{"id":1735,"date":"2026-04-10T18:58:27","date_gmt":"2026-04-10T16:58:27","guid":{"rendered":"https:\/\/olters.eu\/?p=1735"},"modified":"2026-04-11T09:17:40","modified_gmt":"2026-04-11T07:17:40","slug":"800-jahre-luebecker-reichsfreiheit-freihandel-wohlstand-und-ihre-heutigen-gegner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/olters.eu\/de\/800-jahre-luebecker-reichsfreiheit-freihandel-wohlstand-und-ihre-heutigen-gegner\/","title":{"rendered":"800 Jahre L\u00fcbecker Reichsfreiheit: Freihandel, Wohlstand und ihre heutigen Gegner"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Grundlagen der globalen Handelsordnung, auf denen wirtschaftlicher Wohlstand beruht, stehen unter Beschuss. In einer Zeit milit\u00e4rischer Konflikte, bedrohter Schifffahrtswege und einer Handelspolitik, die Z\u00f6lle als Machtinstrument missbraucht, ist der L\u00fcbecker Reichsfreiheitsbrief vom Juni 1226 weit mehr als ein historisches Dokument von lokaler Bedeutung. Er ist eine ernste Mahnung an politische Entscheidungstr\u00e4ger in aller Welt: Wer die Regeln schw\u00e4cht, auf denen der Welthandel beruht, untergr\u00e4bt damit aktiv die Voraussetzungen f\u00fcr wirtschaftliches Wachstum, Preisstabilit\u00e4t, Besch\u00e4ftigung \u2013 und letztlich f\u00fcr gesellschaftliche und ordnungspolitische Stabilit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vertreter der Mitgliedstaaten der Bretton-Woods-Institutionen kommen vom 13. bis 18. April 2026 zu den Fr\u00fchjahrstagungen in Washington zusammen. Sie tun dies in einem Moment, in dem der Krieg im Nahen Osten, wie <a href=\"https:\/\/www.worldbank.org\/en\/news\/statement\/2026\/04\/08\/joint-statement-by-the-heads-of-the-international-monetary-fund-the-world-bank-group-and-the-world-food-programme\">Internationaler W\u00e4hrungsfonds, Weltbankgruppe und Weltern\u00e4hrungsprogramm<\/a> am 8. April warnten, \u201eLeben und Lebensgrundlagen in der Region und dar\u00fcber hinaus ersch\u00fcttert\u201c. Die K\u00e4mpfe h\u00e4tten bereits eine der gravierendsten Verwerfungen auf den globalen Energiem\u00e4rkten in der modernen Geschichte ausgel\u00f6st. Die sprunghaften Anstiege bei \u00d6l-, Gas- und D\u00fcngemittelpreisen w\u00fcrden zusammen mit Transportengp\u00e4ssen zwangsl\u00e4ufig zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und wachsender Ern\u00e4hrungsunsicherheit f\u00fchren. Politische Antworten darauf m\u00fcssen nun in einer Lage gefunden werden, in der die multilaterale Entwicklungsarchitektur selbst unter wachsendem politischen Druck steht, w\u00e4hrend die globale Koordinierung bei nachlassendem Wachstum, sich versch\u00e4rfender geopolitischer Rivalit\u00e4t, steigender Staatsverschuldung, zunehmender Fragmentierung des Handels, wachsenden Wiederaufbauaufgaben und der \u00fcbergreifenden Bedrohung durch den Klimawandel sichtbar erodiert. Manche Priorit\u00e4ten, etwa die gr\u00fcne Transformation, sind politisch ins Hintertreffen geraten; andere dagegen \u2013 vor allem Z\u00f6lle und Handel \u2013 geraten immer tiefer in den Sog der Geopolitik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nirgends zeigt sich der multilaterale Drift deutlicher als im Handel und in der Krise globaler institutioneller F\u00fchrung. Seit 2019 ist das Streitschlichtungssystem der Welthandelsorganisation faktisch gel\u00e4hmt, nachdem die Vereinigten Staaten die Nachbesetzung der WTO-Berufungsinstanz blockiert haben. Die 14. Ministerkonferenz der WTO in Yaound\u00e9 endete am 29. M\u00e4rz 2026 ohne Einigung auf ein abschlie\u00dfendes Ergebnispaket, darunter eine substanzielle institutionelle Reform und die Verl\u00e4ngerung des Moratoriums, das den digitalen Handel bislang von Z\u00f6llen freigehalten hat. Mehr noch: Die multilaterale F\u00fchrung selbst ger\u00e4t unter Druck. Neue Ad-hoc-Initiativen wie Pr\u00e4sident Trumps \u201e<em>Board of Peace<\/em>\u201c, pr\u00e4sentiert als Instrument f\u00fcr den Wiederaufbau Gazas und das Konfliktmanagement jenseits der Vereinten Nationen, drohen die gewachsenen Standards multilateraler Governance bei international koordinierten Wiederaufbauanstrengungen weiter auszuh\u00f6hlen. Zugleich droht die Suche nach einem neuen Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen, die vom Ausbleiben des Widerspruchs aller st\u00e4ndigen Mitglieder des Sicherheitsrats abh\u00e4ngt, zu einem weiteren Test institutioneller Glaubw\u00fcrdigkeit in einer Zeit zu werden, in der wirksame multilaterale F\u00fchrung ohnehin Mangelware ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der verlorene Blick f\u00fcr Prinzipien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist nicht nur eine weitere Phase geopolitisch getriebener Handelsspannungen, nicht einmal blo\u00df deren Zuspitzung. Es ist etwas Grunds\u00e4tzlicheres: die Abkehr von jenen Prinzipien und Institutionen, die der Weltwirtschaft einst wieder auf die Beine verhalfen. Seit der <a href=\"https:\/\/www.federalreservehistory.org\/essays\/bretton-woods-created\">W\u00e4hrungs- und Finanzkonferenz der Vereinten Nationen<\/a> in Bretton Woods, New Hampshire, im Juli 1944, zu der 44 Staaten zusammenkamen, ruhte die multilaterale Wirtschaftsordnung auf der Idee, dass internationale Zusammenarbeit \u2013 bei aller Unvollkommenheit \u2013 dazu beitragen k\u00f6nne, \u201eein hohes Besch\u00e4ftigungs- und Realeinkommensniveau\u201c (<a href=\"https:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/aa\/pdf\/aa.pdf\">IWF, 1944<\/a>) zu sichern und den \u201eWiederaufbau und die Entwicklung &#8230; von durch Krieg zerst\u00f6rten oder zerr\u00fctteten Volkswirtschaften\u201c (<a href=\"https:\/\/www.worldbank.org\/en\/about\/articles-of-agreement\/ibrd-articles-of-agreement\/article-I\">Weltbank, 1944<\/a>) zu unterst\u00fctzen. Doch das zentrale Versprechen der regelgebundenen Handelsordnung \u2013 dass Streitigkeiten innerhalb vereinbarter Institutionen, Verfahren und Verpflichtungen ausgetragen werden, die von allen ma\u00dfgeblichen Akteuren anerkannt sind \u2013 erodiert sichtbar. Nadel\u00f6hre k\u00f6nnen einseitig bedroht, Z\u00f6lle ohne wirksame Begrenzung reaktiviert und Handelspolitik in ein Vokabular von Zwang, strategischer Rivalit\u00e4t und politischer Einsch\u00fcchterung \u00fcberf\u00fchrt werden. Die Frage lautet nicht l\u00e4nger nur, ob der Handel offen bleiben wird, sondern ob er \u00fcberhaupt noch regelgebunden bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau deshalb ist das 800-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der L\u00fcbecker Reichsunmittelbarkeit von Bedeutung. Der im Juni 1226 von Kaiser Friedrich II. gew\u00e4hrte Reichsfreiheitsbrief best\u00e4tigte L\u00fcbecks politische Autonomie, sicherte wichtige Handelsprivilegien und st\u00e4rkte fr\u00fchere Zollbefreiungen, die Kaiser Friedrich I. Barbarossa bereits 1188 verliehen hatte. Noch wichtiger aber war, dass er die rechtlichen und politischen Voraussetzungen daf\u00fcr schuf, Handel gegen willk\u00fcrliche Eingriffe rivalisierender M\u00e4chte zu sch\u00fctzen. L\u00fcbecks Aufstieg beruhte nicht darauf, dass Macht sich jeder Bindung entzog, sondern darauf, dass Macht durch anerkannte Rechte, Rechtsstatus und einen verl\u00e4sslicheren Rahmen des Austauschs diszipliniert wurde. Der <a href=\"https:\/\/www.spaetmittelalter.uni-hamburg.de\/spaetmittelalter\/luebeck\/reichsfreiheit.html\"><em>Reichsfreiheitsbrief<\/em><\/a> bestimmte, dass alle getreuen Kaufleute, wenn sie ihrer Gesch\u00e4fte wegen zu Lande oder zur See in die Stadt k\u00e4men, unbehelligt einreisen und gefahrlos wieder abreisen sollten, sofern sie nur die ihnen obliegende Abgabe entrichteten. Diese rechtliche Absicherung, verbunden mit L\u00fcbecks strategischer Lage am Knotenpunkt zentraler Handelswege, versetzte die Stadt in die Lage, Privilegien eigenst\u00e4ndiger auszuhandeln, ihr Netz auszubauen und den Weg zu ihrer sp\u00e4teren Vorrangstellung in der Hanse zu bahnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Luebeck2-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1736\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Luebeck2-1024x683.png 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Luebeck2-300x200.png 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Luebeck2-768x512.png 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Luebeck2.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Eine 800 Jahre alte Einsicht: H\u00e4fen gedeihen, wenn Macht den Regeln weicht<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser institutionelle Zusammenhang ist entscheidend. Denn gedeihlicher Handel beruht nie allein auf Offenheit. Im Mittelalter nicht weniger als heute ist er auf rechtliche und kommerzielle Berechenbarkeit angewiesen. Kaufleute investieren, Schiffe laufen aus, H\u00e4fen wachsen und Netzwerke bilden und verfestigen sich dort, wo die Bedingungen des Austauschs verl\u00e4sslich genug sind, um Vertrauen zu tragen. Gerade deshalb bleiben der L\u00fcbecker Reichsfreiheitsbrief und die mehr als vier Jahrhunderte hansischer Handelserfolge als Teil einer sehr viel l\u00e4ngeren Geschichte relevant. Sie verweisen auf eine Lehre, die alt und zugleich von neuer Aktualit\u00e4t ist: Handel gedeiht dort, wo Autorit\u00e4t erkennbar, Rechte anerkannt und politische Eingriffe rechtlich begrenzt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus heutiger Perspektive liegt darin die eigentliche Kontinuit\u00e4t. Lange bevor der Begriff des \u201eregelbasierten Handels\u201c zur modernen diplomatischen Formel wurde, hatte Nordeuropa bereits eine zentrale Wahrheit wirtschaftlichen Lebens verinnerlicht: Maritimer Handel gedeiht nicht schon deshalb, weil G\u00fcter transportiert werden k\u00f6nnen, sondern weil Regeln diese Bewegung f\u00fcr alle Beteiligten lohnend machen. Schiffe brauchen mehr als Wasser; sie brauchen das Vertrauen, dass Verpflichtungen eingehalten, Z\u00f6lle begrenzt, Rechte gesch\u00fctzt und Streitigkeiten ohne milit\u00e4rische Gewalt, willk\u00fcrliche Beschlagnahmung oder politische Erpressung beigelegt werden. Das L\u00fcbecker Jubil\u00e4um ist daher nicht blo\u00df lokale oder regionale Erinnerungskultur. In einer Zeit, in der zentrale maritime Engp\u00e4sse wie die Stra\u00dfe von Hormus und Bab al-Mandab durch Konflikt und Zwang bedroht sind, l\u00e4dt es dazu ein, \u00fcber die Voraussetzungen von Wohlstand neu nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Spiel mit k\u00fcnftigem Wohlstand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Adam Smith hat einer Einsicht klassischen Ausdruck verliehen, die die Hanse l\u00e4ngst praktisch erlernt hatte. <em>Der Wohlstand der Nationen<\/em>, vor 250 Jahren erschienen, gab einer Antwort Gestalt, die sich im Widerstand gegen feudale Beschr\u00e4nkung und merkantilistische Bevormundung herausgebildet hatte. Mit ungew\u00f6hnlicher Klarheit brachte Smith eine Lehre auf den Begriff, die in der Geschichte wirtschaftlicher Entwicklung l\u00e4ngst sichtbar war: Wohlstand w\u00e4chst tendenziell dort, wo Austausch ausgeweitet und Restriktionen zur\u00fcckgenommen werden. Smiths Ziel war nicht ein Zustand wirtschaftlicher Regellosigkeit, sondern die Vorstellung einer Ordnung jenseits feudaler Privilegien und merkantilistischer Fesseln, getragen von der produktiven Kraft funktionierender M\u00e4rkte. Zugleich dachte er keineswegs an eine Welt ohne Institutionen. Er dachte an eine Welt, in der Institutionen nicht l\u00e4nger die Fr\u00fcchte des Austauschs im Keime erstickten, sondern den Rahmen schufen, in dem sich diese entfalten konnten. Sp\u00e4tere Handelstheoretiker, von David Ricardo bis zu Eli Heckscher und Bertil Ohlin, haben diese Einsicht weiter ausformuliert und theoretisch pr\u00e4zisiert. Der Kern des Arguments blieb jedoch derselbe: Freierer Austausch ist, sofern er in eine stabile rechtliche und institutionelle Ordnung eingebettet ist, keine Bedrohung des Wohlstands, sondern eine seiner Voraussetzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade diese Unterscheidung wird in der heutigen Debatte noch immer in beide Richtungen verfehlt. Freihandel wird zu oft so gepriesen, als stellten sich seine Vorteile von selbst ein und verteilten sich gerecht, als k\u00f6nnten M\u00e4rkte sich selbst regulieren. Seine Kritiker wiederum haben wirtschaftliche Liberalisierung h\u00e4ufig als ideologische Fassade zugunsten der Starken denunziert. Die tiefere historische Lehre ist anspruchsvoller. M\u00e4rkte werden nicht wirklich freier, wenn Regeln zur\u00fccktreten; sie werden anf\u00e4lliger f\u00fcr die Dominanz derjenigen, die ohnehin bereits am st\u00e4rksten sind. Wohlstand hat sich dort am ehesten ausgedehnt, wo Austausch innerhalb von Rahmen aus Recht, Gegenseitigkeit und institutionellem Vertrauen ge\u00f6ffnet wurde. L\u00fcbecks Reichsfreiheitsbrief, die hansische Handelswelt und Smiths Kritik an merkantilistischen Beschr\u00e4nkungen verweisen in unterschiedlicher Weise auf dieselbe Einsicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dies der lange Bogen der kommerziellen Moderne war, dann kam der entscheidende Bruch vor genau einem Jahrzehnt. Das Brexit-Referendum im Juni 2016 und Trumps erster Wahlsieg im November desselben Jahres markierten einen tiefen Einschnitt, auch in der politischen Imagination des Handels. In Gro\u00dfbritannien wurde wirtschaftliche Verflechtung zur nationalen Verwundbarkeit umcodiert, gemeinsame Regeln zu demokratischem Verlust. In den USA kehrten Z\u00f6lle \u2013 ungeachtet des warnenden Erbes der Smoot-Hawley Zollgesetzgebung von 1930 \u2013 nicht nur als Verhandlungsmittel zur\u00fcck, sondern als Ausdruck souver\u00e4nen Willens und Symbol pr\u00e4sidialer Macht. In beiden F\u00e4llen war die zugrunde liegende Botschaft bemerkenswert \u00e4hnlich: geteilter Wohlstand geriet unter Verdacht, Institutionen galten als Zumutung, Offenheit erschien weniger als Quelle nationaler St\u00e4rke denn als Zugest\u00e4ndnis an andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter wirkt dieser Bruch weniger wie eine vor\u00fcbergehende Stimmung als wie der Beginn einer neuen, wahrscheinlich weniger wohlhabenden und ungleicheren \u00c4ra. Brexit war nicht blo\u00df eine britische Ausnahme; er war eine fr\u00fche demokratische Legitimation von Fragmentierung. Trumps erster Sieg war nicht einfach ein Wahlunfall; er signalisierte die R\u00fcckkehr einer amerikanischen Politik, die in Handelsbeziehungen Zwangsmittel einsetzt, multilaterale Disziplin verachtet und den Institutionen misstraut, die die Vereinigten Staaten einst selbst ma\u00dfgeblich gef\u00f6rdert hatten. Neuere Debatten \u00fcber wirtschaftlichen Nationalismus, B\u00fcndnisverpflichtungen, institutionellen R\u00fcckzug und die instrumentelle Nutzung von Z\u00f6llen verst\u00e4rken diesen Eindruck nur. Zusammengenommen haben die Schocks von 2016 die regelgebundene Handelsordnung nicht im Alleingang zerst\u00f6rt. Sie haben ihre Delegitimierung im politischen Kern jedoch erheblich beschleunigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herausforderungen von innen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der neomerkantilistische \u201eAmerica First\u201c-Ansatz in der Wirtschaftspolitik ist zu einem massiven Belastungsfaktor f\u00fcr die globale Handelsordnung, die multilaterale Architektur und die Wirksamkeit internationaler Finanzinstitutionen geworden. Indem die Vereinigten Staaten sich gegen die Rolle wenden, die sie einst als Architekt der liberalen internationalen Ordnung spielten \u2013 einer Ordnung, die selbst eine Antwort auf Faschismus, Krieg und wirtschaftlichen Zusammenbruch war \u2013, sind sie zur ernstesten Bedrohung des regelgebundenen Handelssystems geworden. Verankert im wirtschaftlichen Nationalismus hat die gegenw\u00e4rtige amerikanische Regierung die multilaterale Handelsordnung nicht nur nicht verteidigt. Sie hat aktiv zu ihrer Schw\u00e4chung beigetragen: durch die L\u00e4hmung jener Mechanismen verbindlicher Streitschlichtung, von denen glaubw\u00fcrdige Durchsetzung abh\u00e4ngt, durch die Normalisierung zollpolitischen Zwangs und dadurch, dass Handel zunehmend nicht mehr als Rahmen gegenseitig bindenden Rechts, sondern als Feld machtpolitischer Projektion behandelt wird. Der Schaden ist zum Teil institutionell. Schwerer wiegt, dass dadurch das Vertrauen in die M\u00f6glichkeit erodiert, dass Regeln die Starken ebenso binden k\u00f6nnen wie die Schwachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu diesem Zweck hat Washington auch in anderen Politikfeldern global koordinierte Anstrengungen geschw\u00e4cht. Unter dem Dach des Pariser Klimaabkommens ger\u00e4t die gr\u00fcne Energiewende zunehmend unter Druck, weil fossile Dominanz erneut politisch forciert und amerikanische Gesch\u00e4ftsinteressen wieder ins Zentrum ger\u00fcckt werden. In der Entwicklungspolitik f\u00e4llt der R\u00fcckzug nicht weniger deutlich aus. Die Vereinigten Staaten haben ihr Engagement drastisch reduziert, USAID dem Au\u00dfenministerium untergeordnet und die Beh\u00f6rde zugleich ihrer Ressourcen, ihres Personals und ihrer operativen Eigenst\u00e4ndigkeit beraubt. Parallel dazu haben sie sich aus <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/presidential-actions\/2026\/01\/withdrawing-the-united-states-from-international-organizations-conventions-and-treaties-that-are-contrary-to-the-interests-of-the-united-states\/\">66 internationalen Organisationen<\/a> zur\u00fcckgezogen, die f\u00fcr globale \u00f6ffentliche G\u00fcter in den Bereichen Klima, Gesundheit, Bildung und Menschenrechte zentral sind. Auf der 14. Ministerkonferenz der WTO bezeichnete der amerikanische Handelsbeauftragte <a href=\"The%20World%20Trade%20Organization%20isn\u2019t%20a%20serious%20forum.%20%20MC14%20to%20produce%20an%20agreed%20final%20outcome\">Jamieson Greer<\/a> die Organisation offen als \u201enicht ernstzunehmendes Forum\u201c und betonte, Washington werde seinen eigenen handelspolitischen Kurs fortsetzen \u2013 regional, bilateral und, wenn n\u00f6tig, unilateral. Diese Haltung hat den Eindruck eines Systems nur verst\u00e4rkt, das sich nicht mit der Geschwindigkeit erneuern kann, die die geopolitische Realit\u00e4t verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig ist der fortgesetzte R\u00fcckgriff auf das Multi-Party Interim Appeal Arbitration Arrangement ein Zeichen von Resilienz und Verfall zugleich: Resilienz, weil einige Mitglieder weiterhin an rechtlicher \u00dcberpr\u00fcfung und verbindlichem Verfahren festhalten wollen; Verfall, weil sie dies \u00fcber einen \u00dcbergangsmechanismus tun m\u00fcssen, w\u00e4hrend das universelle System blockiert bleibt. Insgesamt ist dies noch nicht, jedenfalls noch nicht ausschlie\u00dflich, eine Geschichte des Zusammenbruchs. Die Schw\u00e4chung des Multilateralismus hat auch eine Gegenbewegung hervorgebracht, getragen von der Europ\u00e4ischen Union und gleichgesinnten Partnern, die Offenheit durch regionale und plurilaterale Abkommen erhalten und damit zugleich <a href=\"https:\/\/olters.eu\/de\/die-us-zolldrohungen-koennen-wir-mit-freihandel-notfalls-auch-ohne-sie-ins-leere-laufen-lassen\/\">Amerikas Bluff<\/a> entlarven wollen. Nach Angaben der <a href=\"https:\/\/policy.trade.ec.europa.eu\/eu-trade-relationships-country-and-region\/negotiations-and-agreements_en?prefLang=de\">Europ\u00e4ischen Kommission<\/a> konnten die Verhandlungen mit Indien im Januar 2026 und mit Australien im M\u00e4rz 2026 erfolgreich abgeschlossen werden; das Mercosur-Abkommen, politisch bereits im Dezember 2024 vereinbart, wurde im Januar 2026 von den EU-Staaten formell gebilligt. Auch <a href=\"https:\/\/international.canada.ca\/en\/global-affairs\/campaigns\/diversifying-trade\">Kanada<\/a> hat die Diversifizierung seiner Handelsbeziehungen ins Zentrum seiner wirtschaftspolitischen Strategie ger\u00fcckt. All dies ist kein vollwertiger Ersatz f\u00fcr eine funktionsf\u00e4hige multilaterale Ordnung. Unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen sind solche Abkommen aber weit mehr als technokratische Nebenarrangements. Sie sind der Versuch, das Prinzip regelgebundenen Handels am Leben zu halten, w\u00e4hrend seine universelle Form unter massivem Druck steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von L\u00fcbeck aus betrachtet, sollte das nicht schwer zu verstehen sein. Regionale Handelsordnungen gingen universellen Rahmen h\u00e4ufig voraus. Die Hanse war nicht global, sondern ein auf Nordeuropa begrenzter Handelsraum. Ihre Leistung bestand nicht darin, jeden Konflikt gel\u00f6st zu haben, sondern darin, gen\u00fcgend Berechenbarkeit, Gegenseitigkeit und institutionelle Kontinuit\u00e4t geschaffen zu haben, damit sich Handel \u00fcber Grenzen und Zeit hinweg vertiefen konnte. Wenn die universelle Ordnung heute ins Wanken ger\u00e4t, dann k\u00f6nnte die Verteidigung offenen Handels erneut von Koalitionen abh\u00e4ngen, die in einer zersplitterten Welt regelgebundene R\u00e4ume schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit f\u00e4llt Europa eine besondere Verantwortung zu. Die EU wird oft f\u00fcr \u00dcberregulierung, prozeduralen \u00dcberhang und diplomatische Vorsicht, wenn nicht gar Mut- und Visionslosigkeit, kritisiert. Vieles daran ist nicht v\u00f6llig falsch. Gerade im Handel aber ist Europas gegenw\u00e4rtiger Instinkt historisch vern\u00fcnftiger als der der neuen Wirtschaftsnationalisten. Nach seinen zum Teil katastrophalen Erfahrungen mit Nationalismus und autorit\u00e4ren Ideologien hat der alte Kontinent historische Lehren gezogen: Wohlstand l\u00e4sst sich nicht durch politischen Druck, permanente Improvisation, bilaterale Einsch\u00fcchterung oder zollpolitisches Theater verteidigen. Europa hat begriffen, dass Recht nicht der Feind des Handels ist, sondern eine seiner Erm\u00f6glichungsbedingungen. Und es hat begonnen, wenn auch unvollkommen, aus genau diesem Verst\u00e4ndnis heraus zu handeln, indem es breitere Abkommen mit wichtigen Partnern verfolgt \u2013 zu einem Zeitpunkt, in dem die Vereinigten Staaten entschlossen scheinen, genau jene Ordnung auszuh\u00f6hlen, die sie einst selbst anf\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Priorit\u00e4ten f\u00fcr die Zukunft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Zeiten von Krieg und geopolitischen Krisen verlangen der Fokus des <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/en\/news\/articles\/2026\/04\/09\/sp040926-spring-meetings-2026-curtain-raiser\">IWF<\/a> auf makrofiskalische Widerstandsf\u00e4higkeit und die umfassende Besch\u00e4ftigungsagenda der <a href=\"https:\/\/live.worldbank.org\/en\/event\/2026\/ajay-banga-on-the-world-bank-groups-jobs-agenda-at-the-atlantic-council#Transcript\">Weltbank<\/a> erheblichen politischen Mut. Beide Institutionen sehen sich bei den diesw\u00f6chigen Fr\u00fchjahrstagungen in Washington hohen Erwartungen gegen\u00fcber, deren Erf\u00fcllung alles andere als leicht sein wird. Sie k\u00f6nnen die WTO nicht per Dekret reparieren, und sie k\u00f6nnen auch die strategischen Gegens\u00e4tze nicht aufl\u00f6sen, die den Handel wieder st\u00e4rker der Logik von Macht unterwerfen. Aber sie k\u00f6nnen klar aussprechen, was zu viele Regierungen als nachrangig behandeln oder nicht ausdr\u00fccklich zu sagen wagen. Sie k\u00f6nnen dazu beitragen, die Erosion der regelgebundenen Handelsordnung aus dem engen Zust\u00e4ndigkeitsbereich von Handelsministerien herauszul\u00f6sen. IWF und Weltbank sind in einer einzigartigen Position, deutlich zu machen, dass Welthandel eine Frage von Entwicklung und Stabilit\u00e4t ist \u2013 mit Folgen, die von Energiepreisen und Inflation \u00fcber Ern\u00e4hrungsunsicherheit und Armut bis hin zu breiteren Machtasymmetrien reichen. F\u00fcr \u00e4rmere und verwundbarere Volkswirtschaften bedeutet die Schw\u00e4chung verl\u00e4sslicher Handelsregeln insbesondere mehr Unsicherheit, h\u00f6here Kosten, schw\u00e4chere Investitionen, geringeren politischen Handlungsspielraum und gr\u00f6\u00dfere Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr den Zwang der Starken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Botschaft an jene, die sich in Washington versammeln, sollte deshalb einfach sein. Offenen Handel heute zu verteidigen verlangt mehr, als Multilateralismus rituell zu beschw\u00f6ren. Im Einklang mit ihren jeweiligen Statuten m\u00fcssen beide Institutionen durchsetzbare Regeln als praktische Notwendigkeit nachhaltiger Entwicklung, makrofiskalischer Stabilit\u00e4t und glaubw\u00fcrdiger Armutsbek\u00e4mpfung begreifen. Das verlangt erneute Unterst\u00fctzung f\u00fcr verbindliche Streitschlichtung, substantielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr Abkommen, die Handel ausweiten und stabilisieren, sowie die Bereitschaft anzuerkennen, dass regionale und plurilaterale Arrangements in einem Zeitalter der Obstruktion wom\u00f6glich die letzte praktikable Verteidigungslinie einer offenen Weltwirtschaft darstellen. Achthundert Jahre nach L\u00fcbecks Reichsfreiheitsbrief bleibt die Lehre so klar wie unerquicklich. Handel wird nicht freier, wenn Regeln zur\u00fccktreten. Er wird st\u00e4rker der Gewalt ausgesetzt. Und wenn Gewalt in den Handel zur\u00fcckkehrt, zieht sich der Wohlstand zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jan-Peter Olters<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Grundlagen der globalen Handelsordnung, auf denen wirtschaftlicher Wohlstand beruht, stehen unter Beschuss. In einer Zeit milit\u00e4rischer Konflikte, bedrohter Schifffahrtswege und einer Handelspolitik, die Z\u00f6lle als Machtinstrument missbraucht, ist der L\u00fcbecker Reichsfreiheitsbrief vom Juni 1226 weit mehr als ein historisches Dokument von lokaler Bedeutung. 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