{"id":1807,"date":"2026-05-08T06:28:22","date_gmt":"2026-05-08T04:28:22","guid":{"rendered":"https:\/\/olters.eu\/?p=1807"},"modified":"2026-05-08T06:28:56","modified_gmt":"2026-05-08T04:28:56","slug":"frieden-ist-kein-erbe-der-8-mai-und-die-krise-der-internationalen-ordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/olters.eu\/de\/frieden-ist-kein-erbe-der-8-mai-und-die-krise-der-internationalen-ordnung\/","title":{"rendered":"Frieden ist kein Erbe: Der 8. Mai und die Krise der internationalen Ordnung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Heute vor 81 Jahren, um 23.01 Uhr mitteleurop\u00e4ischer Zeit, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Mehr als zehn Millionen Angeh\u00f6rige der alliierten Streitkr\u00e4fte \u2014 vor allem der Roten Armee \u2014 waren gefallen, bevor die <\/em><a href=\"https:\/\/s3.amazonaws.com\/NARAprodstorage\/opastorage\/live\/81\/7479\/1747981\/content\/arcmedia\/social-media\/gallery\/1747981.pdf\"><em>bedingungslose Kapitulation<\/em><\/a><em> der deutschen Wehrmacht erzwungen werden konnte. Der milit\u00e4rische Akt war bereits am 7. Mai 1945 in Reims vollzogen worden; auf sowjetisches Dr\u00e4ngen wurde er in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin-Karlshorst wiederholt. Schon dieses historische Detail deutete an, dass der milit\u00e4rische Sieg den Krieg zwar beendete, aber keine tragf\u00e4hige globale Friedensordnung begr\u00fcnden konnte. Was folgte, war eine ideologisch geteilte Nachkriegsordnung, die sich nach dem Kalten Krieg nur vor\u00fcbergehend zu einer liberal gepr\u00e4gten Weltordnung zu konsolidieren schien und heute durch geopolitische Neuordnungen in ihrem Kern herausgefordert wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der 8. Mai bedeutet deshalb weit mehr als die milit\u00e4rische Niederlage Deutschlands. Er markierte den Zusammenbruch eines verbrecherischen Regimes, das Europa mit Krieg \u00fcberzogen, die Shoah geplant, organisiert und vollzogen, Millionen Menschen verfolgt, versklavt und ermordet, einen rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gef\u00fchrt und Recht, Menschenw\u00fcrde und politische Vernunft systematisch zerst\u00f6rt hatte. In dieser Niederlage endete die m\u00f6rderischste Zuspitzung einer Vorgeschichte aus v\u00f6lkischem Nationalismus, Faschismus und Nationalsozialismus \u2014 aus politischen Bewegungen und Ideologien, die Demokratie verachteten, Gewalt verherrlichten, Menschen nach Herkunft und \u201eRasse\u201c hierarchisierten und internationale Ordnung durch imperiale Machtanspr\u00fcche ersetzten. Was 1939 in den Zweiten Weltkrieg m\u00fcndete, war kein historischer Unfall, sondern die Konsequenz politischer Enthemmung: Recht wurde durch Macht, Demokratie durch F\u00fchrerkult und internationale Ordnung durch imperiale Expansion ersetzt. Am Ende kostete der Zweite Weltkrieg gesch\u00e4tzt mehr als 60 Millionen Menschen das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Verfolgten, Versklavten und Entrechteten im zusammenbrechenden Deutschen Reich und in den zuvor von Deutschland besetzten und terrorisierten Gebieten besiegelte dieser Tag das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. F\u00fcr das vor der Teilung stehende Deutschland wurde er zur unausweichlichen Konfrontation mit Schuld, Verantwortung und der Frage, ob nach dem moralischen, politischen und materiellen Zusammenbruch eine demokratische Neugr\u00fcndung m\u00f6glich sein w\u00fcrde. Bundespr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2025\/kw19-de-gedenkstunde-rede-weizsaecker-1062288\">Richard von Weizs\u00e4cker<\/a> fasste diese Spannung in seiner Rede vom 8. Mai 1985 in eine bis heute ma\u00dfgebliche Formel: \u201eDer 8. Mai war ein Tag der Befreiung.\u201c Er meinte damit keine Befreiung von deutscher Verantwortung, sondern die Befreiung \u201evon dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft\u201c. Zugleich benannte Weizs\u00e4cker die historische Verantwortung mit gro\u00dfer Klarheit: \u201eWir d\u00fcrfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.\u201c Denn die nationalsozialistische Herrschaft war nicht \u00fcber Deutschland hereingebrochen. M\u00f6glich wurde sie durch die Krise der Weimarer Republik, die Erosion ihrer demokratischen Mitte, Br\u00fcnings deflation\u00e4re Krisenpolitik von 1930 bis 1932 und seinen auf Notverordnungen gest\u00fctzten Regierungsstil, den Aufstieg v\u00f6lkischer und antidemokratischer Bewegungen \u2014 und schlie\u00dflich durch die Macht\u00fcbertragung an Hitler durch nationalkonservative Eliten um Hindenburg und von Papen. Der 8. Mai war deshalb kein einfacher Triumph. Heimkehr, Flucht, Gewalterfahrung, Heimatlosigkeit, Befreiung, Gefangenschaft, Verlust, Trauer, Erleichterung und Neubeginn lagen dicht nebeneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade darin liegt seine bleibende politische Bedeutung. Der 8. Mai erlaubt keine bequeme Erinnerung. Er verweist auf deutsche Schuld, auf die Befreiung von einem Regime, das nur von au\u00dfen milit\u00e4risch gebrochen werden konnte, und auf die Frage, welche Ordnung aus einer solchen Katastrophe entstehen musste. Denn nach 1945 ging es nicht allein um Wiederaufbau. Es ging um die B\u00e4ndigung jener Kr\u00e4fte, die Europa zweimal in den Abgrund gef\u00fchrt hatten: v\u00f6lkischer Nationalismus, autorit\u00e4re Ideologie, \u00f6konomische Destabilisierung, imperiale Revision und eine brutale Machtpolitik, die V\u00f6lkerrecht, staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t und die Sicherheit kleinerer Staaten missachtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage stellt sich heute mit neuer Dringlichkeit. Russland bek\u00e4mpft die europ\u00e4ische Friedensordnung offen mit imperialer Gewalt. Zugleich gewinnen auch innerhalb westlicher Demokratien jene nationalistischen und illiberalen Kr\u00e4fte an Macht, die multilaterale Institutionen, v\u00f6lkerrechtliche Bindungen und regelbasierte Kooperation nicht als Voraussetzung gemeinsamer Sicherheit, sondern als Einschr\u00e4nkung nationaler Handlungsfreiheit begreifen. Besonders folgenreich ist dieser Wandel in den USA unter Pr\u00e4sident Donald Trump. Die <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/2025-National-Security-Strategy.pdf\">Nationale Sicherheitsstrategie<\/a> (NSS) von 2025 macht diesen Politikwechsel programmatisch sichtbar. Mit Blick auf Europa wendet sie sich gegen den gegenw\u00e4rtigen Kurs europ\u00e4ischer Integration und entwirft als Gegenbild eine \u201eGruppe gleichgerichteter souver\u00e4ner Staaten\u201c \u2014 im Original: \u201ea group of aligned sovereign nations\u201c. Zugleich k\u00fcndigt sie an, \u201eWiderstand gegen den derzeitigen Kurs Europas\u201c innerhalb europ\u00e4ischer Staaten zu f\u00f6rdern, und fordert eine Wiederherstellung strategischer Stabilit\u00e4t mit Russland, dem Aggressor im Ukrainekrieg. Diese strategischen Ziele zeigen, dass \u201e<em>aligned<\/em>\u201c hier nicht blo\u00df Gleichrichtung unter souver\u00e4nen Partnern meint, sondern eine politische Ausrichtung Europas an amerikanischen Priorit\u00e4ten nahelegt; sie markieren eine deutliche Abkehr vom bisherigen Selbstverst\u00e4ndnis Washingtons als Garant einer regelbasierten europ\u00e4ischen Sicherheitsordnung hin zu einer Machtpolitik, die Regeln nur noch selektiv anerkennt oder g\u00e4nzlich umgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Politisch l\u00e4uft dies auf ein Europabild hinaus, in dem die Europ\u00e4ische Union weniger als integrierte, supranational handlungsf\u00e4hige Ordnung erscheint denn als fragmentierter Verbund nationalstaatlich ausgerichteter Staaten, die amerikanischen Priorit\u00e4ten folgen. Dieses Verst\u00e4ndnis feiert Souver\u00e4nit\u00e4t als Befreiung von Br\u00fcssel, stellt jedoch die Weichen f\u00fcr ein Europa, das gegen\u00fcber Washington verwundbarer wird. Je fragmentierter Europa auftritt, desto leichter k\u00f6nnen einzelne Regierungen durch Sicherheitsgarantien, Truppenpr\u00e4senz, Z\u00f6lle oder Marktzugang diszipliniert werden \u2014 nach der alten Logik des Teilens und Beherrschens. So w\u00fcrde aus Souver\u00e4nit\u00e4tsrhetorik die Logik politischer Gefolgschaft, im Extremfall eines neuen Vasallentums. Damit schlie\u00dft die NSS bewusst an die Vorstellungen jener rechtsnationalen bis rechtsextremen Parteienfamilien im Europ\u00e4ischen Parlament an, die sie als \u201epatriotische\u201c Kr\u00e4fte positiv rahmt und deren wachsenden Einfluss sie als \u201eAnlass zu gro\u00dfem Optimismus\u201c wertet. Gemeint sind die Fraktion \u201eEuropa der Souver\u00e4nen Nationen\u201c, der auch die AfD-Abgeordneten angeh\u00f6ren, die \u201eEurop\u00e4ischen Konservativen und Reformer\u201c um PiS und Fratelli d\u2019Italia sowie die \u201ePatrioten f\u00fcr Europa\u201c um Rassemblement national und Fidesz. Zusammen stellen diese Fraktionen etwa ein Viertel der Abgeordneten im Europ\u00e4ischen Parlament. In einzelnen Abstimmungen zu Migration sowie zu Umwelt- und Unternehmensregeln haben sie bereits mit der gem\u00e4\u00dfigt-konservativen Europ\u00e4ischen Volkspartei alternative Mehrheiten gebildet. Damit wird jene politische Brandmauer durchl\u00e4ssig, die verhindern sollte, dass rechtsnationale bis rechtsextreme Kr\u00e4fte wieder ma\u00dfgeblich an Europas politischem Kurs mitwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade deshalb f\u00fchrt der 8. Mai \u00fcber die Erinnerung hinaus zur Ordnungsfrage. Die internationale und europ\u00e4ische Nachkriegsordnung \u2014 bereits mit Bretton Woods 1944, dann mit den Vereinten Nationen 1945 und der Montanunion 1951 \u2014 entstand aus der Erfahrung, dass Frieden nicht aus blo\u00dfer Ersch\u00f6pfung nach dem Krieg hervorgeht. Er muss institutionell gebaut, rechtlich gesichert, wirtschaftlich unterlegt und politisch verteidigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Muster von Ordnungsbr\u00fcchen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geschichte wiederholt sich nicht mechanisch. Doch sie kennt wiederkehrende Muster. Die gro\u00dfen Kriege Europas \u2014 der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg, die Napoleonischen Kriege, der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg \u2014 waren jeweils Kulminationspunkte tiefer Ordnungskrisen: konfessionelle Spaltung, revolution\u00e4re Umbr\u00fcche, dynastische und imperiale Rivalit\u00e4t, radikalisierter Nationalismus, ideologische Enthemmung und Machtpolitik ohne ausreichende rechtliche Begrenzung. Auf ihre Verw\u00fcstungen folgten Versuche, die zerst\u00f6rerische Logik ungehemmter Macht durch neue Ordnungen einzuhegen: der Westf\u00e4lische Friede, der Wiener Kongress und das Europ\u00e4ische Konzert, der Versailler Vertrag und der V\u00f6lkerbund, schlie\u00dflich das multilaterale System, das nach 1945 um die Vereinten Nationen, Bretton Woods und die europ\u00e4ische Integration entstand.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-2-1024x680.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1808\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-2-1024x680.png 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-2-300x199.png 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-2-768x510.png 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-2.png 1204w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Entwurf <em>Zum ewigen Frieden<\/em> nahm Immanuel Kant bereits 1795 diese historische Pendelbewegung zwischen Ordnungsbildung und Ordnungszerfall auf. Er schrieb unter dem Eindruck der Franz\u00f6sischen Revolution, der europ\u00e4ischen Koalitionskriege und einer Staatenordnung, in der Krieg, dynastische Machtpolitik und die territoriale Verf\u00fcgung \u00fcber Staaten zur politischen Normalit\u00e4t geh\u00f6rten. Sein \u00fcber mehr als ein Jahrzehnt entwickelter Gegenentwurf richtete sich gegen die realpolitische Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass Sicherheit letztlich aus politischer Macht, taktischen B\u00fcndnissen und milit\u00e4rischer \u00dcberlegenheit erwachse. Kant formulierte demgegen\u00fcber einen radikalen Ordnungsanspruch: Frieden entsteht nicht aus Ersch\u00f6pfung, sondern aus der rechtlichen \u00dcberwindung des zwischenstaatlichen Naturzustands \u2014 aus der vernunftgeleiteten Einsicht, \u201eaus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus zu gehen und in einen V\u00f6lkerbund zu treten\u201c (<a href=\"https:\/\/projekt-gutenberg.org\/authors\/immanuel-kant\/books\/immanuel-kant-idee-zu-einer-allgemeinen-geschichte-in-weltbuergerlicher-absicht\/\">Kant<\/a>, 1784). Staaten m\u00fcssen ihre Macht rechtlich binden, statt Sicherheit allein aus eigener St\u00e4rke, B\u00fcndnissen und milit\u00e4rischer \u00dcberlegenheit abzuleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor Kant die positiven Grundlagen einer dauerhaften Friedensordnung formuliert, benennt er in seinen Pr\u00e4liminarartikeln jene Praktiken, die Frieden strukturell untergraben: verdeckte Vorbehalte f\u00fcr k\u00fcnftige Kriege, die Verf\u00fcgung \u00fcber Staaten wie \u00fcber Besitz, dauerhafte Militarisierung, schuldenfinanzierte Machtpolitik, gewaltsame Einmischung und Kriegspraktiken, die sp\u00e4teres Vertrauen zerst\u00f6ren. Diese Warnungen sind keine antiquarische Fu\u00dfnote. Sie zeigen, dass Frieden f\u00fcr Kant nicht mit der Unterzeichnung eines Vertrags beginnt, sondern mit der politischen Selbstbegrenzung von Staaten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kants (1795) Friedensidee beruht darauf aufbauend auf drei Voraussetzungen: (i) republikanischen Verfassungen, die sich in moderner Lesart von absolutistischer Herrschaft abgrenzen und demokratische Rechtsstaatlichkeit meinen; (ii) einem V\u00f6lkerbund freier Staaten, der den zwischenstaatlichen Naturzustand rechtlich einhegt; und (iii) einer Form grenz\u00fcberschreitender Wirtschaftsverflechtung, die in moderner liberaler Lesart regelgebundenen Freihandel, niedrige Handelsbarrieren und multilaterales Handelsrecht zu Bedingungen eines Positivsummenspiels macht und Krieg politisch wie \u00f6konomisch unvern\u00fcnftiger werden l\u00e4sst. In der modernen liberalen Theorie der Internationalen Beziehungen wurde Kant sp\u00e4ter zum Ausgangspunkt eines Friedensdreiecks aus Demokratie, Institutionenbindung und \u00f6konomischer Interdependenz. Bei Kant selbst steht an dritter Stelle jedoch nicht Freihandel, sondern Weltb\u00fcrgerrecht: die rechtliche Begrenzung staatlicher Willk\u00fcr auch gegen\u00fcber Fremden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-3-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1809\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-3-1024x751.png 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-3-300x220.png 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-3-768x563.png 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/image-3.png 1203w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute bilden diese drei Elemente den Kern einer liberalen Friedensordnung. Sie richtet sich gegen die machtpolitische Logik von Null- und Negativsummenspielen und h\u00e4lt an der M\u00f6glichkeit fest, dass Kooperation, Institutionen, Recht und \u00f6konomische Interdependenz Positivsummenspiele hervorbringen k\u00f6nnen. Genau diese Dreifachstruktur nahm nach 1945 \u2014 unvollkommen, machtpolitisch begrenzt, aber historisch wirksam \u2014 in den Vereinten Nationen, Bretton Woods und der europ\u00e4ischen Integration institutionelle Gestalt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass diese Ordnung heute unter Druck steht, macht den 8. Mai nicht zu einem blo\u00dfen Erinnerungsdatum, sondern zu einer politischen Warnung. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der US-israelische Krieg gegen Iran, die R\u00fcckkehr der Gro\u00dfmachtrivalit\u00e4t, globale Aufr\u00fcstung, Energieerpressung, Deglobalisierung, Protektionismus und der illiberale Angriff auf demokratische Normen und multilaterale Institutionen werfen die Frage auf, ob wir gerade die Grundlagen von Westeuropas Nachkriegsfrieden und -wohlstand riskieren. Die Gegenwart ist keine Wiederholung der Vergangenheit. Aber sie zeigt erneut, wie verletzlich eine Ordnung wird, wenn Nationalismus, autorit\u00e4re Machtpolitik, wirtschaftliche Unsicherheit und die Missachtung des Rechts einander verst\u00e4rken \u2014 jene Konstellation also, die Europa wiederholt in Konflikt, Krieg und Katastrophe gef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frieden ist ein Rechtszustand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade deshalb ist Kant heute aktueller, als es zun\u00e4chst scheint. Sein Friedensbegriff bezeichnet nicht blo\u00df die Abwesenheit offener Kampfhandlungen. Frieden ist f\u00fcr Kant ein Rechtszustand, der errichtet und bewahrt werden muss. Er verlangt, dass Macht nicht das letzte Wort beh\u00e4lt, dass Grenzen nicht zur Verf\u00fcgungsmasse werden, dass Vertr\u00e4ge Vertrauen stiften und dass Sicherheit nicht allein aus Drohung, Aufr\u00fcstung und B\u00fcndnisarithmetik abgeleitet wird. Kants Pr\u00e4liminarartikel lesen sich deshalb wie ein Gegenkatalog zur gegenw\u00e4rtigen Ordnungszerst\u00f6rung: gegen verdeckte Vorbehalte f\u00fcr k\u00fcnftige Kriege, gegen die Verf\u00fcgung \u00fcber Staaten wie \u00fcber Besitz, gegen auf Dauer gestellte Militarisierung, gegen schuldenfinanzierte Machtpolitik, gegen gewaltsame Einmischung in die Verfassung anderer Staaten und gegen Kriegspraktiken, die sp\u00e4teres Vertrauen unm\u00f6glich machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau an diesen Punkten wird die heutige Krise sichtbar. Russland verletzt mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine das Grundprinzip territorialer Integrit\u00e4t und versucht, Grenzen wieder mit Gewalt zu verschieben. Nukleare Drohungen, Angriffe auf zivile Infrastruktur, Deportationen, Desinformation und die systematische Zerst\u00f6rung von Vertrauen besch\u00e4digen die Voraussetzungen jeder k\u00fcnftigen europ\u00e4ischen Friedensordnung. Eine Friedensregelung, die Aggression belohnt oder territoriale Revision nachtr\u00e4glich normalisiert, w\u00e4re deshalb kein kantischer Rechtszustand, sondern ein Waffenstillstand unter dem Vorbehalt des n\u00e4chsten Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Ma\u00dfstab gilt breiter. In Gaza untergraben die gezielten Angriffe der Hamas auf Zivilisten und die Geiselnahmen ebenso wie Israels Kriegsf\u00fchrung \u2014 mit milit\u00e4rischer Vergeltungslogik, Vertreibung, weitgehender Zerst\u00f6rung ziviler Infrastruktur und der <a href=\"https:\/\/applications.emro.who.int\/EMHJ\/V31\/04\/1020-3397-2025-3104-281-284-eng.pdf\">Aushungerung<\/a> der Zivilbev\u00f6lkerung durch blockierten oder eingeschr\u00e4nkten Zugang zu humanit\u00e4rer Hilfe und lebensnotwendigen G\u00fctern \u2014 das Vertrauen in die Verbindlichkeit des humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrechts. Im Krieg gegen Iran stellt sich die Frage, ob Pr\u00e4vention und Abschreckung noch rechtlich eingehegt bleiben oder in eine Logik regionaler Eskalation, strategischer Dominanz und militarisierter Handels- und Energierouten umschlagen. In allen drei F\u00e4llen zeigt sich: Wo Gewalt nicht mehr durch Recht, Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit und Vertrauen begrenzt wird, wird nicht nur ein einzelner Konflikt versch\u00e4rft. Es wird die M\u00f6glichkeit eines verl\u00e4sslichen Friedenszustands besch\u00e4digt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Krise betrifft damit alle drei Seiten des kantischen Friedensdreiecks: die internationale Rechts- und Institutionenordnung, die demokratische Verfasstheit im Inneren und die \u00f6konomische Interdependenz. Zun\u00e4chst verliert die internationale Rechts- und Institutionenordnung an Bindekraft. Der Sicherheitsrat ist durch Vetopolitik blockiert; die Welthandelsordnung wird durch Z\u00f6lle, Sanktionen, Subventionen und geo\u00f6konomische Blockbildung unter Druck gesetzt; internationale Gerichtsbarkeit und Menschenrechtsnormen werden selektiv anerkannt; und multilaterale Institutionen geraten zwischen autorit\u00e4rem Revisionismus, westlichen Doppelstandards und wachsender Skepsis im globalen S\u00fcden. Das Problem ist nicht, dass Machtpolitik zur\u00fcckkehrt. Sie war nie verschwunden. Das Problem ist, dass immer mehr Staaten Regeln nur noch akzeptieren, solange sie den eigenen strategischen Interessen dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo \u00e4u\u00dfere Regelbindung erodiert, wird innere Machtbindung entscheidend. Genau deshalb ist die demokratische Seite des Friedensdreiecks keine blo\u00dfe Innenpolitik. Kant setzte auf republikanische \u2014 also nicht monarchisch-absolutistische \u2014 Verfassungen, weil Regierungen, die gegen\u00fcber ihren B\u00fcrgern rechenschaftspflichtig sind, Krieg nicht so leicht als dynastisches oder imperiales Instrument f\u00fchren k\u00f6nnen. In moderner Lesart hei\u00dft das: Demokratische Rechtsstaaten, Gewaltenteilung, freie \u00d6ffentlichkeit und institutionelles Vertrauen sind keine innenpolitischen Nebensachen, sondern Bedingungen internationaler Friedensf\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in Europa wird diese Voraussetzung br\u00fcchiger. Wenn rechtsnationale bis rechtsextreme Kr\u00e4fte nicht mehr nur Opposition gegen europ\u00e4ische Integration organisieren, sondern in einzelnen Abstimmungen mit der gem\u00e4\u00dfigt-konservativen Mitte Mehrheiten bilden \u2014 etwa bei der R\u00fcckf\u00fchrungsverordnung oder bei der Abschw\u00e4chung von Nachhaltigkeits- und Sorgfaltspflichten f\u00fcr Unternehmen \u2014, verschiebt sich der demokratische Resonanzraum europ\u00e4ischer Politik. Internationale Bindungen erscheinen dann leichter als Verrat an nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t, Minderheitenschutz als Schw\u00e4che, unabh\u00e4ngige Medien als Gegner, und Kompromiss als Kapitulation. Wo illiberale Kr\u00e4fte Parlamente schw\u00e4chen, Medien delegitimieren, Minderheitenrechte angreifen und internationale Bindungen als Fessel nationaler Macht darstellen, wird auch Au\u00dfenpolitik anf\u00e4lliger f\u00fcr Freund-Feind-Denken, autorit\u00e4re Bewunderung und strategische Unberechenbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"765\" src=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/8.-Mai-Text-2-1024x765.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1815\" srcset=\"https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/8.-Mai-Text-2-1024x765.png 1024w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/8.-Mai-Text-2-300x224.png 300w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/8.-Mai-Text-2-768x574.png 768w, https:\/\/olters.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/8.-Mai-Text-2.png 1442w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Europ\u00e4isches Parlament: Nationalistische Zugewinne und eine geschw\u00e4chte Brandmauer<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich steht auch die \u00f6konomische Interdependenz \u2014 und damit die verbleibende Dimension des kantischen Friedensdreiecks \u2014 unter Druck. Der liberale Gedanke war nie, dass Handel allein Frieden garantiert. Er war, dass regelgebundene Verflechtung Interessen so verschr\u00e4nkt, dass Kooperation rationaler wird als Krieg. Die Energiekrise hat jedoch gezeigt, wie gef\u00e4hrlich Interdependenz wird, wenn sie asymmetrisch, intransparent und politisch erpressbar ist. Europas Abh\u00e4ngigkeit von russischer Energie war keine Friedensdividende, sondern eine strategische Verwundbarkeit. Heute wiederholt sich dieselbe Logik in anderen Sektoren: bei amerikanischen Zolldrohungen gegen europ\u00e4ische Autos ebenso wie bei chinesischen Exportkontrollen f\u00fcr Seltene Erden, die f\u00fcr digitale, gr\u00fcne und verteidigungsindustrielle Wertsch\u00f6pfung unverzichtbar sind. Was als gegenseitige Verflechtung Wohlstand schaffen sollte, wird unter Bedingungen geopolitischer Rivalit\u00e4t zur Waffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verschiebt sich die internationale Politik wieder in Richtung jener Null- und Negativsummenspiele, vor denen der liberale Internationalismus warnte. Sicherheit wird als relativer Gewinn gegen andere verstanden; Handel als Waffe, Energie als Druckmittel, Technologie als Blockgrenze, Migration als innenpolitisches Mobilisierungsinstrument und Entwicklungspolitik als geopolitisches Tauschgesch\u00e4ft. Wie weit diese Logik bereits in wirtschaftspolitische Strategiedebatten vorgedrungen ist, zeigt <a href=\"https:\/\/www.hudsonbaycapital.com\/documents\/FG\/hudsonbay\/research\/638199_A_Users_Guide_to_Restructuring_the_Global_Trading_System.pdf\">Stephen Mirans<\/a> Leitfaden zur \u201eRestrukturierung des globalen Handelssystems\u201c von 2024: Z\u00f6lle, W\u00e4hrungspolitik, Reservew\u00e4hrungsstatus und Sicherheitsgarantien erscheinen dort nicht mehr prim\u00e4r als Bestandteile einer regelgebundenen Positivsummenordnung, sondern als Hebel, um Lastenverteilung, industrielle Reallokation und strategische Gefolgschaft neu auszuhandeln. In einer solchen Welt wachsen Misstrauen, Aufr\u00fcstung und Abschottung gegenseitig. Genau darin liegt die Gefahr: Nicht ein einzelner Konflikt zerst\u00f6rt die Friedensordnung, sondern die gleichzeitige Erosion ihrer Voraussetzungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Realismus erinnert zu Recht daran, dass Institutionen ohne Machtbasis leer bleiben. Der V\u00f6lkerbund scheiterte nicht an einem Mangel moralischer Rhetorik, sondern an fehlender Mitgliedschaft, fehlender Macht, fehlender Sanktionsbereitschaft und nationalem Eigeninteresse. Aber der Liberalismus erinnert ebenso zu Recht daran, dass Macht ohne rechtliche Begrenzung keine stabile Ordnung schafft. Abschreckung kann Aggression verhindern; sie ersetzt aber keinen Rechtszustand. Handel kann Wohlstand schaffen; er ersetzt aber keine Regeln. Souver\u00e4nit\u00e4t kann Freiheit sch\u00fctzen; sie wird gef\u00e4hrlich, wenn sie als Freibrief gegen jede Bindung verstanden wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Indikatoren des Ordnungsbruchs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Diagnose bleibt nicht abstrakt. Mehrere Indikatoren zeigen, dass die Erosion der Friedensordnung sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und institutionell zugleich verl\u00e4uft. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist dabei der deutlichste europ\u00e4ische Bruch. Er richtet sich nicht nur gegen die Souver\u00e4nit\u00e4t eines Staates, sondern gegen das Grundprinzip, dass Grenzen in Europa nicht mit Gewalt verschoben werden d\u00fcrfen. Dass Finnland 2023 und Schweden 2024 der NATO beitraten, ist deshalb mehr als eine b\u00fcndnispolitische Fu\u00dfnote. Es markiert die R\u00fcckkehr existenzieller Sicherheitsangst in Europa und das Ende einer langen Phase, in der viele glaubten, milit\u00e4rische Abschreckung k\u00f6nne gegen\u00fcber wirtschaftlicher Verflechtung dauerhaft in den Hintergrund treten. Noch ist nicht abzusehen, welche Konsequenzen der US-israelische Krieg gegen Iran haben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch global zeigen die Indikatoren eine gef\u00e4hrliche Richtung. Das <a href=\"https:\/\/ucdp.uu.se\/\"><em>Uppsala Conflict Data Program<\/em><\/a> (UCDP) registrierte f\u00fcr 2024 weltweit 61 aktive Konflikte mit mindestens einem Staat als Konfliktpartei \u2014 den h\u00f6chsten Wert seit Beginn der Datenerhebung 1946. Das <a href=\"https:\/\/www.sipri.org\/databases\/milex\">Stockholmer Institut f\u00fcr Internationale Friedensforschung<\/a> (SIPRI) meldete in seiner 2026 ver\u00f6ffentlichten Erhebung, dass die globalen Milit\u00e4rausgaben 2025 bei 2,9 Billionen US-Dollar lagen, ausgedr\u00fcckt in konstanten US-Dollar von 2024. Real entsprach dies einem Anstieg von 2,9 Prozent gegen\u00fcber 2024; besonders deutlich fiel der Zuwachs in West- und Zentraleuropa aus, das nach dem Ende des Kalten Krieges lange auf eine dauerhafte Friedensdividende gesetzt hatte: Dort stiegen die Ausgaben im gleichen Zeitraum um 15,8 Prozent. <a href=\"https:\/\/freedomhouse.org\/sites\/default\/files\/2026-03\/FIW2026_final_digital%20%281%29.pdf\">Freedom House<\/a> verzeichnete 2025 das zwanzigste Jahr in Folge einen globalen R\u00fcckgang politischer Rechte und b\u00fcrgerlicher Freiheiten \u2014 mit deutlichen Verschlechterungen auch in den USA. Sicherheit, Demokratie und internationale Regelbindung erodieren also nicht getrennt voneinander. Sie geraten gleichzeitig unter Druck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Energiekrisen der vergangenen Jahre \u2014 ausgel\u00f6st durch den Ukrainekrieg und versch\u00e4rft durch den Krieg gegen Iran \u2014 haben zus\u00e4tzlich gezeigt, dass Interdependenz nur unter bestimmten Bedingungen friedensf\u00f6rdernd wirkt. Wirtschaftliche Verflechtung kann stabilisieren, wenn sie wechselseitig, diversifiziert, transparent und regelgebunden ist. Sie wird gef\u00e4hrlich, wenn sie asymmetrisch und politisch erpressbar wird. Im R\u00fcckblick war Europas Abh\u00e4ngigkeit von russischer Energie deshalb nicht nur ein \u00f6konomischer Fehler, sondern eine strategische Fehleinsch\u00e4tzung: Die Annahme, g\u00fcnstiges russisches Gas k\u00f6nne zugleich Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsf\u00e4higkeit und eine planbare Energiewende st\u00fctzen, erwies sich als politisch verwundbar. Die <a href=\"https:\/\/energy.ec.europa.eu\/strategy\/repowereu-phase-out-russian-energy-imports_en\">EU-Kommission<\/a> gibt an, dass der Anteil russischen Gases an den EU-Gasimporten seit Kriegsbeginn von 45 Prozent auf 12 Prozent im Jahr 2025 gefallen ist; russische Kohleimporte sind sanktioniert, \u00d6limporte stark reduziert. Die Lehre lautet nicht Autarkie, sondern resiliente Offenheit: Klimaschutz, Versorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsf\u00e4higkeit und geopolitische Handlungsf\u00e4higkeit m\u00fcssen k\u00fcnftig als Teile derselben Friedenspolitik verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wirtschaftlich wird die Nachkriegslogik herausgefordert. Bretton Woods beruhte auf der Erfahrung, dass Finanzkrisen, Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und Protektionismus Demokratien destabilisieren und autorit\u00e4re Bewegungen st\u00e4rken k\u00f6nnen. Diese Erfahrung ist nicht historisch erledigt. Der <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/-\/media\/files\/publications\/weo\/2026\/april\/english\/text.pdf\">IWF<\/a> warnt in seinem Weltwirtschaftsausblick vom April 2026 vor verlangsamtem globalem Wachstum, erneuten Inflationsrisiken, geopolitischer Fragmentierung, Handelsspannungen, hohen Schuldenst\u00e4nden und schwierigen Zielkonflikten steigender Verteidigungsausgaben. Damit kehrt ein Problem der Zwischenkriegszeit in neuer Form zur\u00fcck: Wenn wirtschaftliche Unsicherheit als Kontrollverlust erlebt wird, gewinnen nationalistische und protektionistische Antworten an Attraktivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Bretton Woods war deshalb mehr als W\u00e4hrungsarchitektur. Es war der Versuch, makro\u00f6konomische Instabilit\u00e4t als Friedensrisiko ernst zu nehmen: W\u00e4hrungskrisen, Abwertungswettl\u00e4ufe, Massenarbeitslosigkeit und Protektionismus sollten nicht noch einmal jene politischen Radikalisierungen n\u00e4hren, die die Zwischenkriegszeit zerst\u00f6rt hatten. Ungeachtet der erheblichen Divergenzen zwischen Harry Dexter White, dem pr\u00e4genden Architekten der amerikanischen Position, und John Maynard Keynes, dem f\u00fchrenden Kopf der britischen Delegation \u2014 wie Benn Steil (2013) in <em>The Battle of Bretton Woods<\/em> rekonstruiert \u2014, institutionalisierte das Bretton-Woods-Abkommen mit festen Wechselkursen, Kapitalverkehrskontrollen und dem goldgebundenen US-Dollar als Leitw\u00e4hrung bis Anfang der 1970er Jahre eine Form internationaler Koordinierung, in der W\u00e4hrungsordnung, Wiederaufbau und wirtschaftliche Stabilit\u00e4t \u00fcber multilaterale Institutionen, insbesondere den IWF und die Weltbank, zu tragenden Elementen der Friedensarchitektur wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Legt die Abkehr von der Ordnung nach 1945 also die Wurzeln neuer, globalerer Konflikte? Sie erh\u00f6ht dieses Risiko erheblich. Gef\u00e4hrlich ist nicht nur die Zahl einzelner Kriege, sondern ihre zunehmende systemische Verkn\u00fcpfung. Regionale Konflikte werden durch Gro\u00dfmachtrivalit\u00e4t, Energiefl\u00fcsse, Sanktionen, Waffenlieferungen, Cyberoperationen, Desinformation, Finanzm\u00e4rkte und Lieferketten miteinander verbunden. Wo das Gewaltverbot erodiert, werden Grenzen wieder verhandelbar. Wo Handelsregeln zerfallen, wird Abh\u00e4ngigkeit zur Waffe. Wo Demokratien im Inneren Vertrauen verlieren, sinkt ihre F\u00e4higkeit, langfristige internationale Verpflichtungen zu tragen. Wo internationale Institutionen blockiert, delegitimiert oder gezielt ausgeh\u00f6hlt werden, w\u00e4chst der Anreiz zu unilateraler Machtpolitik und exklusiven Bl\u00f6cken.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Erosion ist inzwischen nicht mehr nur ein Nebeneffekt geopolitischer Rivalit\u00e4t, sondern selbst Teil politischer Strategie. Die NSS stellt den Nationalstaat ausdr\u00fccklich als \u201e<em>fundamental political unit<\/em>\u201c ins Zentrum und wendet sich gegen \u201e<em>sovereignty-sapping incursions<\/em>\u201c transnationaler Organisationen, die amerikanische Interessen behinderten. Im Februar 2025 ordnete das <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/presidential-actions\/2025\/02\/withdrawing-the-united-states-from-and-ending-funding-to-certain-united-nations-organizations-and-reviewing-united-states-support-to-all-international-organizations\/\">Wei\u00dfe Haus<\/a> den R\u00fcckzug aus bestimmten UN-Organisationen, die Beendigung der Finanzierung von UNRWA und UNHRC sowie eine \u00dcberpr\u00fcfung der amerikanischen Unterst\u00fctzung f\u00fcr internationale Organisationen, Konventionen und Vertr\u00e4ge an; dieselbe Logik war bereits im Januar 2025 sichtbar geworden, als Pr\u00e4sident Donald Trump das erneute <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/presidential-actions\/2025\/01\/putting-america-first-in-international-environmental-agreements\/\">Ausscheiden der USA aus dem Pariser Klimaabkommen<\/a> anordnete; im Januar 2026 folgten <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/presidential-actions\/2026\/01\/withdrawing-the-united-states-from-international-organizations-conventions-and-treaties-that-are-contrary-to-the-interests-of-the-united-states\/\">weitere Austritte<\/a> aus internationalen Organisationen, die als den Interessen der USA widersprechend eingestuft wurden. Auch in der internationalen Steuerpolitik zeigte sich diese Abkehr: Das <a href=\"https:\/\/home.treasury.gov\/news\/press-releases\/sb0350\">US-Finanzministerium<\/a> erkl\u00e4rte, die OECD\/G20-Regeln zur globalen Mindestbesteuerung h\u00e4tten f\u00fcr die USA \u201e<em>no force or effect<\/em>\u201c, und feierte sp\u00e4ter eine Ausnahme f\u00fcr US-Konzerne von Pillar Two als Schutz amerikanischer Steuersouver\u00e4nit\u00e4t. Damit wird Multilateralismus nicht reformiert, sondern konditioniert: Institutionen gelten nur noch, solange sie nationale Priorit\u00e4ten verst\u00e4rken; sobald sie Bindung erzeugen, werden sie bek\u00e4mpft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Priorit\u00e4ten f\u00fcr eine erneuerte Friedensordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach 1945 bestand die eigentliche historische Leistung nicht darin, Machtpolitik abzuschaffen. Sie bestand vielmehr darin, Macht durch Institutionen, Regeln, wirtschaftliche Stabilisierung und europ\u00e4ische Integration so zu binden, dass Krieg zwischen zentralen Akteuren unwahrscheinlicher, wirtschaftliche Kooperation verl\u00e4sslicher und kleinere Staaten weniger schutzlos wurden. Diese Ordnung war unvollkommen, machtpolitisch begrenzt und oft widerspr\u00fcchlich. Dennoch schuf sie ein Ger\u00fcst, das Gewalt eind\u00e4mmte, offene Weltwirtschaft stabilisierte und Europa aus der Logik permanenter Rivalit\u00e4t herausf\u00fchrte. Ihr liberaler Erfolg lag nicht nur in der Vermeidung von Krieg, sondern in der produktiven Freisetzung von Kooperation: Handel, Wettbewerb, Forschung, Mobilit\u00e4t und institutionelles Vertrauen wurden zu Quellen von Innovation, Produktivit\u00e4t, Wohlstand und demokratischer Stabilit\u00e4t. Global schien diese Dynamik zeitweise sogar die Beseitigung extremer Armut erreichbar zu machen \u2014 von den Millenniumsentwicklungszielen bis zur Agenda 2030. Erst die Polykrise aus Pandemie, Krieg, Schulden, Klimaschocks und geopolitischer Fragmentierung hat diesen Fortschritt gebremst und teilweise zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Europa \u2014 und f\u00fcr jene Demokratien, die an der liberalen Ordnung festhalten wollen \u2014 folgt daraus eine unbequeme, aber notwendige Schlussfolgerung: Diese Ordnung l\u00e4sst sich nicht durch Rhetorik bewahren. Sie muss verteidigungsf\u00e4hig, wirtschaftlich tragf\u00e4hig und politisch legitim sein. Eine Friedensordnung braucht Rechtsbindung, aber auch Macht; offene M\u00e4rkte, aber resiliente Lieferketten; multilaterale Regeln, aber auch die F\u00e4higkeit, sie zu sch\u00fctzen. Einer Union aus 27 Mitgliedstaaten, deren Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik in zentralen Fragen noch immer durch Einstimmigkeit blockierbar bleibt, fehlt es zu oft an der F\u00e4higkeit, Macht rechtzeitig, gemeinsam und glaubw\u00fcrdig einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die europ\u00e4ische Aufgabe besteht deshalb darin, Kants Lehre nicht zu romantisieren, sondern unter den Bedingungen einer h\u00e4rteren Weltordnung zu erneuern: durch Verteidigungsf\u00e4higkeit, auf die Europa nach 1990 glaubte verzichten zu k\u00f6nnen; durch fiskalische Tragf\u00e4higkeit, die angesichts hoher Staatsschulden schwieriger wird; und durch demokratische Kontrolle, die unter dem Druck illiberaler Kr\u00e4fte neu verteidigt werden muss. Souver\u00e4nit\u00e4t darf dabei keinen R\u00fcckzug ins Nationale bedeuten, sondern muss europ\u00e4ische Handlungsf\u00e4higkeit erm\u00f6glichen. Abschreckung ist unter heutigen Bedingungen kein Verrat an Kant, sondern eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass Recht \u00fcberhaupt Gewicht hat. In diese Richtung weist auch das europ\u00e4ische Wei\u00dfbuch \u201e<a href=\"https:\/\/defence-industry-space.ec.europa.eu\/eu-defence-industry\/white-paper-european-defence-readiness-2030_en\"><em>European Defence \u2014 Readiness 2030<\/em><\/a>\u201c, das Verteidigungsf\u00e4higkeit, industrielle Kapazit\u00e4ten und Investitionen in europ\u00e4ische Sicherheitsstrukturen ins Zentrum r\u00fcckt. Kant ist in diesem Sinne kein Gegenbild zum Realismus, sondern dessen notwendige Zivilisierung: Er erinnert daran, dass Sicherheit erst dann dauerhaft wird, wenn Macht sich nicht selbst gen\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Verteidigung allein reicht nicht. Europa muss zugleich verhindern, dass der <a href=\"https:\/\/olters.eu\/de\/eine-china-strategie-fuer-die-mittelmaechte\/\">nichtamerikanische Westen<\/a> in konkurrierende Einzelstrategien zerfallen und gegeneinander ausgespielt werden. Resilienz entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch koordinierte, rechtsgebundene Vernetzung: gemeinsame Standards, Reziprozit\u00e4t, transparente Finanzierung, belastbare Streitbeilegung, industrielle Partnerschaften und die F\u00e4higkeit, gegen\u00fcber Gro\u00dfm\u00e4chten gemeinsam zu verhandeln. Die Lehre aus der Geschichte lautet deshalb nicht R\u00fcckzug, sondern handlungsf\u00e4hige Kooperation. Europa darf nicht warten, bis eine neue Katastrophe jene Einsicht erzwingt, die nach 1945 zur Grundlage der Friedensordnung wurde. Eine erneuerte Ordnung muss vorher entstehen \u2014 aus f\u00fcnf Priorit\u00e4ten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Die Ukraine dauerhaft unterst\u00fctzen und das Gewaltverbot verteidigen<\/em>: Eine Niederlage dieses Prinzips w\u00fcrde weit \u00fcber die Ukraine hinauswirken.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Strategische Abh\u00e4ngigkeiten reduzieren, ohne in Abschottung zu verfallen<\/em>: Energie, Rohstoffe, digitale Infrastruktur, kritische Technologien und Lieferketten geh\u00f6ren heute zur Sicherheitsarchitektur.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Wirtschaftliche Erneuerung vorantreiben<\/em>: Produktivit\u00e4t, Bildung, Forschung, Infrastruktur, Energieinvestitionen und Kapitalmarktintegration sind Voraussetzungen europ\u00e4ischer Handlungsf\u00e4higkeit.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Die liberale Ordnung im Inneren st\u00e4rken<\/em>: Rechtsstaatlichkeit, soziale Mobilit\u00e4t, bezahlbares Wohnen, regionale Entwicklung und Vertrauen in Institutionen sind Voraussetzungen au\u00dfenpolitischer Belastbarkeit.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Multilateralismus reformieren, nicht nur beschw\u00f6ren<\/em>: Eine Ordnung, die im globalen S\u00fcden als westlicher Besitzstand erscheint, wird nicht gen\u00fcgend Legitimit\u00e4t besitzen. Reformen der Vereinten Nationen, von Weltbank und IWF, der internationalen Schuldenarchitektur, der Klimafinanzierung und der Entwicklungszusammenarbeit sind deshalb Teil europ\u00e4ischer Sicherheitspolitik.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Der 8. Mai 1945 erinnert daran, wohin v\u00f6lkischer Nationalismus, Faschismus, Rassenideologie und imperiale Machtpolitik f\u00fchren k\u00f6nnen. Er erinnert aber auch daran, dass aus Katastrophen Ordnungen entstehen k\u00f6nnen, wenn politische Vernunft, institutionelle Kreativit\u00e4t und moralische Klarheit zusammenkommen. Die Ordnung nach 1945 war nicht perfekt. Aber sie beruhte auf einer Einsicht, die heute wieder dringlich ist: Frieden verlangt mehr als Waffenstillstand; Wohlstand mehr als M\u00e4rkte; Freiheit mehr als nationale Selbstbehauptung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kants Idee des ewigen Friedens bleibt dabei kein fertiger Bauplan, sondern ein Ma\u00dfstab politischer Orientierung in unsicheren Zeiten. Sie fragt, ob Staaten \u2014 und vor allem Gro\u00dfm\u00e4chte \u2014 im Zustand blo\u00dfer Gewaltm\u00f6glichkeit verharren oder ob und unter welchen Umst\u00e4nden sie bereit sind, Macht Schritt f\u00fcr Schritt rechtlich zu binden. Genau diese Frage steht im Zentrum der gegenw\u00e4rtigen Krise. Wenn Europa glaubt, Frieden k\u00f6nne ohne Verteidigungsf\u00e4higkeit, Wohlstand ohne regelbasierte Offenheit und Freiheit ohne demokratische Substanz bestehen, riskiert es das Fundament seiner Nachkriegsordnung. Wenn es aber realistische Mittel mit liberalen Zwecken verbindet, kann aus der gegenw\u00e4rtigen Krise eine Erneuerung entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frieden ist kein Erbe, das sich von selbst erh\u00e4lt. Er ist eine Ordnung, die immer wieder gegen ihre historischen Gegenkr\u00e4fte verteidigt werden muss: gegen Nationalismus ohne Selbstbegrenzung, gegen Realismus ohne Recht, gegen M\u00e4rkte ohne Resilienz und gegen Multilateralismus ohne Machtbasis. Der 8. Mai verpflichtet nicht zur Selbstzufriedenheit. Er erinnert daran, dass eine Welt ohne verl\u00e4ssliche Friedensordnung keine Abstraktion ist \u2014 und dass sie zur\u00fcckkehrt, wenn wirtschaftliche Unsicherheit, autorit\u00e4re Machtpolitik, demokratische Erosion und die Missachtung des Rechts einander verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Jan-Peter Olters<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 81 Jahren, um 23.01 Uhr mitteleurop\u00e4ischer Zeit, endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Mehr als zehn Millionen Angeh\u00f6rige der alliierten Streitkr\u00e4fte \u2014 vor allem der Roten Armee \u2014 waren gefallen, bevor die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht erzwungen werden konnte. Der milit\u00e4rische Akt war bereits am 7. 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