzwischen am rechten Rand des Europ\u00e4ischen Parlaments verfestigt hat \u2013 insbesondere in der Fraktion Europa der Souver\u00e4nen Nationen, zu der auch die Alternative f\u00fcr Deutschland z\u00e4hlt. Der dort gepflegte zivilisatorische Alarmismus findet sein Spiegelbild in der Warnung der Sicherheitsstrategie vor einer \u201ezivilisatorischen Ausl\u00f6schung\u201c Europas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Logik wird Europa in Washington nicht l\u00e4nger als Partner begriffen, der in gemeinsamen Werten, Regeln und Institutionen verankert ist, sondern als konkurrierendes Ordnungsmodell, das politisch marginalisiert werden soll: ein offener, wirtschaftlich leistungsf\u00e4higer, politisch freiheitlicher und technologisch hochentwickelter Raum mit nahezu einer halben Milliarde Menschen, dessen Erfolg selbst zur strategischen Provokation umgedeutet wird \u2013 vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Abbaus institutioneller Gegengewichte in den Vereinigten Staaten. Das Ergebnis ist nicht nur eine Abkehr von der Nachkriegsordnung, die durch die Opfer der <em>Greatest Generation<\/em> an den Str\u00e4nden der Normandie begr\u00fcndet wurde, sondern eine beunruhigende Ann\u00e4herung zwischen den erkl\u00e4rten Zielen Washingtons und dem langfristigen Projekt Moskaus: der Befreiung nationaler Exekutivmacht von den Bindungen multilateraler Ordnung, die den Westen einst zu mehr machten als zur blo\u00dfen Summe seiner Teile.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die drei Themenfelder, die das Jahr 2025 pr\u00e4gten \u2013 Z\u00f6lle und internationaler Handel, Washingtons Entgegenkommen gegen\u00fcber russischen Positionen in einer m\u00f6glichen Nachkriegsordnung f\u00fcr die Ukraine sowie der erodierende Zusammenhang zwischen Klima-, Industrie- und Sicherheitspolitik \u2013, verlagerte sich der Schwerpunkt internationaler Politik sp\u00fcrbar hin zu Akteuren, die multilaterale Regeln nicht l\u00e4nger als verbindlich, sondern als verhandelbar behandelten. Diese Agenda speiste sich ebenso aus handelspolitischer Abschottung wie aus strategischen Konzessionen gegen\u00fcber Moskau und entsprach damit den institutionellen Spannungen, die OLTERS GmbH in ihrer Prognose vom 28. Dezember 2024 (\u201e<em><a href=\"https:\/\/olters.eu\/de\/geopolitische-verwerfungen-machen-2025-zum-jahr-der-institutionen\/\">Geopolitische Verwerfungen machen 2025 zum Jahr der Institutionen<\/a><\/em>\u201c) antizipiert hatte. Geopolitische Rivalit\u00e4t und fiskalische Enge verbanden sich zu jener \u201etoxischen Mischung aus Populismus und \u00fcberstrapazierten Staatsfinanzen\u201c, die in der Prognose beschrieben worden war, und beschleunigten sowohl den R\u00fcckzug aus regelbasierter Zusammenarbeit als auch aus den multilateralen Organisationen, die diese Ordnung bislang getragen hatten. Existenzielle Herausforderungen wie der Klimawandel wurden in der Praxis wiederholt Konflikten \u00fcber \u2013 und offenen Angriffen auf \u2013 eine bereits geschw\u00e4chte internationale Architektur untergeordnet; zugleich wurden handelspolitische Neujustierungen selbst zu Instrumenten geopolitischer Segmentierung. US-gepr\u00e4gte Zollregime etwa wurden zunehmend mit sicherheitspolitischen Zielsetzungen entlang globaler Lieferketten verzahnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was folgt, ist ein Jahresr\u00fcckblick: eine kritische Selbst\u00fcberpr\u00fcfung entlang sechs Dimensionen jener Prognosen \u2013 wo sie sich bewahrheiteten, wo sie verfehlten und welche Dynamiken mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Jahr 2026 hineinwirken werden. Ein gesonderter Ausblick folgt vor dem Jahreswechsel.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1543\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_7049-3-1-1568x1176.jpeg 1568w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Globale Institutionen 2025: In prek\u00e4rer Schwebe<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2025 in der R\u00fcckschau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend erscheint 2025 als jener Moment, in dem der seit Langem beobachtbare \u00dcbergang von acht Jahrzehnten regelbasierter Ordnung hin zu einer Politik der Macht einen Punkt erreichte, jenseits dessen Umkehr nicht mehr als selbstverst\u00e4ndlich gelten kann. Damit geriet der Multilateralismus zugleich in den Bereichen Handel, Sicherheit und globaler Governance in eine prek\u00e4re Schwebe. Der nationalistische Kurswechsel der Vereinigten Staaten in der Handelspolitik f\u00fchrte zu einer Serie von Z\u00f6llen, die disruptiv, unberechenbar und in vielen F\u00e4llen ausdr\u00fccklich strafend wirkten. In Gaza und in der Ukraine, aber auch in Konflikten au\u00dferhalb des globalen Scheinwerferlichts wie im Sudan, wurde das V\u00f6lkerrecht selektiv bem\u00fcht und erwies sich als nur begrenzt wirksam \u2013 ein weiteres Indiz daf\u00fcr, dass Normen zunehmend der Macht folgen, anstatt sie zu begrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Umstrittene Anschuldigungen dienten zur Rechtfertigung von Angriffen auf kleinere Schiffe in internationalen Gew\u00e4ssern ebenso wie zur Beschlagnahme von \u00d6ltankern vor der K\u00fcste Venezuelas und untergruben das Vertrauen in rechtliche Selbstbindung weiter. Der Boykott des G20-Gipfels in Johannesburg durch die Vereinigten Staaten \u2013 gefolgt von Pr\u00e4sident Trumps Entscheidung, S\u00fcdafrika nicht zum Treffen 2026 in Miami einzuladen \u2013 wurde zu einem symboltr\u00e4chtigen Ausdruck schwindenden Engagements f\u00fcr gemeinsame globale Steuerung. Auch die von Washington vermittelten Versuche, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden, unterstrichen diesen Wandel: Sie signalisierten die Bereitschaft, \u00fcber territoriale Ergebnisse zu verhandeln, die zentrale Sicherheitsaxiome der europ\u00e4ischen Nachkriegsordnung infrage stellen. Ein hochverschuldetes Europa, konfrontiert mit erneutem russischem Druck und hybriden Bedrohungen und zugleich gezwungen, die Verl\u00e4sslichkeit der Vereinigten Staaten neu zu bewerten, begann vorsichtig, aber sichtbar, den Weg verst\u00e4rkter Aufr\u00fcstung einzuschlagen \u2013 trotz wachsender fiskalischer und gesellschaftlicher Kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kriege in der Ukraine und in Gaza polarisierten die politischen Debatten in Europa und Nordamerika und verst\u00e4rkten, vor dem Hintergrund wachsender Verschuldung und nachlassender Regierungsf\u00e4higkeit, einen breiteren Trend zunehmender staatlicher Fragilit\u00e4t \u2013 auch in wohlhabenden Demokratien. Die Rivalit\u00e4t zwischen den Vereinigten Staaten und China um technologische und strategische Vorherrschaft weitete handelspolitische Spannungen zu Exportkontrollen und versch\u00e4rfter Konkurrenz um kritische Ressourcen aus. Zugleich nahm der milit\u00e4rische Druck im Indopazifik zu, parallel zu einem offeneren Ringen um Normen und institutionellen Einfluss. \u00d6konomisch blieb der Weltwirtschaft ein Einbruch erspart, nicht jedoch eine Phase z\u00e4hen Wachstums: Die globale Expansion verharrte bei rund drei Prozent, die Disinflation verlief ungleichm\u00e4\u00dfig, und fiskalische Engp\u00e4sse hielten an, w\u00e4hrend Industriepolitik und Deglobalisierung die Neuordnung von Lieferketten beschleunigten. Der Energie-Technologie-Komplex bildete eine weitere Bruchlinie des Jahres: Rekordinvestitionen in saubere Energien standen steigenden Emissionen und einem versch\u00e4rften Wettlauf um kritische Mineralien gegen\u00fcber. Der KI-Boom n\u00e4hrte Hoffnungen auf Produktivit\u00e4tsgewinne, erh\u00f6hte jedoch zugleich den Energiebedarf und versch\u00e4rfte den geo\u00f6konomischen Wettbewerb um Chips, Daten und Standards.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 1<\/em><\/strong>.<strong> Geopolitische Neuordnungen als Treiber institutioneller Fragmentierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die USA wirkten 2025 weniger als Stabilit\u00e4tsanker multilateraler Foren denn als aktiver Stressfaktor. Mit der Amtseinf\u00fchrung Donald Trumps als 47. Pr\u00e4sident am 20. Januar 2025 war die Erwartung, dass sich der Trend weg von einer liberalen, regelbasierten Ordnung hin zu machtpolitischer Durchsetzung beschleunigen w\u00fcrde, kaum gewagt. \u00dcberraschend war jedoch die Geschwindigkeit und institutionelle Vorbereitung, mit der die Administration bestehende Normen und Organisationen schw\u00e4chte \u2013 vielfach in einer Weise, die faktisch mit Russlands revisionistischer Agenda konvergierte und, wenngleich weniger offen, Chinas Streben nach politisch-technologischer Dominanz beg\u00fcnstigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Gest\u00fctzt auf den ultrakonservativen Fahrplan \u201eProject 2025\u201c setzte das Wei\u00dfe Haus den nationalistischen \u201eAmerica First\u201c-Ansatz z\u00fcgig in konkretes Regierungshandeln um. Z\u00f6lle wurden zum zentralen Instrument wirtschaftlicher Au\u00dfenpolitik, flankiert von einem selektiven R\u00fcckzug aus tragenden internationalen Ordnungen. Dazu z\u00e4hlten sowohl ein erneuter Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen als auch der abermalige R\u00fcckzug aus der Weltgesundheitsorganisation. Die Zerschlagung von USAID und die \u00dcberf\u00fchrung verbliebener Funktionen in das Au\u00dfenministerium h\u00f6hlten die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit substanziell aus und entzogen ihr den institutionellen R\u00fcckhalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu k\u00fcndigte Washington die OECD-Vereinbarung \u00fcber eine globale Mindestbesteuerung von 15 Prozent mit der Begr\u00fcndung auf, US-Unternehmen gezielt vor multilateralen Verpflichtungen sch\u00fctzen zu wollen. Diese Kombination aus handelspolitischem Zwang und institutioneller Selbstentbindung trug dazu bei, multilaterale Foren zu paralysieren und die Risse unter ihren verbliebenen Verteidigern zu vertiefen \u2013 insbesondere innerhalb einer fiskalisch angespannten und politisch fragmentierten EU sowie einer G20 mit zunehmend eingeschr\u00e4nkter Handlungsf\u00e4higkeit. Die Folge war eine weitere Erosion der Bereitschaft zu multilateralen Kompromissen und eine Zuspitzung des Streits um das Prinzip territorialer Integrit\u00e4t. Sichtbar wurde dies vor allem in fr\u00fchen US-russischen Vorschl\u00e4gen zur Beilegung des Ukrainekriegs, die Grenzen \u00fcber die K\u00f6pfe der unmittelbar Betroffenen hinweg zur Verhandlungsmasse erkl\u00e4rten.<\/p>\n\n\n\n<p>China setzte dem einen anderen Ansatz entgegen. Multilaterale Institutionen galten dabei weniger als Einschr\u00e4nkungen, sondern als formbare Instrumente politischer Gestaltung. 2025 setzte Peking gezielt auf BRICS und die Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit als parallele Pfeiler einer multipolaren Ordnung, deren Ausweitung darauf abzielte, westliche Regelsetzung zu verd\u00fcnnen. Auf dem BRICS-Gipfel in Rio de Janeiro nahm der Verbund Indonesien auf, schuf eine neue Kategorie von \u201ePartnerl\u00e4ndern\u201c und warb f\u00fcr eine st\u00e4rkere Koordinierung des Globalen S\u00fcdens in Fragen der Klimafinanzierung, der KI-Governance und der Reform globaler wirtschaftlicher Steuerungsstrukturen. Die Finanzminister der BRICS-Staaten dr\u00e4ngten auf eine Reform der IWF-Quoten und -F\u00fchrungsstrukturen und entwickelten neue Instrumente der Neuen Entwicklungsbank, des blockeigenen Kreditinstitut, zur Senkung der Finanzierungskosten ihrer Mitglieder \u2013 Schritte, die als Fragen der Fairness gerahmt wurden, faktisch jedoch Chinas Ziel unterst\u00fctzten, die Architektur von Bretton Woods schrittweise umzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit gewann deutlich an institutioneller Tiefe. Auf dem Gipfel in Tianjin verabschiedete sie eine Entwicklungsstrategie bis 2035 und vereinbarte Abkommen zur digitalen Wirtschaft, zu k\u00fcnstlicher Intelligenz, Energie, Zahlungssystemen sowie zur Vorbereitung einer eigenen Entwicklungsbank. Ziel war es, die eurasische Integration zu vertiefen und zugleich die Abh\u00e4ngigkeit von Sanktionen und US-Dollar-Finanzierung zu verringern. Auf der 80. Generalversammlung der Vereinten Nationen propagierte China unterdessen einen Diskurs des \u201ewahren Multilateralismus\u201c, forderte ein \u201egerechtes und ausgewogenes\u201c globales Ordnungssystem sowie eine st\u00e4rkere Stimme der Entwicklungsl\u00e4nder und verlangte zugleich Reformen der internationalen Regelsetzung und der Finanzarchitektur. Als Reaktion auf US-Zolldrohungen versch\u00e4rfte Peking Exportkontrollen f\u00fcr Seltene Erden, sondierte eine \u201egr\u00fcne Mineralienallianz\u201c mit F\u00f6rderl\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens und nutzte Lizenzauflagen, um US-Handels- und Technologiebeschr\u00e4nkungen entgegenzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammengenommen legten Washingtons institutioneller R\u00fcckbau und Pekings institutionelle Umwidmung denselben grundlegenden Befund offen: Die beiden st\u00e4rksten M\u00e4chte der Welt waren nicht l\u00e4nger bereit, ein gemeinsames Regelwerk zu tragen, sondern konkurrierten offen um dessen Neuschreibung. Damit fiel die Last, ein verbleibendes multilaterales Gravitationszentrum zu verteidigen, zunehmend Europa zu \u2013 ausgerechnet dort, wo die zweite Prognose die gr\u00f6\u00dfte Verwundbarkeit gesehen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 2<\/em><\/strong>.<strong> Politische L\u00e4hmung und der Einfluss der radikalen Rechten unterminieren Europas Rolle als notwendiges Gegengewicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Europa begann zwar, das h\u00e4ufig beschworene Ziel strategischer Autonomie in konkrete Politik zu \u00fcbersetzen, doch 2025 zeigte, wie br\u00fcchig dieses Unterfangen geblieben ist. Angesichts der \u00f6konomisch erratischen \u201eLiberation-Day\u201c-Z\u00f6lle der Trump-Administration verzichtete die Europ\u00e4ische Union darauf, ihr erhebliches handelspolitisches Gewicht zu nutzen, um eine regelbasierte Koalition \u00fcber die Vereinigten Staaten hinaus zu mobilisieren. Stattdessen folgte sie weitgehend der Logik Washingtons und akzeptierte ein deutlich asymmetrisches Arrangement.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4hnliches Muster zeigte sich in der Ukraine-Diplomatie. Europa reagierte auf US-gest\u00fctzte Friedensinitiativen, indem es deren problematischste Elemente abmilderte; einen eigenen, koh\u00e4renten Rahmen legte es jedoch nicht vor. Wo etwa blieb ein europ\u00e4ischer Vorschlag f\u00fcr einen Waffenstillstand, der die territoriale Integrit\u00e4t \u2013 ein Kernprinzip der europ\u00e4ischen Sicherheitsordnung \u2013 sichert und zugleich die milit\u00e4rischen Realit\u00e4ten mit einer tragf\u00e4higen politischen Perspektive f\u00fcr eine russisch dominierte Ost- und eine europ\u00e4isch angebundene Westukraine verbindet? Schadensbegrenzung ersetzt keine F\u00fchrung und droht vielmehr, die bereits sichtbaren Zentrifugalkr\u00e4fte innerhalb der Union weiter zu verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die beschleunigte Aufr\u00fcstung legte die Kluft zwischen Anspruch und Umsetzung offen. Zwischen erneuerter russischer Aggression und einer zunehmend unzuverl\u00e4ssigen US-Sicherheitsgarantie \u2013 fr\u00fch signalisiert durch Washingtons Zur\u00fcckstufung des NATO-Engagements \u2013 erh\u00f6hte Europa zwar seine Verteidigungsausgaben, \u00fcberf\u00fchrte diese jedoch nicht in eine gemeinsame industrie- und beschaffungspolitische Strategie. Die Abh\u00e4ngigkeit von US-R\u00fcstungsg\u00fctern blieb die Regel und verfestigte strukturelle Pfadabh\u00e4ngigkeiten. Die ad-hoc-Koordination der E3-Staaten Frankreich, Deutschland und Gro\u00dfbritannien brachte punktuelle taktische Geschlossenheit, machte jedoch zugleich das grundlegende Defizit sichtbar: Europa reagierte, setzte aber keine Priorit\u00e4ten und definierte nicht die politischen Leitplanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Blockaden in Frankreich, postelektorale Verunsicherung in Deutschland, ein fiskalisch enger Handlungsspielraum sowie der wachsende Vetoeinfluss illiberaler Kr\u00e4fte \u2013 besonders augenf\u00e4llig im Falle Viktor Orb\u00e1ns Ungarn \u2013 nahmen Br\u00fcssel jene Koh\u00e4sion und Legitimit\u00e4t, die erforderlich gewesen w\u00e4ren, um als Gegengewicht in einer zunehmend blockgetriebenen Ordnung zu wirken. Sollte 2026 keine substanzielle Kurskorrektur bringen, droht die EU Washingtons Hebelwirkung weiter zu erh\u00f6hen und die Fliehkr\u00e4fte innerhalb des 27-Staaten-Verbunds zus\u00e4tzlich zu vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig war dabei der Kontrast zu zeitgleich diagnostizierten Entwicklungen in Kanada (\u201ean Glanz verloren\u201c) und Japan (\u201evon Korruptionsskandalen heimgesucht\u201c). In beiden F\u00e4llen zeigte sich 2025, dass demokratische Systeme unter Druck durchaus in der Lage sind, stabilisierende F\u00fchrung hervorzubringen. In Amerikas n\u00f6rdlichem Nachbarland verloren die Liberalen die Wahl nicht, sondern w\u00e4hlten Mark Carney \u2013 getragen von einer ausgepr\u00e4gten <em>rally-around-the-flag<\/em>-Reaktion auf Trumps wiederholte \u201e51.-Bundesstaat\u201c-Rhetorik \u2013 zum Premierminister, versehen mit einem klaren Mandat, US-Provokationen in Fragen der Souver\u00e4nit\u00e4t und des Handels entgegenzutreten. In Japan belastete die LDP-Spendenaff\u00e4re weiterhin das \u00f6ffentliche Vertrauen und die innerparteiliche Stabilit\u00e4t, doch die politische Reaktion m\u00fcndete in eine Kabinettsumbildung, die Sanae Takaichi neue Dynamik und wachsende Zustimmung f\u00fcr das Regierungsprogramm verschaffte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Befund f\u00fcr den Westen insgesamt fiel dennoch ern\u00fcchternd aus. So sehr Kanada und Japan demokratische Resilienz demonstrierten, so wenig vermochte dies die strukturelle Schwerkraft des Jahres zu ver\u00e4ndern, die ma\u00dfgeblich durch das Verhalten der drei st\u00e4ndigen Mitglieder des Sicherheitsrats bestimmt wurde. Damit r\u00fcckte die dritte Prognose ins Zentrum: ob die USA, Russland und China \u2013 bewusst und durch ihr faktisches Handeln \u2013 gemeinsam zur Aush\u00f6hlung der Kernnormen der Nachkriegsordnung beitragen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 3<\/em><\/strong>.<strong> Die st\u00e4ndigen Mitglieder des Sicherheitsrats tragen gemeinsam zur Erosion zentraler Normen bei<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2025 konvergierten die drei st\u00e4ndigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen \u2013 die USA, Russland und China \u2013 teils offen, teils implizit in einer Weise, die zentrale, verfassungs\u00e4hnliche Normen der internationalen Ordnung untergrub. Russland setzte seinen Krieg der territorialen Revision in der Ukraine fort und nutzte sein Vetorecht nicht nur defensiv, sondern gezielt, um Resolutionstexte von jeder klaren Bezugnahme auf Aggression oder die Unverletzlichkeit von Grenzen zu befreien. Der Sicherheitsrat wurde damit nicht l\u00e4nger als Instrument kollektiver Normdurchsetzung genutzt, sondern zunehmend als Arena sprachlicher Verw\u00e4sserung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die USA wiederum vollzogen einen deutlichen \u00dcbergang von normgebundener F\u00fchrung hin zu transaktionaler \u00c4quidistanz. Washington widersetzte sich Formulierungen, die die territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine in den Mittelpunkt gestellt h\u00e4tten, und unterst\u00fctzte fr\u00fchzeitig eine Resolution, deren ausgleichende Sprache weithin als Normalisierung territorialer Verhandlungsl\u00f6sungen gelesen wurde \u2013 nicht als eindeutige Verurteilung von Grenzrevision. China schlie\u00dflich billigte Russlands Kriegsziele zwar nicht ausdr\u00fccklich, stellte den Konflikt jedoch zunehmend in eine souver\u00e4nit\u00e4tsagnostische \u201eFrieden-zuerst\u201c-Rhetorik und vertiefte parallel seine strategische Abstimmung mit Moskau auf institutioneller Ebene. Ausdruck dessen war unter anderem eine gemeinsame chinesisch-russische Erkl\u00e4rung bei den Vereinten Nationen zur \u201eWahrung des V\u00f6lkerrechts\u201c, die faktisch Sanktionen, Rechenschaftsmechanismen und eine angeblich \u201epolitisierte\u201c internationale Strafjustiz angriff.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kumulative Effekt war keine formelle Achse, wohl aber eine funktionale: ein Sicherheitsrat, in dem die drei m\u00e4chtigsten Mitglieder territoriale Integrit\u00e4t nicht l\u00e4nger als rote Linie begriffen, sondern als verhandelbare Gr\u00f6\u00dfe in machtpolitischen Arrangements.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4hnliches Muster zeigte sich im Gaza-Krieg. Russland und China versuchten, die humanit\u00e4re Katastrophe politisch gegen die Glaubw\u00fcrdigkeit des Westens zu wenden, w\u00e4hrend die USA wiederholt ihr Vetorecht einsetzten, um Israel zu sch\u00fctzen und den Sicherheitsrat an verbindlichen restriktiven Ma\u00dfnahmen zu hindern \u2013 selbst als sich die Warnungen vor milit\u00e4risch herbeigef\u00fchrten Hungersn\u00f6ten verdichteten. Washington verfolgte schlie\u00dflich einen eigenen, US-gef\u00fchrten Stabilisierungsansatz, der Entscheidungsgewalt in eine von den Vereinten Nationen getrennte Struktur verlagerte und damit den Eindruck verfestigte, dass multilaterale Regeln zunehmend den Pr\u00e4ferenzen einzelner Gro\u00dfm\u00e4chte folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Peking nutzte die daraus resultierende L\u00e4hmung, um sich als H\u00fcter eines \u201ewahren Multilateralismus\u201c in Stellung zu bringen, w\u00e4hrend es zugleich alternative institutionelle Plattformen ausbaute. In beiden Konflikttheatern wirkte das Verhalten der P3-Staaten als weiterer Erosionsfaktor f\u00fcr die Autorit\u00e4t des Sicherheitsrats. Das Gremium fungierte nicht l\u00e4nger als Garant universeller Regeln, sondern als Verhandlungsforum dar\u00fcber, welche Regeln f\u00fcr wen gelten sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erosion gro\u00dfmachtlicher Verantwortung bildet den d\u00fcsteren Hintergrund f\u00fcr die im Jahr 2026 anstehende Auswahl des n\u00e4chsten Generalsekret\u00e4rs der Vereinten Nationen. Das Verfahren wurde formell durch ein gemeinsames Schreiben von Sicherheitsrat und Generalversammlung er\u00f6ffnet; \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen und zivilgesellschaftliche Beteiligung sind erneut vorgesehen. Doch die Entscheidung d\u00fcrfte weniger von prozeduraler Offenheit als von geopolitischer Vetopolitik bestimmt werden. Der Druck regionaler Rotation \u2013 zahlreiche Staaten reklamieren einen Anspruch Osteuropas \u2013, der konzertierte Vorsto\u00df zur Ernennung der ersten Frau an der Spitze der Vereinten Nationen sowie ein fr\u00fches Bewerberfeld mit prominenten Kandidatinnen und Kandidaten aus Lateinamerika und anderen Regionen wirken dabei in unterschiedliche Richtungen. Am Ende muss jedoch jede Kandidatur die intransparenten \u201eStraw Polls\u201c der P5 \u00fcberstehen und das Risiko eines einzelnen Vetos einkalkulieren \u2013 in einem Sicherheitsrat, dessen st\u00e4ndige Mitglieder zunehmend bereit sind, die Kernnormen der Organisation nationalen Interessen zu subordinieren. Die Gefahr besteht darin, dass eine Auswahl, die als Referendum \u00fcber multilaterale Erneuerung gedacht ist, zu einem weiteren Schauplatz blockpolitischer Tauschgesch\u00e4fte wird und entweder in einem kleinsten gemeinsamen Nenner oder in einer l\u00e4hmenden Blockade endet \u2013 ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die UNO normativ gefestigte F\u00fchrung besonders dringend ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Blockade an der Spitze des UN-Systems blieb jedoch kein isoliertes Ph\u00e4nomen. Sie traf auf eine zweite, leisere, aber nicht minder strukturelle Kraft, auf die bereits im Vorjahr hingewiesen worden war: die zunehmende fiskalische Enge demokratischer Staaten. W\u00e4hrend geopolitisches Feilschen multilaterale Normen aush\u00f6hlte, erodierten Schulden, Inflationsm\u00fcdigkeit und schrumpfender fiskalischer Spielraum zugleich jene innenpolitische Legitimit\u00e4t, auf der jede tragf\u00e4hige internationale Ordnung beruht. Damit r\u00fcckt die vierte Prognose in den Fokus: die Erwartung, dass fiskalischer Druck 2025 zu einem entscheidenden Faktor demokratischer Glaubw\u00fcrdigkeit werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 4<\/em><\/strong>.<strong> Fiskalischer Druck und Verschuldung als Faktor demokratischer Legitimit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch diese Prognose erwies sich 2025 als eher best\u00e4tigend denn beruhigend. Der j\u00fcngste <em><a href=\"https:\/\/www.imf.org\/en\/publications\/weo\/issues\/2025\/10\/14\/world-economic-outlook-october-2025\">World Economic Outlook<\/a><\/em> des Internationalen W\u00e4hrungsfonds zeichnete das Bild einer Weltwirtschaft, die widerstandsf\u00e4higer ausfiel als bef\u00fcrchtet, zugleich jedoch auf einem schwachen strukturellen Wachstumspfad verharrte. Das globale Wachstum bewegte sich bei rund 3,2 Prozent, w\u00e4hrend entwickelte Volkswirtschaften nahe bei anderthalb Prozent stagnierten \u2013 zu wenig, um Schuldenquoten allein durch Expansion zu stabilisieren. Die Disinflation setzte sich fort, verlief jedoch ungleichm\u00e4\u00dfig und war zunehmend mit zollbedingten Aufw\u00e4rtsrisiken behaftet; in mehreren gro\u00dfen Volkswirtschaften blieben die Realzinsen daher l\u00e4nger hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund lag die zentrale Botschaft des IWF weniger im monet\u00e4ren als im fiskalischen Bereich. Die Regierungen gingen mit nur begrenzten Fortschritten beim Wiederaufbau fiskalischer Puffer in das Jahr 2025 hinein, w\u00e4hrend dauerhafte Ausgabedr\u00fccke aus Verteidigung, wirtschaftlicher Sicherheit, demographischem Wandel und Klimaanpassung den finanzpolitischen Spielraum weiter verengten. Der <em><a href=\"https:\/\/www.imf.org\/en\/publications\/fm\/issues\/2025\/10\/07\/fiscal-monitor-october-2025\">Fiscal Monitor<\/a><\/em> warnte davor, dass die globale Staatsverschuldung erneut ansteige und bis zum Ende des Jahrzehnts an die Marke von 100 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts heranreichen k\u00f6nnte. <em>Debt-at-Risk<\/em>-Szenarien deuteten zudem darauf hin, dass bei entt\u00e4uschendem Wachstum oder erneuten Schocks noch deutlich steilere Verschuldungspfade drohten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kombination aus hoher Ausgangsverschuldung, schwachem Trendwachstum und wachsenden Haushaltsanspr\u00fcchen verst\u00e4rkte in vielen Demokratien den Eindruck, Regierungen verspr\u00e4chen mehr, als sie realistisch einl\u00f6sen k\u00f6nnen. Fiskalische Engp\u00e4sse wurden 2025 zu Legitimationsengp\u00e4ssen: Haushaltskrisen und Verteilungskonflikte in gro\u00dfen europ\u00e4ischen Staaten, das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Aufr\u00fcstung und sozialstaatlichen Leistungen sowie die Ausweitung industriepolitischer Subventionen sch\u00e4rften das Misstrauen gegen\u00fcber etablierten Parteien. Damit best\u00e4tigte sich der weitergehende Befund der Prognose: Fiskalische Ersch\u00f6pfung ist nicht l\u00e4nger ein blo\u00dfer Hintergrundfaktor, sondern ein politischer Beschleuniger, der Kompromissf\u00e4higkeit im Inneren ebenso untergr\u00e4bt wie Solidarit\u00e4tsbereitschaft nach au\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 5<\/em><\/strong>.<strong> Die polit\u00f6konomischen Folgen hoher US-Z\u00f6lle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch diese Prognose fand 2025 nur eine teilweise, in ihrer Richtung jedoch beunruhigende Best\u00e4tigung. Die erneute Hinwendung der USA zu Z\u00f6llen als Instrument fiskalischer und industriepolitischer Steuerung \u2013 innenpolitisch als Verteidigung industrieller Souver\u00e4nit\u00e4t und der Sicherheit von Lieferketten gerahmt \u2013 wirkte international wie eine Steuer auf Wachstum und als Katalysator weiterer Fragmentierung. Z\u00f6lle dienten damit weniger als tempor\u00e4res handelspolitisches Druckmittel denn als strukturelles Element einer umfassenderen wirtschaftspolitischen Neuordnung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1546\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/IMG_2313-1-1568x1176.jpeg 1568w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>H\u00f6here Z\u00f6lle, weniger Container: Souver\u00e4nit\u00e4t durch Subtraktion<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In den USA trugen protektionistische Handelspolitik und restriktivere Migrationsregelungen dazu bei, den Preisdruck auf G\u00fcter und Dienstleistungen erneut zu erh\u00f6hen. Die Folge waren eine Abk\u00fchlung der wirtschaftlichen Dynamik und eine sp\u00fcrbare Abschw\u00e4chung der Arbeitsm\u00e4rkte. Vor dem Hintergrund des doppelten Mandats der US-Zentralbank und eines bislang beispiellosen politischen Drucks seitens der Exekutive endete das Jahr mit Inflationserwartungen, die dauerhaft oberhalb des Zielwerts lagen, sowie mit wachsender Sorge um eine Erosion der Zentralbankunabh\u00e4ngigkeit \u2013 in jenem Land, das die Weltreservew\u00e4hrung emittiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar setzte sich der R\u00fcckgang der Verbraucherpreisinflation in den meisten entwickelten Volkswirtschaften fort, doch zollbedingte Kostenimpulse machten sich erneut bei handelbaren G\u00fctern, in der Logistik und in energieintensiven Industrien bemerkbar. Dies erschwerte den disinflation\u00e4ren Pfad und best\u00e4tigte IWF-Warnungen vor inflationsseitigen Aufw\u00e4rtsrisiken, die unmittelbar aus handelspolitischen Ma\u00dfnahmen resultieren. Makro\u00f6konomisch \u00e4u\u00dferte sich dies weniger in einem neuen Inflationsschock als in einer schleichenden Bewegung hin zu einem niedrigeren Wachstumspfad, auf dem Preisstabilit\u00e4t mit schw\u00e4cheren Investitionen, geringeren Handelsvolumina und anhaltender Unsicherheit \u00fcber den Zugang zum US-Markt erkauft werden musste.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder fielen die Auswirkungen deutlich sch\u00e4rfer aus. US-Zollma\u00dfnahmen, kombiniert mit subventionsintensiver Industriepolitik in den Vereinigten Staaten und in Europa, lenkten Investitionsstr\u00f6me um, dr\u00fcckten Exportmargen und verfestigten eine Hierarchie des Marktzugangs, in der geopolitische Ausrichtung zunehmend wichtiger wurde als wirtschaftliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Staaten ohne strategisches Gewicht oder politische Hebel sahen sich steigenden Finanzierungskosten, volatilen Kapitalstr\u00f6men und einem schrumpfenden politischen Handlungsspielraum ausgesetzt. In diesem Sinne bremsten Z\u00f6lle nicht nur das Wachstum, sondern verfestigten eine zweigeteilte Weltwirtschaft und untergruben damit das Versprechen, dass Integration in ein regelbasiertes Handelssystem verl\u00e4ssliche Entwicklungsertr\u00e4ge generiert. Das Ergebnis war keine akute Krise, wohl aber eine schrittweise Erosion des Vertrauens in die Offenheit und Neutralit\u00e4t des globalen Handelssystems.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Prognose 6<\/em><\/strong>.<strong> Energiewende \u2013 struktureller Fortschritt unter institutionellem Druck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Prognose, wonach die Energiewende selbst unter geopolitisch widrigen Umst\u00e4nden eine gewisse Eigendynamik entwickeln w\u00fcrde, best\u00e4tigte sich im Grundsatz \u2013 wenn auch in einem deutlich ungeordneteren institutionellen Umfeld als erwartet. Die globalen Investitionen in erneuerbare Energien erreichten 2025 neue H\u00f6chstst\u00e4nde; der Ausbau von Solar-, Wind- und Speichertechnologien beschleunigte sich, und Skaleneffekte entlang der Lernkurven senkten die Kosten zentraler Technologien weiter. In diesem begrenzten Sinne erwies sich die Energiewende als robuster, als viele bef\u00fcrchtet hatten: Die Dekarbonisierung kam voran, nicht weil multilaterale Institutionen oder politische Steuerung durch Klimaforen besonders wirksam gewesen w\u00e4ren, sondern weil technologische Reife, Kapitalverf\u00fcgbarkeit und industriepolitische Anreize zusammenwirkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Fortschritt hatte jedoch seinen Preis. Anstatt die multilaterale Klimagovernance zu st\u00e4rken, vollzog sich der Boom der Erneuerbaren in zunehmend nationalisierten und sicherheitspolitisch aufgeladenen Rahmensetzungen. Der Wettbewerb um kritische Mineralien versch\u00e4rfte sich, Exportkontrollen nahmen zu, und Klimapolitik wurde immer enger mit handelspolitischer Abwehr und geopolitischer Positionierung verflochten. Die Energiepreise lagen zwar strukturell unter den Niveaus der akuten Krisenjahre, blieben jedoch an den R\u00e4ndern volatil \u2013 weniger infolge physischer Knappheit als aufgrund institutioneller Fragmentierung, etwa durch Engp\u00e4sse bei Genehmigungen, im Netzausbau und in der grenz\u00fcberschreitenden Koordinierung. Kurzum: Die Energiewende kam voran, jedoch nicht als kollektives Projekt. Sie entwickelte sich trotz geschw\u00e4chter Institutionen, nicht aufgrund erneuerter multilateraler Steuerung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2025 als Scharnierjahr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Zusammenschau der sechs Prognosen ergibt sich ein ern\u00fcchternder Befund. Die zur\u00fcckliegenden zw\u00f6lf Monate wurden tats\u00e4chlich zu einem Jahr der Institutionen \u2013 jedoch nicht zu einem Jahr ihrer Erneuerung. Es war vielmehr das Jahr, in dem Institutionen am deutlichsten als zentrales Schlachtfeld geopolitischer Auseinandersetzungen hervortraten und in vielen F\u00e4llen selbst zu deren Opfern wurden. Multilaterale Regeln wurden dabei nicht schlicht ignoriert; sie wurden selektiv bem\u00fcht, strategisch umgedeutet oder systematisch umgangen. Institutionen blieben relevant, jedoch zunehmend als Hindernisse, die es zu verwalten galt, oder als Arenen, die es zu besetzen galt \u2013 nicht mehr als gemeinsam akzeptierte Ordnungsrahmen mit bindender Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn 2025 den multilateralen Institutionen ihre letzten Illusionen nahm, k\u00f6nnte 2026 dar\u00fcber entscheiden, ob ihnen \u00fcberhaupt noch bindende Kraft verbleibt. Das kommende Jahr wird damit zum Testfall daf\u00fcr, ob die hier dokumentierte Erosion in ein neues Gleichgewicht \u00fcbergeht, in dem Macht nicht mehr durch Regeln gez\u00fcgelt wird, sondern lediglich durch Gegenmacht begrenzt bleibt. In diesem Sinne reichen die US-Kongresswahlen im November 2026 weit \u00fcber Washington hinaus: Sie werden die Anreize einer Administration pr\u00e4gen, deren Umgang mit Handel, Allianzen und multilateraler Ordnung die globale Ausgangslage bereits nachhaltig verschoben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eins\u00e4tze reichen dabei tiefer als blo\u00dfe politische Abstimmung. Vor acht Jahrzehnten war der D-Day nicht nur ein milit\u00e4rischer Sieg \u00fcber den Faschismus, sondern Ausdruck einer kollektiven Einsicht \u2013 geschmiedet im gemeinsamen Opfer \u2013, dass ungez\u00fcgelte Machtpolitik institutionell gebunden werden muss, soll sich die Katastrophe nicht wiederholen. Diese Institutionen heute auszuh\u00f6hlen, zu marginalisieren oder als verzichtbar zu behandeln, w\u00e4re daher nicht lediglich eine strategische Neubewertung, sondern die bewusste Preisgabe jener Lehre, f\u00fcr die die <em>Greatest Generation<\/em> gemeinsam mit ihren Verb\u00fcndeten den h\u00f6chsten Preis gezahlt hat. Die Nachkriegsordnung mag auch n\u00e4chstes Jahr noch nicht vollst\u00e4ndig zusammenbrechen; doch ohne eine entschlossene Kurskorrektur k\u00f6nnten Historiker diesen Zeitpunkt als den Moment identifizieren, in dem ihr schleichender Abschied aufh\u00f6rte, unbeabsichtigt zu sein \u2013 und damit vors\u00e4tzlich wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jan-Peter Olters<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende 2025 standen acht Jahrzehnte transatlantischer Institutionengeschichte ebenso standhaft da wie der nur wenig \u00e4ltere Ostfl\u00fcgel des Wei\u00dfen Hauses; beide sahen sich pr\u00e4sidialen Umbaupl\u00e4nen gegen\u00fcber, die die Abrissbirne mit architektonischer Vision verwechselten und einen vergoldeten Ballsaal aus einer Vergangenheit versprachen, die es so nie gegeben hat. 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